«Bei Operationen muss man Handschuhe und Betäubungsspritze selbst auftreiben»
Die jahrzehntelangen Spannungen zwischen den USA und Kuba haben sich wieder verschärft. Spätestens seit Donald Trumps Angriff auf Venezuela und der Verhaftung von dessen Ex-Präsidenten Nicolás Maduro gerät der lateinamerikanische Sozialismus verstärkt unter Druck. Seit Dezember 2025 liess Trump Kuba vom Öl abschneiden. Nebst dem Ausbleiben des Öls deutete er schon mehrmals eine Übernahme der Insel an.
Wie die Menschen auf Kuba das knappe Öl, die Stromausfälle sowie die jüngsten politischen Entwicklungen erleben, erzählt uns Martin in einem Interview. Seit 2022 verbringt der Schweizer, gemeinsam mit seiner Frau, jeweils einen grossen Teil des Jahres auf der Karibik-Insel. Das Paar besitzt ein Haus und B&B in der Stadt Baracoa auf der Ost-Seite der Insel, rund 1000 Kilometer von der Hauptstadt Havanna entfernt.
Am Samstag, 21. März gab es einen Landesweiten Stromausfall auf Kuba. Wie ist die Stromversorgung bei euch?
Martin: Seit ungefähr zwei Jahren haben wir pro Tag für etwa eine Stunde Strom, meistens in der Nacht. Für mich und meine Frau ist das nicht so ein Problem, da wir uns für die nötigsten Elektrogeräte Solarpanels mit Speicherbatterie angeschafft haben.
Nur eine Stunde Strom pro Tag?
Ja, manchmal sogar weniger. Je weiter man von der Hauptstadt entfernt ist, desto schwieriger ist die Lage.
Wie kommen die Kubanerinnen und Kubaner mit dem knappen Strom zurecht?
Meine Nachbarn stehen jede Nacht auf, um Wäsche zu machen oder zu kochen. Das Problem ist, man weiss nie, wann der Strom genau kommt und wie lange er bleibt. Der Strom kann nach 20 Minuten wieder weg sein. Du stellst den Topf mit dem Reis auf den Herd und bevor er gar ist, ist der Strom wieder weg. Aufbewahren kann man nichts, weil alles im Kühlschrank und der Gefriertruhe kaputt geht. Auch an anderen Orten ist der knappe Strom ein Problem. In Spitälern müssen sie teils mit Taschenlampen operieren, weil sie kein Licht mehr haben.
Es gibt keine Notfallgeneratoren in den Spitälern?
Doch, aber kein Sprit. Seit Trump uns vom venezolanischen Öl abgekapselt hat, ist der Benzin- und Dieselpreis durch die Decke gegangen. Um zu tanken muss man sich mit einer App anmelden. Dabei erhält man eine Nummer, zum Beispiel 1500-irgendwas. Jeden Tag können etwa acht bis zehn Personen tanken. Bis man bei der Nummer 1500 ankommt, kann es also bis zu fünf Monate dauern. Bezahlen kann man nur mit Karte und in US-Dollar. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Liter Benzin ca. 3500 Pesos, was etwa sieben Dollar entspricht, Tendenz stark steigend.
Wie merkt ihr das nicht vorhandene Öl sonst noch?
Überall. Die ganze Lieferkette ist davon betroffen, und wenn Güter knapp sind, dann werden sie teurer. Das ist Marktwirtschaft – auch im Sozialismus.
Hast du ein paar Beispiele, damit man sich das besser vorstellen kann? Was kostet ein Karton Eier jetzt, was kostete er vor dem Venezuela-Angriff?
