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Amritpal Singh ist in Indien auf der Flucht und sorgt für Unruhe

27 Millionen Menschen in Indien hatten kein Internet mehr – wegen dieses flüchtigen Mannes

25.03.2023, 11:3626.03.2023, 17:06
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Seit einer Woche sucht die indische Regierung fieberhaft nach Amritpal Singh, einem Sikh-Separatistenführer aus dem nordwestlichen Bundesstaat Punjab. Seine Festnahme erscheint dringlich: Um seine Flucht zu erschweren, schaltete die Regierung am Tag des Haftbefehls das Internet für die 27 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner des Bundesstaats ab.

Der 30-jährige Amritpal Singh führt die Gruppe Waris Punjab De an, was so viel wie «die Erben Punjabs» bedeutet. Diese machte im Februar nationale Schlagzeilen, als sie eine Polizeistation in der Stadt Ajnala stürmte und die Freilassung eines Verbündeten forderten. Sein Auftreten schürt Unruhe und erinnert viele an eine blutige Zeit vor 40 Jahren.

Wer ist Amritpal Singh, wieso ist er auf der Flucht und was hat das alles mit den Ereignissen von 1984 zu tun?

Vom Lkw-Fahrer zum Anführer

Amritpal Singh ist ein 30-jähriger selbsternannter Prediger, der zur Religionsgemeinschaft der Sikhs gehört. Bis vor Kurzem war er noch ein unbekannter Lkw-Fahrer, der in Dubai für ein Transportunternehmen arbeitete.

Auf seinem LinkedIn-Profil gibt er zudem an, einen Bachelor in Maschinenbau abgeschlossen zu haben. Was auf seinem Profil aber am meisten ins Auge sticht, ist sein Anzeigebild, welches in starkem Kontrast zu seiner späteren Erscheinung steht:

Amritpal Singh
Amritpal Singh zeigt sich auf LinkedIn noch ohne langen Bart und den Turban, den die Sikhs traditionellerweise tragen.Bild: linkedin

Als 2020 die Bauern in Indien gegen umstrittene Argrargesetze zu protestieren begannen, kehrte Singh in seine Heimat zurück, um sie zu unterstützen.

Er schloss sich der Gruppe Waris Punjab De an, die von Schauspieler und Aktivist Deep Sidhu unter anderem zur Mobilisierung der Bauern im Bundesstaat Punjab gegründet wurde. Von Punjab aus griffen die Bauernproteste auf das gesamte Land über, wo sie während über eines Jahres unnachgiebig auf den Strassen protestierten. Nachdem die indische Regierung unter Premierminister Narendra Modi die Gesetze im November 2021 schliesslich zurückgezogen hatte, kehrte Singh wieder nach Dubai zurück.

epa10133279 Indian farmer shouts slogans during a protest against the central government in New Delhi, India, 22 August 2022. Thousands of farmers gathered to hold a protest in support of various dema ...
Indische Farmer beim Protest in der Hauptstadt Neu-Delhi am 22. August 2022.Bild: keystone

Der Gründer der Gruppe Waris Punjab De, Deep Sidhu, konnte den Erfolg der Proteste nicht lange geniessen: Im Februar 2022 kam er bei einem Autounfall ums Leben. Im darauffolgenden August reiste Singh wieder nach Indien, wo er sich im September an die Spitze der Organisation setzte.

Der Wunsch nach Autonomie

Dass die Bauernproteste im Bundesstaat Punjab ihren Anfang gefunden haben, überrascht nicht. Der Bundesstaat lebt weitestgehend von der Landwirtschaft, zudem ist die Beziehung zwischen Punjab und der indischen Regierung schon seit jeher angespannt.

Punjab ist der einzige Bundesstaat in Indien, in dem die Religionsgemeinschaft der Sikh mit 57 Prozent eine Mehrheit in der Bevölkerung darstellt. Im Rest des Landes, in dem sie insgesamt weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind sie weit in der Unterzahl. Und das spüren sie: Schon seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 klagen sie über Diskriminierung durch die hinduistisch geprägte Regierung.

Mit Waris Punjab De wollte Gründer Deep Sidhu für mehr Autonomie in Punjab eintreten. Als neuer Anführer ging Amritpal Singh in diesem Vorhaben aber noch einen Schritt weiter, indem er die Unabhängigkeit Punjabs forderte: den Staat Khalistan. Er glaubte, in der Modi-Regierung einen zunehmenden Hindu-Nationalismus erkennen zu können, was er in feurigen Reden anzuprangern begann. Einen weiteren grossen Fokus setzte er zudem auf die Bekämpfung der grassierenden Drogenprobleme im Staat Punjab.

