«Luftschlag» statt «Bombardierung»: So verschleiert unsere Sprache den Iran-Krieg
Manchmal erschrecke ich, wenn mir in der «Hitze des Gefechts» Militärjargon herausrutscht, obwohl Kriege in der Ukraine und im Iran im Gange sind. Ich sage arglos, ich hätte gerade an verschiedenen «Fronten» zu tun. Zuweilen «attackiere» ich jemanden oder spreche gern von einer «Avantgarde». Dabei meine ich eine moderne Literaturbewegung, aber der Begriff bezeichnete ursprünglich die Vorkämpfer in einer Schlacht.
Natürlich will ich in Kriegszeiten nicht auch noch in der Sprache des Krieges mein «Pulver verschiessen». Denn von George Orwell weiss ich: «Wenn das Denken die Sprache korrumpiert, korrumpiert die Sprache auch das Denken.» Die Sprache des Krieges verbietet sich erst recht für einen Text wie diesen, in dem ich aufzeigen möchte, wie Kriegsversteher über die Ereignisse im Iran reden.
Textli auf TikTok wollen mein Mitleid erregen
Ich beginne die Recherche auf TikTok. Vor allem jüngere Leute informieren sich da über den Krieg. Es drängen sich mir viele rasend schnell geschnittene Filmchen auf (auch von SRF), ergänzt um Kurztexte, die wohl eine KI-Stimme vorliest.
In einem Video geht es um wehrlose libanesische Familien, die von Israel angegriffen wurden. Sie hätten ihr Obdach verloren, und ihre Kinder könnten nicht mehr zur Schule gehen. Ich habe Mitleid mit ihnen, während Israel unweigerlich als Aggressor dasteht. Für eine politische oder historische Einordnung fehlt im Filmli der Platz. Ich erfahre kaum, dass Israels Bombardierungen mutmasslichen Gebäuden der Hisbollah-Milizen im Libanon galten, weil diese Terrorkämpfer zuvor Bomben auf Ziele in Israel abgefeuert hatten.
Das Ausblenden, Verdrehen und Verschleiern zentraler Informationen gehört seit je zu der Art, wie über Krieg gesprochen wird. Während der Balkankriege sind von Serben und Kroaten dieselben Fotos von getöteten Kindern zu Propagandazwecken missbraucht worden, schrieb die berühmte US-Intellektuelle Susan Sontag in ihrem Buch «Das Leiden anderer betrachten». Sie fügte hinzu: «Man brauchte nur die Bildlegende zu verändern, und schon liess sich der Tod dieser Kinder so und anders nutzen.»
Sofaexperten reden gern abstrakt
So entstehen heute unzählige Fake News. In den sozialen Medien nerve ich mich über täuschende Kriegsbilder, die mir in Endlosschleife Bombeneinschläge, Leichen und Flüchtende zeigen und sich dank künstlicher Intelligenz leicht propagandistisch einsetzen lassen. Was aber ist mit den Texten zum Krieg? Sie schrumpfen zu blossen Bildlegenden oder entwerten sich durch ihre ideologische Nähe zum einen oder anderen Lager. Vom reinen Hass-Speech, der in den sozialen Medien grassiert und die Aufmerksamkeitsökonomie in Schwung hält, möchte ich hier gar nicht erst beginnen.
Die qualitativ gepflegtere mediale Kriegskommentierung nimmt dagegen Rücksicht auf die Befindlichkeit ihres Lesepublikums. Man will mir nicht zu viel Schreckliches zumuten, um mich nicht zu deprimieren. So sprechen die Sofakommentatoren und Talkshow-Experten gern weichgespült oder abstrakt über den Krieg. Sie übergehen oft das konkrete Leid der Zivilbevölkerung, vielleicht aus Pietät oder weil sie keine falsche Nähe erzeugen möchten. Umso leichter fällt es ihnen dann, in abgehobenen geopolitischen oder militärstrategischen Themen zu schwelgen.
