Massendemos im Iran: Expertin nennt aktuelle Proteste eine «Revolution»
Die schwarz lackierten Finger der jungen Frau sind um ein brennendes Foto von Ajatollah Ali Chamenei gekrallt, sie halten das Bild des iranischen Machthabers fest im Griff. Mit einem beinahe gleichgültigen Blick zündete sich die Unbekannte eine Zigarette am Feuer dieses kleinen Protests an.
Doch wenn man genau hinsieht, brennt hier längst kein kleines Feuer mehr. «In Summe ist das kein Protest mehr. Das ist eine Revolution», sagt auch Politologin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal im Gespräch mit «Focus online».
Worum geht es bei den Demos im Iran?
Der Iran wird seit mehreren Tagen von massiven Protesten erschüttert – so grossflächig wie seit Jahren nicht mehr. Ausgelöst wurden die Demonstrationen Ende Dezember zunächst durch die massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der landeseigenen Währung Rial. Mittlerweile aber geht es um mehr, denn die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren – befeuert durch politische Repression und internationale Isolation.
Am Donnerstag eskalierten die Unruhen dann und mündeten in Massenproteste, wie sie der Iran seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Weil das iranische Regime aber das Internet im ganzen Land abgeschaltet hat, sind Bilder wie die der rauchenden Frau rar und kaum unabhängig überprüfbar. An manchen Stellen können die Menschen noch VPN-Verbindungen nutzen und verbreiten Bilder von brennenden Strassen und lautstarken Protesten.
Doch der Versuch der Isolation hat im Iran Strategie. «Jedes Mal, wenn das Regime Internet und Telefon abschaltet, wird es tödlich», erklärt auch Düzen Tekkal. Bereits im Jahr 2019 hatte das Regime die Verbindungen zur Aussenwelt fast eine Woche lang gekappt. Laut Schätzungen von Menschenrechtlern wurden in diesem Zeitraum Hunderte, wenn nicht sogar mehr als Tausend Demonstrierende getötet.
Für Tekkal sind die immer wieder zu beobachtenden «Racheakte» des Regimes typisch für faschistische Diktaturen. Der oberste Führer Chamenei nutzt für die ausgeübte Gewalt immer wieder die gleichen Ausreden und Strategien, häufig werden Saboteure als Grund für Übergriffe genutzt.
Die Konsequenzen, gerade auch für politische Gefangene im Land, schätzt sie entsprechend jetzt wie schon bei vergangenen Protesten als akut gefährlich ein.
Iran-Expertin gibt klare Prognosen zum Ziel der Proteste
Dennoch blickt die Expertin mit einer gewissen Form von Hoffnung auf die andauernden Proteste im ganzen Land. «Schwächer war die Islamische Republik noch nie», betont sie im Gespräch mit «Focus online».
Die Menschen im Iran, allen voran die Frauen, stellten sich demnach offen gegen das System und versuchten, die Bilder ihres Widerstands in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen – unabhängig von den Konsequenzen, die ihnen dadurch drohen könnten. «Wer nichts mehr zu verlieren hat, ist bereit, alles zu geben, um eine neue Welt zu gewinnen», fasst Düzen Tekkal die Situation vieler Menschen im Iran zusammen.
Wie diese neue Welt aussehen könnte, ist aktuell nicht ganz klar. Im Iran gibt es seit Jahren keine politische Kraft mehr, die von den Protestierenden als glaubwürdige Opposition anerkannt wird. Auch die sogenannten Reformer, zu denen auch Präsident Massud Peseschkian zählt, gelten als Teil des islamischen Herrschaftssystems.
Viele Menschen im Iran setzen daher ihre Hoffnungen auf Unterstützung aus dem Ausland. So hatte der im Exil lebende Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, für Donnerstag und Freitag ursprünglich ebenfalls zu den Protesten im Iran aufgerufen.
In Deutschland sieht Tekkal unterdessen bisher wenig Unterstützung für die Protestierenden vor Ort. Zu häufig relativiert man die Unruhen demnach mit kulturellen Argumenten und versuche, sich aus den Debatten herauszuhalten.
«Wenn im Iran Proteste gegen eine islamistische Diktatur ausbrechen, dann haben wir hier nichts zu melden, ausser eindeutig hinter der Zivilbevölkerung zu stehen», fordert sie.
(mit Material der dpa)
