DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sicherheitskontrolle am Flughafen Scharm el Scheich (06.11.2015).<br data-editable="remove">
Sicherheitskontrolle am Flughafen Scharm el Scheich (06.11.2015).
Bild: KHALED ELFIQI/EPA/KEYSTONE
Interview

Ex-Sicherheitschef des Flughafens Tel Aviv: «Es ist sehr einfach, eine Bombe an Bord zu schmuggeln – nicht nur in Ägypten»

Russland und Ägypten bestreiten es nach wie vor, doch langsam gilt als gesichert, dass eine Bombe zum Absturz von Metrojet 9268 im Sinai führte. Doch wie könnte eine solche an Bord gelangt sein? Sehr einfach, sagt Rafi Sela, ehemaliger Sicherheitschef des Flughafens Ben Gurion, im Interview.
06.11.2015, 15:09

Gehen wir davon aus, dass Metrojet 9268 durch eine Bombe ...
Rafi Sela: ... es ist inzwischen eine Tatsache, dass eine Bombe an Bord dieses Flugzeugs explodiert ist. Ägypten und Russland portieren zwar weiterhin alle möglichen anderen Erklärungen, aber Grossbritannien und die USA haben auf Satellitenaufnahmen eine Explosion festgestellt.

Es kursiert auch eine Theorie, wonach die Explosion auf ein Triebwerk zurückgeht.
Das wäre das erste Mal in der Geschichte der Luftfahrt. Vielleicht war der Sprengsatz am Triebwerk befestigt. Aufgrund der Hitze und der Vibration wäre das aber sehr schwierig zu bewerkstelligen. Nein, es muss ein Sprengsatz gewesen sein. Welcher Machart er war und wie er zur Explosion gebracht wurde, wird die Untersuchung der Trümmer zutage fördern. Ägypten und Russland mögen sich dagegen sträuben, aber letztlich wird die Wahrheit ans Licht kommen.

Rafi Sela ist&nbsp;israelisch-deutscher Doppelbürger und ehemaliger Sicherheitschef des Flughafens Ben Gurion in Tel Aviv.<br data-editable="remove">
Rafi Sela ist israelisch-deutscher Doppelbürger und ehemaliger Sicherheitschef des Flughafens Ben Gurion in Tel Aviv.
bild: zvg

Wenn es eine Bombe war, stellt sich die Frage, wie sie an Bord gelangte.
Ich bin kein intimer Kenner des Sicherheitskonzepts am Flughafen von Scharm el Scheich. Aber ich sage seit zehn Jahren, dass die Sicherheitsvorkehrungen der meisten Flughäfen weltweit ein Witz sind. Es ist sehr einfach, eine Bombe an Bord eines Flugzeugs zu schmuggeln. Die US-Flugsicherheitsbehörde TSA fiel bei Undercover-Tests Anfang Jahr in 95 Prozent der Fälle durch! Das zeigt doch klar, dass es keine Sicherheit gibt.

Wo liegt das Problem?
Die Aufgabe, Sprengstoff und Waffen im Handgepäck aufzuspüren, ist unlösbar. Beim aufgegebenen Gepäck ist es einfacher: Waffen im herkömmlichen Sinn sind keine Priorität, weil Passagiere während des Flugs keinen Zugriff darauf haben. Also kann sich das Personal auf Sprengstoff konzentrieren. Mit einem modernen Screening-System ist das gut zu bewältigen. Beim Handgepäck sieht die Sache anders aus, das Sicherheitspersonal muss alle möglichen Waffen und Sprengstoff aufspüren – und das auch noch unter Zeitdruck.

«Statt der Koffer sollten wir Personen durchleuchten. Statt nach der Bombe sollten wir nach der Absicht suchen.»
Rafi Sela

Dann müssen wir damit leben, dass wer will, eine Bombe an Bord eines Flugzeugs schmuggeln kann?
​Wir müssen akzeptieren, dass die Kontrolle von Handgepäck ein aussichtsloser Kampf ist. Jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema Flugsicherheit auseinandersetzt, weiss das. Es ist ja nicht so, dass diese Leute die Bombe einfach in ihrem Koffer verstauen. Es gibt unzählige Wege, sie zu tarnen. Es gibt die Möglichkeit, die Bombe auf mehrere Koffer aufzuteilen oder sie im Koffer eines ahnungslosen Mitreisenden unterzubringen. Das Personal an den Sicherheitskontrollen soll all das in weniger als einer Minute zuverlässig aufspüren. Mit Verlaub, niemand schafft das.

