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Interview

Angriff auf Israel: «Zeitpunkt wurde sehr präzis ausgewählt»

Palestinians celebrate by a destroyed Israeli tank at the Gaza Strip fence east of Khan Younis on Saturday, Oct. 7, 2023. The militant Hamas rulers of the Gaza Strip carried out an unprecedented, mult ...
Palästinenser mit einem erbeuteten Panzer der israelischen Armee.Bild: keystone
Interview

«Der Zeitpunkt für den Angriff wurde präzis ausgewählt»

Nahost-Experte Hans-Lukas Kieser sagt, weshalb der Angriff der Hamas in seiner Art einzigartig ist. Zudem schätzt er ein, ob es jetzt einen Flächenbrand geben könnte.
07.10.2023, 13:5707.10.2023, 16:25

Bewaffnete Palästinenser haben israelische Ortschaften gestürmt. Hat es so etwas in kürzerer Vergangenheit schon einmal gegeben?
Hans-Lukas Kieser: Nein, in diesem Ausmass nicht. In den 50er-Jahren gab es die sogenannten «Infiltrationen», durch irreguläre palästinensische Kräfte. Das waren zum Teil einfach Flüchtlinge, die zurückwollten. Ansonsten wurden in der Region konventionelle Kriege geführt – 1948, 1967 und 1973. Dort haben reguläre Armeen versucht, in Israel einzudringen. Gelungen ist es diesen jedoch nicht. Daher erleben wir heute eine Premiere.

Die israelische Armee wirkt überrascht. Sehen Sie das auch so?
Ein Überraschungseffekt ist da. Anders kann man sich den massiven Luftschlag der Hamas nicht erklären. Zudem haben bewaffnete Palästinenser den Grenzzaun durchbrechen und mit Fahrzeugen in die israelischen Ortschaften fahren können. Damit hat Benjamin Netanjahu kaum gerechnet. Mit mehr als 20 israelischen Todesopfern ist der Angriff bereits jetzt traumatisch. Die Dschihadisten gehen auf alle Jüdinnen und Juden los, versuchen Geiseln zu nehmen, versuchen möglichst viele umzubringen.

Türkei-Experte Hans-Lukas Kieser
Hans-Lukas Kieser ist Historiker an den Universitäten Zürich und Newcastle, Australien. Er forscht vor allem über das Osmanische Reich, die Türkei sowie den Nahen Osten.Bild: pd/University of Newcastle

Das alles an einem jüdischen Feiertag ...
Der Angriff hat Parallelen zu jenem von 1973. Die Attacke heute findet während des Sabbats statt. Und Israel feiert gerade das jüdische Fest Simchat Tora. Auch 1973 wurde der Angriff während eines Feiertags gestartet – weshalb die Auseinandersetzungen von damals als Jom-Kippur-Krieg in die Geschichtsbücher gingen.

Netanjahu kündigte an, er werde massiv zurückschlagen. Womit müssen die Palästinenser jetzt rechnen?
Sie müssen mit massiven Vergeltungsschlägen rechnen. Israel wird jetzt Angriffe auf alles, was nach Abschussrampe und Hamas aussieht, durchführen. In den vergangenen 20 Jahren hat Israel mehrere Vergeltungsschläge durchgeführt, welche in der Regel sehr verlustreich waren. Das liegt auch daran, dass die Hamas ihre Stützpunkte bewusst in Siedlungsgebiete gelegt hat. Dadurch können sie sich einerseits gut verstecken und andererseits globale Empörung schüren.

Wird es jetzt tagelange Gefechte geben?
Das ist schwierig zu sagen. Man muss sich bewusst sein, dass der Iran hinter der Hamas steht. Auch der islamische Dschihad hat sich der Offensive angeschlossen. Im schlimmsten Fall schliesst sich die Hisbollah den Angriffen an. Sie ist im Norden Israels stationiert und um ein Vielfaches stärker, als die Hamas im Gaza-Streifen. Ich gehe aktuell aber davon aus, dass der Angriff nur vom Süden her geführt wird. Israel dürfte die Kämpfer in relativ kurzer Zeit zurücktreiben oder töten. Denkbar ist auch ein Einmarsch der israelischen Armee im Gaza-Streifen. Insgesamt ist die Situation jedoch unberechenbar.

Angriff auf Israel

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Angriff auf Israel
Am Morgen des 7. Oktobers 2023 startete die Terrormiliz Hamas einen grossflächigen Angriff auf zahlreiche Ziele in Israel. Es handelt sich um den grössten Massenmord an Jüdinnen und Juden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
quelle: keystone / abir sultan
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Iran hat soeben das Vorgehen der Hamas gelobt.
Die grosse Frage ist, was Iran will. Teheran hat weitgehend das Sagen. Normalerweise kalkulieren die Iraner jedoch sehr genau, wie weit sie die Situation eskalieren lassen wollen.

Haben die Angriffe von heute Potenzial für einen Flächenbrand?
Ja, eindeutig. Der Zeitpunkt für den Angriff wurde präzis ausgewählt. Es findet nicht nur ein jüdischer Festtag statt. Die israelische Gesellschaft ist zudem stark polarisiert aufgrund der rechtsextremen Regierung. Gleichzeitig herrscht ein generelles Kriegsklima. Die türkische Armee ist sehr aktiv, fliegt Angriffe auf Kurden in Syrien und Irak. Hinzu kommt der kürzliche Krieg im Kaukasus und der Krieg in der Ukraine. Die Lage ist derzeit sehr leicht entzündbar.

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