Ein Karton Eier, das sind 30 Stück, kostet 4000 Pesos, also etwa acht US-Dollar. Vor Venezuela war der Preis bei 2500 Pesos, also fast halb so viel. Zum Vergleich: Ein Rentner verdient etwa 1500 Pesos im Monat, eine Kassiererin 3000. Viele sind auf das Geld von Familie und Bekannten im Ausland angewiesen. Für Kubanerinnen und Kubaner ohne Familie im Ausland ist das eigentlich unbezahlbar. Die Lebensmittelpreise sind das eine, das fehlende Öl hat auch starke Auswirkungen auf die Grundversorgung. Die Stromversorgung wird auf Kuba durch Wärmekraftwerke bewerkstelligt, also mit Treibstoff. Weil die Wasserpumpen mit Strom betrieben werden, laufen nun viele im Moment nicht. Menschen müssen sich Wasser suchen gehen.
Wie war die Gesundheitsversorgung vor Venezuela? Hat sich auch hier die Lage so stark verschlechtert?
Naja, die Gesundheitsversorgung war schon schlecht, bevor kein Öl mehr aus Venezuela floss. Zwar hat Kuba gut ausgebildete Ärzte und leiht diese auch der ganzen Welt aus, jedoch fehlt es auch hier an der Grundversorgung. Hat man ein Loch im Zahn, muss man die Betäubungsspritze sowie die Füllung selbst mit zum Zahnarzt bringen. Bei Operationen im Spital muss man Gummihandschuhe, Infusionsleitungen, Spritzen oder Fäden, um Wunden zuzunähen, selbst auftreiben.
Baracoa, Kuba: Tägliche Schlange vor der Bank
Was löst das bei den Kubanerinnen und Kubanern aus? Die Unzufriedenheit gegenüber Personen, die Verantwortung tragen, muss enorm sein.
Hinter vorgehaltener Hand war die Kritik an der Regierung schon immer hoch und ist in letzter Zeit nochmals angestiegen. Seit Trump uns das Öl abgestellt hat, gibt's nicht mehr viele, die sagen: «Ich bin Kommunist und ich stehe dazu.» Öffentlich äussert sich jedoch niemand. Wer dies tut, landet im Gefängnis. Wenn jedoch alle Unzufriedenen auf die Strasse gingen, hätte die Regierung zu wenig Gefängniszellen.
Was ist mit den sozialen Medien, regt sich da irgendein Widerstand?
Das Internet wird kontrolliert, auch wenn nicht sehr stark, aber man kann nicht posten, was man will. Es gibt aber auch in den sozialen Medien keine wirkliche Opposition. Wenn, dann kommt diese von Exilkubanern aus den USA.
US-Präsident Trump machte jüngst wieder Andeutungen, Kuba zu übernehmen, woraufhin die kubanische Regierung klarstellte, dass sie sich zu verteidigen wisse. Was bekommt ihr von diesen Entwicklungen mit?
Nicht sehr viel, aber es funktioniert hier sowieso fast nichts, weshalb ich mir nicht vorstellen kann, dass dies beim Militär anders sein sollte.
Wie sind die Kubanerinnen und Kubaner gegenüber Trump eingestellt?
Gegenüber Trump haben die Leute hier gemischte Gefühle. Ein Wechsel des Systems wäre willkommen – Trump jedoch nicht.
Stehst du in Kontakt mit anderen Schweizerinnen und Schweizer auf Kuba?
Hier in Baracoa hat es ein paar Schweizer, aber auch Deutsche und Österreicher. Mit den meisten stehe ich im Kontakt.
Sind bereits einige aufgrund der aktuellen Situation wieder in ihre Heimatländer zurückgereist?
Ja, einige sind schon abgereist, jedoch hat dies nichts mit der aktuellen Situation zu tun. Viele leben nicht permanent auf Kuba, sondern verbringen einfach die Wintermonate hier. Ich selbst reise im Juni zurück in die Schweiz, weil es mir dann hier zu heiss wird.
Was wünschst du dir für die Zukunft Kubas?
Ich kam nach Kuba, um zu entschleunigen. Die Probleme scheinen jedoch immer schlimmer und schlimmer zu werden. Für die Zukunft hoffe ich, dass es wirtschaftlich vorwärtsgeht und es Waren, die weltweit erhältlich sind, auch in Kuba gibt, etwa für die medizinische Grundversorgung. Die Menschen in Kuba haben das verdient.