Was liesse sich verbessern?
Die überwältigende Mehrheit des Handgepäcks ist sauber. Ein Koffer nach dem anderen, der durch den Scanner läuft, enthält nichts Verdächtiges. Diese Routine ist für das Personal hinter den Bildschirmen sehr gefährlich, weil sich das Gehirn an die Bilder der harmlosen Koffer gewöhnt. Manche Flughäfen bauen sporadisch ein Dummy-Bild eines verdächtigen Koffers ein, sozusagen um das Sicherheitspersonal aufzuwecken. Ich halte das für eine gute Sache. Doch letztlich braucht es einen Paradigmawechsel: Statt der Koffer sollten wir Personen durchleuchten. Statt nach der Bombe sollten wir nach der Absicht des Attentäters suchen.

«Ich wage zu behaupten, dass wir in Israel den Todespiloten von Germanwings gestoppt hätten. Ganz bestimmt war sein Verhalten vor Antritt des Flugs auffällig.»
Rafi Sela

Wie lässt sich eine kriminelle Absicht erkennen?
Der Terrorismus wird immer raffinierter. Koffer zu durchsuchen, ist die letzte Verteidigungslinie. Wer Anschläge konsequent verhindern will, muss früher ansetzen, eben bei der Absicht. Eine solche im Verhalten und in der Körpersprache eines Passagiers, eines Besatzungsmitglieds oder eines Flughafen-Angestellten zu erkennen, setzt professionell und kontinuierlich geschultes Sicherheitspersonal voraus. Aber die nötige Technik sowie die wissenschaftlichen Grundlagen in der Verhaltensforschung sind da.

Wie funktionert das konkret?
Kameras und Computer, die das Verhalten von Passagieren, Besatzungsmitgliedern und Angestellten an einem Flughafen analysieren, können 80 Prozent der Personen zuverlässig als harmlos «aussortieren». Weiteren zehn Prozent stellen Sie ein paar Fragen, wie wir das am Flughafen Ben Gurion tun, und schauen, wie sie reagieren. Schon haben Sie 90 Prozent der Personen überprüft, was sehr effektiv ist. Nehmen wir an, ein Terrorist versteckt seine Bombe im Gepäck einer anderen Person. Bei ihm selbst wird man nichts finden. Doch sein Verhalten kann er nicht verstecken. Ich wage zu behaupten, dass wir in Israel den Todespiloten von Germanwings gestoppt hätten. Ganz bestimmt war sein Verhalten vor Antritt des Flugs auffällig.

Israel hat eine einzigartige Bedrohungslage, doch auch Ägypten müsste aufgrund seiner Abhängigkeit vom Tourismus doch ein Interesse daran haben, seine Flughäfen so sicher wie möglich zu betreiben.
Ägypten hat strenge Sicherheitsvorkehrungen für seine eigenen Bürger. Die Polizei kann sie anhalten, durchsuchen, befragen, mit ihnen tun, was immer sie wollen. Den Touristen hingegen wollen sie das nicht zumuten, aus Angst, dass sie sonst wegbleiben. Dasselbe gilt im Übrigen für Europa und die USA. Für uns Sicherheitsexperten ist das ein Dilemma: Wenn sich ein Ehepaar am Flughafen streitet, dann fällt das auf und wir wollen sie befragen. Natürlich versuchen sie nicht, eine Bombe an Bord zu bringen, aber das können wir im Voraus nicht wissen. Ich halte diesen Eingriff in die Privatsphäre für vertretbar, denn er dient der allgemeinen Sicherheit. Andere sehen es anders.

Gepäckkontrolle am Flughafen Scharm el Scheich (06.11.2015).<br data-editable="remove">
Gepäckkontrolle am Flughafen Scharm el Scheich (06.11.2015).
Bild: KHALED ELFIQI/EPA/KEYSTONE

Diese anderen kritisieren «Racial Profiling».
​Das ist ein Begriff, den die Politik erfunden hat und der nichts mit einer seriösen Sicherheitskontrolle zu tun hat. Ein System, das auf solchen Vorurteilen beruht, wäre einfach auszuhebeln. Ein Terrorist könnte einem weissen Schweden damit drohen, seine Familie zu töten, wenn er nicht einen Koffer mit einer Bombe an Bord nimmt. Wenn das Sicherheitspersonal weisse Personen ignoriert, wird er an Bord gehen, um seine Familie zu retten. Wenn es nach auffälligem Verhalten Ausschau hält, wird es seine Not sofort erkennen und ihn stoppen.

