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Interview

Türkei ein Jahr nach Erdbeben: So geht es den Kindern

Kinder in der Türkei in der Erdbebenregion
So sieht das neue Zuhause von Kindern im türkischen Erdbebengebiet heute aus. Bild: UNICEF/ Ayşegül Karacan
Interview

«Da war kein Licht, kein Geräusch, kein Gebäude – es war wie in einem Horrorfilm»

Vor einem Jahr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Südosten der Türkei und Syrien. Wie geht es den Menschen heute? Und den Kindern? Sema Hosta vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF gibt einen berührenden Einblick.
06.02.2024, 20:0207.02.2024, 03:25
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Sie sind kurz nach dem ersten Beben nach Gaziantep gereist und seither dort für UNICEF stationiert. Wie geht es den Betroffenen an diesem traurigen Jahrestag?
Sema Hosta:
Heute ist ein sehr emotionaler Tag. Die Menschen, die im Erdbebengebiet leben, haben ihre Farbe im Gesicht verloren. Sind traumatisiert. Die Erinnerung an das Beben kommt immer wieder in Schüben hoch. Viele erzählen mir von diesen Sekunden, die ihr Leben komplett verändert haben. Diese Sekunden, in denen sie alles verloren. Den Schmerz, den sie noch immer fühlen, kann man gar nicht in Worte fassen.

Sema Hosta UNICEF
Sema Hosta ist Leiterin der Kommunikationsabteilung des UN-Kinderhilfswerks UNICEF in der Türkei.Bild: zvg

UNICEF setzt sich besonders für Kinder ein. Welche Konsequenzen hatte das Erdbeben für sie?
2,4 Millionen Kinder sind heute noch auf lebensrettende Dienste und Unterstützung angewiesen. Welche psychischen Wunden sie davongetragen haben, zeigt vielleicht die Geschichte eines kleinen Jungen, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Wenige Wochen nach dem Erdbeben besuchte ich eine Schulklasse in Nurdagi. Die Lehrerin fragte die Kinder, was sie im Körper fühlen, wenn sie glücklich sind. Die Kinder zählten auf: Ich spüre Schmetterlinge im Bauch, ich fühle es in meiner Brust, im Gesicht, wenn ich lache, und vieles mehr. Dann fragte sie die Kinder, wo in ihrem Körper sie Angst spüren. Ein etwa fünfjähriger Junge antwortete, er spüre die Angst in den Handflächen und an den Fusssohlen.

Das Erdbeben.
Ja, das Erdbeben… Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen.

Schon gut. Mir kommen nur diese Bilder von vergangenem Jahr hoch, von den Gebäuden, die wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen und tausende Menschen unter sich begruben. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schrecklich das Beben für diesen Jungen gewesen sein muss.
Ich weiss, was Sie meinen. Seit über 20 Jahren bin ich Kommunikationsverantwortliche bei UNICEF Türkei. Nie habe ich in einem Interview weinen müssen. Doch vergangene Woche sind mir die Tränen gekommen. Aber die Situation in der Region verbessert sich stetig. Gerade für Kinder sind Schulen enorm wichtig. Sie geben ihnen ein Stück Normalität und Struktur im Alltag zurück. Gemeinsam mit der türkischen Regierung konnten wir inzwischen 1'279 beschädigte Schulen wiederaufbauen. Mit dieser Infrastruktu können wir zahlreiche weitere Angebote schaffen, mit denen wir die Kinder, Jugendlichen aber auch Eltern psychologisch unterstützen können.

Ein Kind spielt, während eine Frau am ersten Jahrestag des verheerenden Erdbebens, das die Türkei und Syrien erschütterte, auf dem Hatay-Erdbebenfriedhof in Hatay, Türkei, trauert, 06. Februar 2024. I ...
Eine Frau trauert auf dem Friedhof von Hatay um Angehörige, die sie beim Erdbeben vom 6. Februar 2023 verlor. Neben ihr spielt ihr Kind. (06. Februar 2024)Bild: EPA

Die Situation vor Ort soll jedoch noch immer prekär sein. Die meisten Betroffenen leben in Containern, manche noch immer in Zelten. Einige Orte haben keinen funktionierenden Zugang zu fliessendem Wasser.
Genau, die meisten leben in Containern. Natürlich ist das Leben für die Betroffenen dort nicht einfach. Die Fläche für eine Familie in einem Container ist für türkische Verhältnisse sehr klein. Zudem ist der kalte Winter hart. Der heisse Sommer war es aber ebenso. Selbst wenn die Container mit Klimaanlagen ausgestattet sind, die heizen und kühlen können. Es gibt inzwischen aber durchaus Infrastruktur, die die Menschen mit Trinkwasser versorgt. Es hat sanitäre Anlagen, Küchen, Duschen, Strom. Aber es gibt eben auch zahlreiche Menschen, die nicht in den Containern in den Städten leben möchten, die ihnen die Regierung zugewiesen hat. Diese Menschen wollen – oft aus emotionalen Gründen – in der Nähe ihres Zuhauses bleiben und sind darum teilweise noch immer auf Wasser in Flaschen angewiesen.

Zeltunterkunft im Erdbebengebiet in der Türkei
So sehen die Zelte aus, in denen einige Menschen noch immer leben.Bild: UNICEF/ Ayşegül Karacan

Es gibt auch Berichte, dass Lebensmittel- und Kleiderspenden fehlen. Hat die Hilfe für die Erdbebenopfer abgenommen?
Die Welle der Solidarität und der humanitären Hilfe aus der ganzen Welt war nach dem Erdbeben überwältigend. Inzwischen hat diese Unterstützung abgenommen. Natürlich könnten die Betroffenen auch heute Hilfe gebrauchen. Mehr geht immer. Angesichts der vielen globalen Notfälle können wir aber niemanden dafür verurteilen, dass die Erdbebenopfer in der Türkei und Syrien in den Hintergrund gerückt sind.

