Ukraine demütigt Putin mit Moskau-Angriff – das bedeutet der Coup für den Krieg
Die Ukraine holt zum Gegenschlag aus: Hunderte Drohnen schickte Kiews Armee am Wochenende Richtung Russland, Dutzende erreichten Moskau und richteten Schäden an. Der Kreml meldete mindestens drei Tote und zwölf Verletzte.
Die Angriffe haben den Krieg Russlands gegen die Ukraine direkt ins Herz der russischen Staatsmacht gebracht. Und sie haben das Unvermögen der russischen Flugabwehr aufgezeigt.
Entsprechend wütend fiel die russische Reaktion aus: Mit mehr als 500 Drohnen und über 20 ballistischen Raketen wurde in der Nacht zum Montag die Ukraine angegriffen. Nach Angaben des ukrainischen Rettungsdienstes wurden mehr als zwei Dutzend Menschen verletzt, darunter auch Kinder.
Warum attackiert die Ukraine jetzt die russische Hauptstadt? Der Politikwissenschafter Gustav Gressel ordnet ein.
Das Interview
Herr Gressel, der ukrainische Drohnenangriff auf Moskau wirkte spektakulär. Wie bewerten Sie diese Attacke?
Gustav Gressel: Dieser Angriff ist natürlich ein Signal an Moskau und das war auch genau so intendiert. Vor dem 9. Mai hat Russland massiv gedroht, sollte die Parade zum «Tag des Sieges» in Moskau gestört werden. Man hat sich dann auf einen kurzzeitigen Waffenstillstand geeinigt. Der Vergeltungsangriff Russlands kam dann sowieso mit ein paar Tagen Verzögerung.
Die Angst der Ukrainer ist, dass Russland vor allem versucht, die Ukraine durch Terror-Bombardements mürbe zu schiessen. Die Ukrainer wissen, dass es schwieriger werden wird, solche Angriffe abzuwehren. Deshalb hat man jetzt einen Pflock in Moskau eingeschlagen, nach dem Motto: Massenangriffe auf uns sind nicht gratis, das können wir auch. Wir können auch auf dieser Eskalationsstufe Krieg führen.
Wolodymyr Selenskyj hat von einer fairen Antwort gesprochen. Ist das eine?
Die Ukraine passt sicher stärker auf, welche Kollateralschäden die Angriffe verursachen. Auf der anderen Seite: Viele russische Angriffswaffen, die in Zivilgebäuden landen, dürften für militärische Ziele gedacht sein, sie treffen aber nicht. Russische Waffen sind sehr ungenau. Und viel davon ist einfaches Terror-Bombardement: Bibliotheken, kulturelle Ziele, medizinische Einrichtungen. Aber wenn man natürlich mit einem Marschflugkörper nach Moskau eindringen kann, dann ist das ein Signal an den Kreml.
Was wollen die Ukrainer mit diesen Angriffen erreichen?
Die Ukrainer verfolgen damit zwei Ziele. Erstens: mittels Angriffen auf die Öl- und Gas-Infrastruktur die Einnahmequellen des Kreml versiegen lassen. Zweitens: militärische Anlagen, Rüstungsindustrie, Munitionsdepots und vor allem Anlagen zur Produktion von Fernwaffen treffen.
Warum ist letzteres so wichtig?
Die Ukraine bekommt nicht genügend Mittel zur Abwehr solcher Fernwaffen. Man muss also die ganze Produktionsstrasse bekämpfen. Alle ukrainischen Angriffe fallen in diese zwei Kategorien. Das macht auch den qualitativen Unterschied der Angriffe aus: Entwicklungsbüros und Komponenten-Produzenten befinden sich sehr oft in verbautem Gebiet. Wohngebäude sind aber nicht das Ziel. Das eigentliche Ziel ist ein militärisches.
Zuletzt schien die Ukraine militärisch im Vorteil. Was macht den Unterschied auf ukrainischer Seite aus?
Einen klaren Vorteil gibt es nicht. In der Produktion haben die Ukrainer sicher Vorteile. Sie haben eine sehr dezentrale Rüstungsindustrie. Das bedeutet: Wenn die Russen ein Werk ausfindig machen und angreifen, dann erwischen sie eines von vielen Werken und sie erwischen sie auch nicht oft. In Russland ist die Rüstungsindustrie dagegen sehr zentralisiert organisiert. Wenn man da ein Werk trifft, fällt die gesamte Produktionsstrasse für eine Waffe aus.
Warum gelingen den Ukrainern diese Angriffe heute häufiger als zu früheren Zeitpunkten in diesem Krieg?
Es handelt sich hier um Mittelstrecken-Angriffe bis in eine Tiefe von Hunderten Kilometern. Die Drohnen zur Aufklärung auf diese Distanz sind sehr gut geworden. Mit diesen Angriffen treffen die Ukrainer sehr viel Flugabwehr. Und wenn ich mal durch diesen Gürtel an Flugabwehr durch bin, habe ich freie Jagd.
All das ist der Ukraine trotz Einstellung von US-Militärhilfen gelungen. Was bedeutet das für die Rolle der USA in diesem Krieg?
Die Unzuverlässigkeit der USA war der Ausgangspunkt für diese Angriffe. Diese Mittelstrecken-Waffen sollten die amerikanischen Himars-Raketenwerfer ablösen. Es gibt keine Munition mehr für die Himars. Die Amerikaner haben da ein Monopol auf die Produktion und nützen das politisch aus. Ausserdem haben die Russen sehr schnell gelernt, die GPS-Sender in den Himars zu stören. Die Munition war auch sehr teuer. Das hat die Ukrainer dazu bewegt, in Drohnen in dieser Reichweiten-Klasse zu investieren.
Sind die jüngsten Erfolge der Ukraine symbolisch oder ist das tatsächlich eine Wende?
Es geht der Ukraine deutlich besser als vor einem Jahr, aber Russland ist leider schon in der Initiative. Sie greifen weiter an. Russland zahlt derzeit allerdings einen weit höheren Preis an Material und Menschenleben. Die Frage ist, welchen Preis Putin bereit ist zu zahlen. Die grosse Wende im Krieg – da wäre ich vorsichtig. Man muss sehen, was Russland in diesem Zyklus an Innovationen und Gegen-Innovationen anstellt und wie sich die Lage im nächsten Kriegswinter entwickelt. Der kommende Winter könnte für die Ukraine den bisher grössten Mangel an Flugabwehrmunition bedeuten und deshalb extrem schwierig werden. Russland wird sicher abwarten und sehen, welchen Schaden es anrichten kann.
(aargauerzeitung.ch)