Wie schwer wiegt der Umstand, dass man in Ägypten offenbar für wenig Geld an der Sicherheitskontrolle vorbeigeführt wird?
​Das ist sicher ein Problem, aber nicht nur in Ägypten. «Fast Track» gibt es auch in den USA! Da müssen Passagiere mit einem First-Class-Ticket ihre Laptops nicht herausnehmen. In Ägypten sind es vielleicht 20 Dollar, in den USA 10'000, aber im Resultat ist beides Bestechung. Die USA haben noch ein anderes Problem: Sie bieten Vielfliegern eine Sicherheitsüberprüfung an. Wenn sie bestehen, können sie fortan mit minimaler Kontrolle einreisen. Doch dieser Check ist eine Momentaufnahme, die nichts darüber aussagt, wie dieselbe Person ein Jahr später tickt.

Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, um die Sicherheit an amerikanischen Flughäfen sei es noch schlechter bestellt als in Ägypten.
Vor ein paar Jahren sagte ich als Experte vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses aus. Sie befragten mich über Sicherheitslücken an amerikanischen Flughäfen und ich antwortete: «Post». Sie nehmen mir mein 125-Milliliter-Fläschchen Parfüm ab, aber der Postsack geht unkontrolliert in den Frachtraum von Passagiermaschinen. Zum Vergleich: In Israel wird alles gescannt, trotzdem transportiert El Al keine Fracht zusammen mit Passagieren. Nur in Frachtmaschinen. Bei anderen Carriern macht Cargo 80 Prozent der Nutzlast aus. Wenn ich zum Beispiel Lufthansa fliege und sehe, wie viel Fracht eingeladen wird, werde ich offen gestanden etwas nervös.

Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl, wie gelangte die Bombe an Bord von Metrojet Flug 9268?
​Ich sehe zwei wahrscheinliche Szenarien in Scharm el Scheich: Eine Bombe im Handgepäck oder über einen Flughafenangestellten. Wenn Sicherheitspersonal bestochen werden kann, dann vielleicht auch ein Frachtarbeiter. Mit anderen Worten: Entweder war es ein Passagier oder ein Mitarbeiter.

Die Passagiere kamen aus Russland, der Ukraine und Weissrussland.
Es ist zugegebenermassen unwahrscheinlich, dass Russen auf der Heimreise vom Strandurlaub Selbstmord begehen. Also eher ein Flughafen-Mitarbeiter.

Ägypter, die auf dem Sinai im Tourismus arbeiten, gelten als privilegiert, weil sie ein gesichertes und vergleichsweise hohes Einkommen erzielen. Warum sollte das jemand aufs Spiel setzen?
​Junge Schweizer, junge Israelis, junge Ägypter sind radikaler als ältere und können über soziale Medien und andere Websites beeinflusst werden. Natürlich nicht alle, aber Einzelfälle sind nicht auszuschliessen. Wir haben israelische Araber mit wohlhabendem Hintergrund, die sich dem IS angeschlossen haben. Wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht.

Flugzeugabsturz Metrojet im Sinai

1 / 29
Flugzeugabsturz Metrojet im Sinai
quelle: x02738 / mohamed abd el ghany
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • NZZ: 4 von 5 Sternchen
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 2 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Oberster Schweizer Impfer: «Was in Israel passiert, ist eindrücklich»

Israel impft in Rekordtempo und kann die ersten, beachtlichen Erfolge feiern. Was bedeutet diese Entwicklung für die Schweiz? Und wann ist bei uns der erste Effekt spürbar? Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, im Interview.

Die Entwicklungen der Fallzahlen und Hospitalisationen nehmen in Israel bei der gefährdetsten Gruppe der Ü60-Jährigen weiterhin ab. Im Vergleich zu Mitte Januar, also kurz nach dem Start der 2. Dosis bei dieser Altersgruppe, nahmen die Fallzahlen um 64 Prozent ab, 48 Prozent weniger erleiden schwere Verläufe und die Todesfälle haben sich halbiert.

Seit Anfang Februar haben auch andere Altersgruppen die zweite Dosis erhalten. Die Auswirkungen werden wir erst in den nächsten Tagen sehen. Zumindest …

Artikel lesen
Link zum Artikel