Seine Worte stiessen bei den Sikhs auf offene Ohren und mit seiner Anhängerschaft begann auch die Besorgnis der lokalen und zentralen Regierung zu wachsen. Der Innenminister Amit Shah betonte, dass man die khalistanischen Aktivitäten genaustens überwache und keine Verbreitung der Bewegung erlaube. Nicht ohne Grund: Unter ähnlichen Vorzeichen stürzte Indien 40 Jahre zuvor in brutales Chaos.

Blutige Erinnerungen an 1984

War ein unabhängiges Punjab bzw. Khalistan schon seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 ein grosser Wunsch der Sikhs, so erhielt die Bewegung erst ab den 1970er-Jahren wieder Aufschwung. Dem Sikh-Führer Jarnail Singh Bhindranwale gelang es, mit den Forderungen eines autonomen Punjabs innerhalb Indiens eine grosse Anhängerschaft um sich zu scharen. Sein Ansehen wuchs, worauf er im Sommer 1982 in das Gasthaus des heiligen Goldenen Tempels – des höchsten Heiligtums der Sikhs – einzog und eine Art Parallelregierung bildete. Er begann, Waffen zu sammeln und sowohl gegen die Regierung als auch gegen andersdenkende Sikhs vorzugehen.

der goldene Tempel in Amritsar.
Der Goldene Tempel und die dahinterliegende Tempelanlage (Harmandir Sahib) in Amritsar, Punjab.Bild: Shutterstock

Nachdem alle Verhandlungsversuche der damaligen indischen Premierministerin Indira Gandhi mit den Separatisten gescheitert waren, beschloss sie, den Goldenen Tempel im Rahmen der Operation Blue Star am 5. Juni 1984 stürmen zu lassen. Bhindranwale kam bei dem Einsatz ums Leben. Sowohl der Tod Bhindranwales als auch die Entweihung des heiligen Tempels durch den Polizeieinsatz schockierten die Sikh-Gemeinschaft. In einem Akt der Rache wurde Indira Ghandi am 31. Oktober 1984 von zwei ihrer sikhistischen Leibwächtern erschossen.

Die am 19. November 1917 in Allahabad geborene indische Politikerin Indira Gandhi im Maerz 1981. Die Tochter des ersten indischen Premierministers Jawaharlal Pandit Nehru war von 1966-77 Premierminist ...
Indira Ghandi im Jahr 1981.Bild: EPA DPA

Die Situation verschlechterte sich für die Sikhs dadurch massiv, wie Aidan Milliff, ein Postdoktorand in Stanford, der die Punjab-Krise erforscht hat, gegenüber der Newsplattform Axios erklärt:

«Das setzte eine riesige Kette von Ereignissen in Gang und führte im Grunde zu einem zehnjährigen Bürgerkrieg.»

In den sogenannten Anti-Sikh-Pogromen zwischen dem 31. Oktober und dem 4. November 1984 wurden offiziellen Schätzungen zufolge etwa 3000 Sikhs ermordet. Die Khalistan-Bewegung wurde dadurch nur noch mehr angefeuert, was ein Jahrzehnt von Gewalt und Konflikt nach sich zog. Erst Mitte der 1990er-Jahre ebbte die Bewegung angesichts der starken politischen Unterdrückung wieder ab.

Der Sturm der Polizeistation

Zurück zur Gegenwart. Amritpal Singh vergleicht sich gerne mit Bhindranwale, der bei den Sikhs als Märtyrer hoch in Ehren gehalten wird. Wie Bhindranwale scheut er nicht davor zurück, der Regierung den Kampf anzusagen:

«Wir werden gegen die Zentralregierung kämpfen müssen, die uns (Sikhs) hasst. Der Innenminister des Landes sagt, dass er Khalistan zerschlagen wird. Wir werden nicht untätig bleiben, wenn wir provoziert werden.»

Anlass zu dieser Aussage hatte eine Anklage gegen Amritpal Singh und fünf seiner Anhänger gegeben. Ein ehemaliger Anhänger Singhs beschuldigte die Gruppe, ihn entführt und zusammengeschlagen zu haben. Die Polizei führte daraufhin Razzien durch, in Zuge derer sie einen Gehilfen Singhs festnahmen.

Hunderte von Sikhs stürmten deshalb am 23. Februar die Polizeistation Ajnala, wo der Gehilfe festgehalten wurde, und forderten dessen Freilassung. Die Polizei anerkannte die Unschuld des festgehaltenen Mannes und willigte ein, ihn am folgenden Tag freizulassen, worauf sich die Anhängerschaft wieder zurückzog. Davor soll Amritpal Singh allerdings noch eine Warnung ausgesprochen haben, welche die Regierung in Alarmbereitschaft versetzte. An den indischen Innenminister gerichtet, soll er gemäss indischen Medien angedeutet haben, dass diesen dasselbe Schicksal wie Gandhi ereilen könne, sollte er sich weiter gegen Khalistan aussprechen.