Ein am 05. Februar 2024 veröffentlichtes Bild zeigt ein mit einer Drohne aufgenommenes Luftbild der Zerstörung nach einem starken Erdbeben in Kahramanmaras, Türkei, am 18. Februar 2023 (oben), und ein ...
So sieht Kahramanmaras ein Jahr nach dem Beben aus (unten) verglichen mit dem Tag nach dem Erdbeben (oben).Bild: EPA

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat direkt nach dem Beben einen schnellen Wiederaufbau versprochen. Viele kritisieren, dass dieser zu langsam vorangeht. Ist das eine berechtigte Kritik?
Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet. Was man sich aber vor Augen halten muss, ist das schiere Ausmass dieser Katastrophe. Das Erdbeben erschütterte eine Fläche, die grösser ist als einige europäische Länder. Ein Gebiet, in dem über 14 Millionen Menschen lebten. Ich war wenige Tage nach dem Erdbeben in Hatay, einer Stadt, auf die wir Türken immer sehr stolz waren. Sie war so lebendig, voller historischer Stätten, vielfältig. Neben der Moschee standen eine Kirche und dahinter eine Synagoge. Nach dem Beben stand praktisch nichts mehr von alledem. Da war kein Licht, kein Geräusch, kein Gebäude – es war wie in einem Horrorfilm. Dass es lange dauert, solche Städte wiederaufzubauen, ist nachvollziehbar.

Menschen versammeln sich am Dienstag, dem 6. Februar 2024, in der südtürkischen Stadt Antakya, um den einjährigen Jahrestag des katastrophalen Erdbebens zu feiern. Auf einem Transparent ist zu lesen:  ...
Menschen versammelten sich am Dienstag, dem 6. Februar 2024, in der Stadt Antakya, in Gedenken an die Verstorbenen. Auf dem Transparent ist zu lesen: «Kann jemand meine Stimme hören?», ein Satz, den Helfer beim Suchen nach Überlebenden stets riefen. Er ist inzwischen ein Symbol der Kritik an Erdogan.Bild: AP

Wie sieht der Alltag der Erdbebenopfer unter diesen Umständen heute aus?
Schon vor dem Erdbeben war die hohe Arbeitslosigkeit in der ganzen Türkei ein Problem. Natürlich hat das Beben die Lage für die Menschen in der Region verschlechtert. Im Bausektor gibt es nun aber viele Arbeitsplätze. Das Problem ist, dass viele vor Ort aufgrund von schweren Verletzungen, die sie vom Beben davongetragen haben, nicht mehr als Bauarbeiter oder ähnliches arbeiten können. Aber ich beobachte auch Positives: wie Frauen in ihren Containern kochen und das Essen verkaufen oder Gemüse anpflanzen und so ein wenig Geld verdienen. Die Widerstandskraft der Menschen ist zutiefst beeindruckend. Ich sehe, wie Kinder wieder Hoffnung schöpfen.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja. Ein 13-jähriger Junge in Gaziantep erzählte vor einem Jahr, dass er Arzt werden wolle. Aber es sei schwierig in seiner Schule, die sich damals noch in einem Zelt befand, zu lernen. Wenn es windete oder regnete, verstand er den Lehrer kaum. Ein Jahr später konnte UNICEF dafür sorgen, dass sich seine Schule wieder in einem regulären Gebäude befindet. Sein Berufswunsch hat sich inzwischen geändert. Jetzt will er Architekt werden, um künftig erdbebensichere Häuser bauen zu können. Für Hatay, für die ganze Türkei. Ich bin sicher, das wird er schaffen. Und das ist keine blinde Hoffnung.​

Hoffnung nimmt man in der Schweiz aus der Türkei eher nicht wahr. Viel mehr eine Wut auf die Regierung, der die Menschen die Schuld an den vielen Todesopfern aufgrund ihrer Baupolitik zuschreiben.
Ich weiss, worauf Sie mit dieser Frage hinauswollen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, dass es den Betroffenen durchgehend schlecht geht und dass sich die Situation für sie kaum verbessert hat. Denn das stimmt nicht. Der Wiederaufbau findet statt. Da ist sehr viel Widerstandskraft, sehr viel Wille, nach vorne zu schauen. Das Leben kehrt in die Region zurück. Aber natürlich brauchen die Menschen noch viel Unterstützung von internationalen Organisationen und der Regierung. Wie lange sie diese Hilfe brauchen werden, ist schwer zu sagen.​

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Türkei: Satellitenbilder zeigen Erdbeben-Folgen
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Die Zerstörung in Kahramanmaras aus der Vogelperspektive.
quelle: keystone
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Türkei: Rettungskräfte bergen immer noch Überlebende nach Erdbeben
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10 Kommentare
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Gutemine
06.02.2024 20:44registriert Juli 2018
Und gewisse Orte erhalten gar keine Hilfe vom Staat, so wie Antakya. Die Stadt war traditionell von der Opposition regiert, und so liess Erdogan verlauten: "Solange die Lokalpolitik in Antakya nicht mit der Zentralregierung in Ankara zusammenarbeitet, solange wird es auch nicht genügend Hilfe für diese Stadt geben." Will heissen, solange die Menschen Opposition wählen, so lange gibt es keine Unterstützung. Tragisch und erpresserisch, die Notsituation politisch so auszunutzen
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