Wenn der Markt zum Propheten wird: So funktionieren Polymarket und Co.
In den USA wurde ein Soldat angeklagt, weil er mit einer Wette auf der Prognoseplattform Polymarket 400'000 US-Dollar verdient haben soll. Er setzte der Klageschrift zufolge gut 33'000 US-Dollar darauf, dass Maduro Ende Januar nicht mehr im Amt sein werde und zugleich US-Truppen in Venezuela eingesetzt würden. Der 38-Jährige war dem US-Justizministerium zufolge an der amerikanischen Militäraktion Anfang Januar beteiligt.
Die verdächtig erfolgreiche Wette hatte gleich im Januar Aufsehen erregt. Mit der Anklage könnte das Rätsel gelöst sein, welcher Insider dahintersteckte. Dem Soldaten wird unter anderem vorgeworfen, Regeln gegen den Einsatz nicht öffentlicher Regierungsinformationen für Geschäfte verletzt zu haben. Ihm droht eine jahrzehntelange Haft.
Besonders im Zuge des Iran-Kriegs stehen diese Prognosemärkte wieder stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Wie diese genau funktionieren und wie das Schweizer Gesetz dazu steht, erfährst du hier.
So funktionieren Polymarket und Co.
Prognosemärkte sind in den letzten Jahren stark aufgekommen. Sie sind vergleichbar mit Wettbüros. Teilnehmer können Coupons für das Eintreten eines Events kaufen. Diese können gehandelt werden und gewinnen oder verlieren – je nach Entwicklung der Dinge – an Wert. Wer heute beispielsweise darauf wettet, dass das iranische Regime im April noch fällt, bekommt den Coupon für 0.8 Cent. Wer dagegen wettet, muss 99.2 Cent berappen.
Anders sieht es für den Mai aus. Die Chance, dass dasselbe Event im nächsten Monat eintrifft, steht laut Polymarket bei knapp 5 Prozent (4.6 Cent für einen Ja-Coupon, 95.4 kostet ein Nein). Aktuell geht eine deutliche Mehrheit der User also davon aus, dass das iranische Regime an der Macht bleibt.
Update
Wetten auf Schweizer Abstimmungen
Die Benutzung von Prognosemärkten fällt in der Schweiz unter das Geldspielgesetz. Der Aufruf von internationalen Marktleadern wie Polymarket und Kalshi wird in der Schweiz blockiert. Trotzdem lässt sich auch auf Schweizer Geschehnisse wetten, wie zum Beispiel die Abstimmung im Juni.
Demnach stehen die Chancen für eine Annahme des Zivildienstgesetzes nach aktuellen Wetten auf Polymarket gut. Der Wettanbieter geht mit 82 Prozent von einem Ja aus. Für die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» geht Polymarket hingegen mit 70 Prozent von einem Nein aus.
Wenn der Markt zum Propheten wird
Die Idee hinter den Prognosemärkten ist, anhand der Marktdynamik der eingehenden Wetten Voraussagen zum Eintreten gewisser Ereignisse machen zu können. Die Genauigkeit der Prognosemärkte ist mitunter erstaunlich. Bei Voraussagen für politische Wahlen beispielsweise konkurrieren sie bereits stark mit klassischen Umfragen.
Um Geschmacklosigkeit kümmert sich das Geschäft indes nicht. So konnte auch auf die «Entfernung» von Ajatollah Chamenei getippt werden. Wie alle guten Ideen muss die Menschheit auch diese ad absurdum führen – so konnte man beispielsweise darauf tippen, dass Looksmaxxer Clavicular der nächste Ajatollah im Iran wird.
Die Chancen dafür standen schlecht – trotzdem wurde auf die Gaga-Wette über eine Million US-Dollar gesetzt. Der Verdacht der Geldwäsche liegt auf der Hand.
Insiderwissen wird monetarisiert
Etwas weniger gaga, dafür aber problematisch sind Wetten à la: «Welcher Charakter stirbt in der fünften Staffel von ‹The Boys›». Warum? Weil mindestens die Drehbuchautoren, sämtliche Schauspieler und ein Haufen Beteiligter bereits über diese Informationen verfügen.
Ähnlich verhält es sich bei strategischen Entscheidungen der US-Regierung. Auch hier sind diverse Leute involviert. Donald Trumps lockeres Mundwerk erweitert diesen Kreis fast noch beliebig. Dank der Prognosemärkte lässt sich so fast jedes Insiderwissen der US-Regierung monetarisieren. Genau das passiert auch.
Im Mai 2025 benutzte Nazisympathisant Kyle Langford die Plattform Kalshi, um 200 US-Dollar auf seine eigene Kandidatur als Gouverneur von Kalifornien zu wetten – die er dann auch gleich bekannt gab. Er wurde für fünf Jahre gesperrt und erhielt eine Busse von 2200 US-Dollar. Auch ein Produzent des weltweit erfolgreichsten YouTubers Mr. Beast wurde gesperrt. Auch er benutzte Insiderinformationen für Wettgewinne.
Trump stoppt Verfahren
Die Prognosemärkte sind öffentlich. Auch ausländische Behörden studieren die Bewegungen der Märkte – und ziehen daraus ihre Schlüsse, wenn wieder eine auffällige Wette deponiert wird. Man könnte meinen, es sei deshalb im grössten Interesse der US-Regierung, die Insider-Wetterei zu stoppen. Doch das ist nicht so. Trotz immer lauter werdender Rufe nach Regulierungen setzt die aktuelle US-Regierung bei den Anbietern auf Selbstregulierung.
«Das ist, als ob man sie mit einer nassen Nudel auspeitschen würde», kommentierte Chris Ehrman bei NBC News die «Massnahme» süffisant. Anwalt Ehrman kennt sich aus. Er leitete die Whistleblower-Stelle der US-Futures- und -Optionen-Trading-Behörde.
Keine Regulierungen helfen vor allem den Anbietern – und der Familie Trump. Donald Trump Jr., der älteste Sohn des Präsidenten, ist über seine Investmentgesellschaft an Polymarket beteiligt. Gleichzeitig agiert er als strategischer Berater beim grössten Konkurrenten Kalshi. Unter Joe Biden war es US-Bürgern verboten, auf Polymarket zu wetten. Ein entsprechendes Gerichtsverfahren wurde unter Donald Trump fallengelassen. (tog/leo)