Die grossangelegte Fahndung

Am 18. März stellte die indische Regierung auf Basis des versuchten Mordes, der Behinderung der Strafverfolgung und der Schaffung von «Disharmonie» in der Gesellschaft erneut einen Haftbefehl gegen Amritpal Singh aus.

Zeitgleich kündigte die Regierung von Punjab ein zunächst 24-stündiges Verbot von mobilen Internet- und SMS-Diensten an. Damit sollte die Verbreitung von Fake News, Gerüchten und Fehlinformationen in den sozialen Medien verhindert werden. Von dieser Massnahme war die gesamte Population Punjabs – also 27 Millionen Menschen – betroffen. Diese Massnahme wurde mehrmals verlängert, beschränkt sich mittlerweile aber nur noch auf vereinzelte Distrikte.

Die Indien-Korrespondentin Lauren Frayer führt gegenüber dem amerikanischen Radiosender NPR die Reaktion der indischen Regierung weiter aus:

«Die Regierung hat Tausende von paramilitärischen Truppen nach Punjab entsandt, mehr als 150 Personen, darunter Singhs Verwandte, verhaftet, Waffen und Munition beschlagnahmt und den 4G-Mobilfunkdienst für buchstäblich zig Millionen Menschen in weiten Teilen Nordindiens eingestellt.»

In Indien spekuliere man, ob Amritpal Singh bereits gefasst worden sei, berichtet Frayer weiter. Sie hält es nicht für unmöglich, dass die Polizei diese Information geheim halten würde, um die Spannungen nicht weiter zu verschärfen.

Gespaltene Meinung innerhalb der Sikhs

Wie gross das Ausmass der separatistischen Stimmung in Punjab tatsächlich ist, ist nur schwer abzuschätzen. Auf Twitter finden sich Stimmen zu beiden Lagern. Während die einen Sikhs gegen das Vorgehen der Regierung protestieren und sich ein unabhängiges Khalistan wünschen, setzen sich andere für die Einheit Indiens ein. Zum Ausdruck ihrer Unterstützung der Einheit hängen derzeit viele Sikhs Indien-Flaggen auf:

In Kanada, den USA und Grossbritannien hingegen, wo eine grosse Sikh-Diaspora lebt, wird gegen die Fahndung Amritpal Singhs protestiert. Am Montag wurden in London und San Francisco die indischen Konsulate verwüstet.

A San Francisco Police Officer stands outside of the entrance to the Consulate General of India in San Francisco, Monday, March 20, 2023. San Francisco police had erected barriers and parked a vehicle ...
Ein Polizeibeamter aus San Francisco steht vor dem Eingang des indischen Generalkonsulats in San Francisco, das bei Protesten am 20. März verwüstet worden war.Bild: keystone

Als Reaktion darauf protestierten Sikhs vor dem Gebäude der britischen Hochkommission in Neu-Delhi. Sie wollten sich dadurch klar von den Amritpal-Anhängern in Grossbritannien, die sie als khalistanische Extremisten bezeichnen, abgrenzen.

In Indien sind Khalistan-Bewegungen verboten und werden als nationale Bedrohung der Sicherheit oder sogar als terroristische Organisationen angesehen. Das Gesetz wurzelt in den Ereignissen von 1984 und erschwert den heutigen Sikhs, den Wunsch nach mehr Autonomie zu äussern. Amritpal Singh scheut vor diesem Gesetz nicht zurück, was ihn zu einer umstrittenen Figur macht. Für die einen ist er ein Held, für die anderen eine Bedrohung, die zu einer Wiederholung der Ereignisse rund um 1984 führen könnte.

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rivka
25.03.2023 13:04registriert April 2021
War ja klar, dass der Hindu-Rassist Modi mit seiner nationalistischen Politik nun auch die Sikhs zum Aufstand gebracht hat. Die indischen Muslime kochen schon seit längerem, weil sie seit ein paar Jahren systematisch diskriminiert werden. Wenn jetzt auch noch die Sikhs angefangen haben sich zu wehren, dann sieht die Zukunft von Indien nicht gut aus. Und wieso das? Weil wieder mal an der Macht ein alter populistischer Kauz ist. 🤦🏻‍♀️
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Hösch
25.03.2023 11:50registriert März 2022
Beim Erkennen von Hindu-nationalen Strömungen bei der Regierung ist er nicht ganz alleine.
Benachteiligung von Minderheiten ist nicht nur für die Sikhs ein Problem und die Unzufriedenheit braucht nur ein Sprachrohr um sich Bahn zu brechen.
Die Fronten verhärten sich und mir graut vor den Folgen.
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Haarspalter
25.03.2023 12:29registriert Oktober 2020
Ein interessanter Artikel.

Immer wieder spannend zu sehen, dass im Milliardenvolk der Inder einzelne Individuen dermassen hervorstechen und es schaffen, sowohl die einfachen Menschen wie auch die Machthaber zu bewegen.
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