Markus Somm schwärmt vom «gerechten» Krieg
Der Trump-Fan Markus Somm schwärmt in seinem «Nebelspalter» und in anderen Schweizer Medien von einem «guten», «gerechten», «nötigen» Krieg. Höre ich ihm zu, lullt er mich in den Glauben, dass es diesen einen Krieg braucht, um die Welt zu retten oder zumindest den Westen sicherer zu machen. Es geht nur noch darum, ob der Luftkrieg ausreicht oder ob Bodentruppen notwendig sind.
Ich bin froh, dass es daneben noch Experten und Journalisten gibt, die sich mit der Frage beschäftigen, ob die USA schon am ersten Tag der Bombardierungen ein Kriegsverbrechen begangen haben. Jagten sie am 28. Februar im Iran eine Mädchenschule in die Luft und töteten dabei 150 Schülerinnen? Wir wissen es noch nicht genau, die Opferzahl ist mit äusserster Vorsicht zu verwenden. Trump behauptete, der Iran habe die Bombe auf die Schule in Minab selbst abgeworfen, ohne Beweise liefern zu müssen.
Auch ich wusste danach nicht mehr, was davon Propagandalügen waren und was tatsächlich geschehen war. Doch in den vergangenen Tagen häuften sich die Indizien, dass die Mädchenschule aufgrund veralteter US-Geheimdienstinformationen ins Fadenkreuz geraten sein könnte und ausgelöscht wurde. Ein «Kollateralschaden», heisst es im Expertenjargon.
In Trumps Maga-Clique behandelt man den völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran weiterhin als eine Art Heiligen Krieg. Der US-Präsident drückt sich fast biblisch aus, wenn er als Kriegsgrund angibt: «Friede im Nahen Osten und, wahrhaftig, auf Erden!» Wie schon im Irakkrieg malt die US-Regierung das Schreckgespenst der Massenvernichtungswaffen an die Wand. Schon in wenigen Tagen hätte die Mullah-Bande angeblich Atomwaffen einsetzen können.
Nur eine «Intervention», kein Krieg?
Da folge ich lieber wieder seriöseren Kommentatoren von «20 Minuten» bis «Cicero», stutze allerdings auch bei ihren Analysen, wenn sie verharmlosend von einer «Intervention» sprechen, als handle es sich um einen parlamentarischen Vorstoss, nicht um einen Krieg. Manche meiden sogar das Wort «Bombardierung», bevorzugen stattdessen das kurlige Wort «Luftschläge», obwohl es eher an fuchtelnde Armbewegungen beim Erledigen einer Stechmücke denken lässt.
Nur wenige prominente Kriegserklärer halten zwischendurch inne, um ihr Reden einmal selbstkritisch zu reflektieren, sowie das zwei gewiss nicht über jeden Zweifel erhabene TV-Grössen getan haben: ZDF-Journalist Markus Lanz und Populärphilosoph Richard David Precht diskutierten in einem ihrer jüngsten Podcasts genau über diese sprachlichen Verharmlosungen, Verschleierungen und Verluderungen. Man habe eine «Werbesprache» (Precht) entwickelt, um uns von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen.
In der medialen und politischen Öffentlichkeit wird häufig steril und abgestumpft über den Krieg im Iran und Libanon diskutiert. Es scheint, als habe die massenhafte Präsenz der Gewalt in der Ukraine, in Israel und in Gaza die Einfühlungskraft manch professioneller Kriegsversteher erschöpft. Vielleicht interessieren sie sich deshalb nur noch in emotionaler Kälte fürs grosse politische und strategische Ganze. Im Vergleich dazu sind mir die hemmungslos auf Tränendrüsen drückenden TikTok-Filmli fast wieder sympathisch, weil sie zwar oft tendenziös berichten, aber immerhin die zivilen Opfer nicht vergessen. (aargauerzeitung.ch)

