Shehbaz Sharif – der dubiose Friedensdealer von Lahore
Keine weiteren Bomben, keine weiteren Angriffe in der Golfregion. Zwei Wochen sollen die Waffen zwischen den USA, Israel und dem Iran ruhen. So lange dürfen auch die Schiffe wieder durch die Strasse von Hormus.
Während sich Donald Trump als grosser Gewinner präsentiert – und auch der Iran den Waffenstillstand als Sieg proklamiert, darf sich die Welt vor allem bei einem Mann bedanken: beim pakistanischen Premierminister Muhammad Shehbaz Sharif.
Wenige Stunden vor Ablauf der Frist, die Donald Trump dem Iran gestellt hatte, bat Sharif noch einmal beide Seiten um ein Entgegenkommen. Was hinter den Kulissen geschah, bleibt sein Geheimnis, offiziell bat er Trump, zwei Wochen auf Angriffe zu verzichten – damit eine endgültige Friedenslösung auf diplomatischem Weg gefunden werden kann. Den Iran ersuchte er um eine Geste des guten Willens.
Sogar Donald Trump anerkannte die wichtige Funktion des pakistanischen Premiers und erwähnte ihn im ersten Satz seines offiziellen Statements: «Basierend auf Gesprächen mit Premierminister Shehbaz Sharif und Feldmarschall Asim Munir … stimme ich zu, die Bombardierung und den Angriff auf den Iran für einen Zeitraum von zwei Wochen auszusetzen.»
Shehbaz' älterer Bruder Nawaz pfadete die Karriere des heutigen Premierministers vor. Er gründete die PML-N, die Pakistan Muslim League, nachdem das familiäre Stahlimperium unter der Verstaatlichungspolitik des damaligen Permierminsters Zulfikar Ali Bhutto gesprengt worden war. Nawaz wurde zuerst Finanzminister der Region Punjab und 1990 zum ersten Mal Premierminister Pakistans. Seine drei Regierungszeiten (1990–1993, 1997–1999 und 2013–2017) waren geprägt durch einen erbitterten Machtkampf gegen Benazir Bhutto. Die Tochter von Zulfikar Ali Bhutto war zur Anführerin der Pakistanischen Volkspartei (PPP) aufgestiegen und beschuldigte Nawaz der Korruption.
Bhuttos Vorwürfe stellten sich im Zuge der Veröffentlichung der Panama Papers als korrekt heraus. Nawaz Sharif hatte ausländische Vermögenswerte nicht angegeben – Offshore-Firmen auf den Britischen Jungferninseln und Immobilien in London, mit denen sich seine Kinder bereicherten. Nawaz musste zurücktreten und wurde mit 10 Jahren Haft und einer Geldbusse von 10,6 Millionen Dollar bestraft. Ausserdem urteilte das Gericht, dass er nie mehr ein politisches Amt in Pakistan einnehmen durfte.
Damit war der Weg frei für seinen jüngeren Bruder Shehbaz. Auch er engagierte sich zuerst erfolgreich in der Region Punjab und stieg dort zum Regierungschef auf. Im Zuge der politischen Unruhen in Pakistan und des Militärputsches gegen seinen Bruder 1999 floh Sharif nach Saudi-Arabien. Von dort konnte er erst 2007 wieder zurückkehren.
Auch Sharifs Karriere verlief nicht reibungslos. 2009 wurde er für 34 Tage seines Amtes enthoben, 2018 wurde er kurzfristig wegen Korruptionsvorwürfen festgenommen. Kämpfte sein Bruder primär gegen die Bhuttos, heisst Shehbaz' Erzfeind Imran Khan. Diesen löste er nach einem Misstrauensvotum 2022 als Premierminister ab. Khan hatte sich dafür ausgesprochen, gegenüber dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine neutral zu bleiben. Ausserdem traf er ausgerechnet am 24. Februar 2022, dem Tag der russischen Invasion in der Ukraine, den russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Dass Shehbaz Sharif heute noch Premierminister ist, hat er einem Deal mit der Volkspartei zu verdanken – also ausgerechnet jener Partei, die seinem Bruder so arg zusetzte – und äusserst dubiosen Wahlen im Jahr 2024.
Imran Khans Partei PTI war von den Wahlen ausgeschlossen worden. Er selbst überlebte einen Attentatsversuch, bei dem er zweimal ins Bein getroffen wurde. Für die Planung machte Khan einen General, einen ehemaligen Innenminister und Shehbaz Sharif verantwortlich. Einen Tag vor den Wahlen kam es zu zwei Anschlägen – und am Wahltag selbst wurde «aus Sicherheitsgründen» das Mobilfunknetz abgeschaltet.
Spitzenkandidat für die PML-N war nicht Shehbaz, sondern sein Bruder Nawaz Sharif. Mithilfe des Militärs hatte dieser erneut an Einfluss gewonnen, vor allem aber durfte er dank eines Entscheids des Obersten Gerichtshofes erneut für ein politisches Amt kandidieren.
Eigentliche Wahlsieger wurden die unabhängigen Parteien – viele davon Anhänger Khans. Der Vorwurf der Wahlmanipulation vonseiten des Militärs und des Obersten Gerichtshofs liess sich nie widerlegen. Weil sich die Volkspartei und die PML-N auf Shehbaz Sharif als Premier einigen konnten, wurde er mithilfe der PPP erneut Premierminister – und nun zum Friedensengel von Lahore.
Vielleicht brauchte es jemanden wie ihn. Jemanden, der mit allen politischen Wassern gewaschen ist, der selbst aus schwerreichem Haus kommt und weiss, wie man machttrunkenen Milliardären den Hof macht. Bereits in Davos schien Shehbaz Sharif einen guten Draht zu Donald Trump zu haben. Bei Trumps Unterschriftszeremonie zum Board of Peace, bei dem Pakistan Vollmitglied ist, stand er gleich hinter dem US-Präsidenten. Nun war er beim Waffenstillstand zwischen den USA, Israel und dem Iran federführend und hat die Konfliktparteien für Friedensverhandlungen am Freitag nach Islamabad eingeladen. Sharif spielt sich in den Vordergrund – und kann damit noch viel erreichen. Wenn der politische Strudel im eigenen Land ihn nicht verschlingt.
