«Alles wird noch viel schlimmer werden»: Die Enttäuschung im Iran ist immens
Zunächst war die Erleichterung auf internationaler Ebene gross: In der Nacht auf Mittwoch vereinbarten die USA und der Iran eine Waffenruhe im Iran-Krieg. US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Schritt als einen «totalen und vollständigen Sieg» für Washington, das iranische Regime sprach wiederum von einem «grossartigen Sieg» für Teheran.
Doch es gibt vor allem einen Verlierer im bisherigen Verlauf des Krieges im Iran: die Zivilbevölkerung. Die Erleichterung der Menschen im Land beschränkte sich darauf, dass Trump nicht, wie noch am Dienstag angedroht, die gesamte Zivilisation im Iran auslöschte. Warum der Frust nach diesem kurzen Moment des Aufatmens jetzt noch grösser ist, veranschaulicht ein Blick zurück.
Anfang Januar schlug das iranische Regime Massenproteste im Land brutal nieder. Laut Menschenrechtsaktivisten töteten regimetreue Sicherheitskräfte dabei Tausende Menschen, Zehntausende wurden festgenommen. Trump spielte daraufhin mit den Ängsten und Hoffnungen der Bevölkerung. Erst stellte er einen Regimewechsel als Kriegsziel in Aussicht – dann schob er die Verantwortung für einen Regimewechsel dem iranischen Volk zu. Sie sollten die Regierung «übernehmen», wenn die USA mit den Bombardierungen fertig seien.
Trump spricht von vollzogenem Regimewechsel im Iran
Am Dienstag behauptete der US-Präsident dann, die USA hätten einen Regimewechsel im Iran hin zu einer moderateren Führung im Land erreicht. Beobachter widersprechen dem und verweisen darauf, dass nach der Tötung des iranischen geistlichen Oberhaupts Ajatollah Ali Chamenei kurz nach Ausbruch des Krieges nun wohl die Revolutionsgarden grösseren Einfluss hätten und radikaler seien. Offiziell wurde der Sohn Chameneis, Modschtaba Chamenei, zum neuen geistlichen Oberhaupt ernannt. Seither hat er sich jedoch nicht öffentlich gezeigt.
Jetzt, während Washington von Teheran sich gegenseitig ihrer Siege rühmen, erreicht die Enttäuschung einen neuen Tiefpunkt: In der Grundlage für die Verhandlungen, die am morgigen Freitag in Pakistan stattfinden sollen, geht es vorrangig um Urananreicherung und die Strasse von Hormus – ein Ende der Unterdrückung der Menschen im Iran steht nicht mehr zur Debatte.
Angst in Teherans Bevölkerung wächst
«Es ist nicht wirklich gut, wenn die Islamische Republik am Ende als Sieger dasteht», sagte ein 40-jähriger Einwohner Teherans, der anonym bleiben wollte, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. «Sie haben mehr Selbstbewusstsein. Sie töten mehr Menschen. Sie halten das Internet weiterhin gesperrt. Alles wird noch viel schlimmer werden.»
Die Agentur zitiert auch Simin, eine 48-jährige Lehrerin aus der iranischen Hauptstadt. Sie sei zwar zunächst erleichtert über den Waffenstillstand gewesen, doch der Fortbestand des iranischen Regimes sei genauso beängstigend. «Ich bin für ein paar Sekunden froh, wenn ich daran denke, dass die Bombenangriffe aufhören, aber ich fürchte mich vor Nachrichten über Hinrichtungen, die nicht leichter zu verkraften sind als die Bomben.»
Selbst während des Konflikts führte das iranische Regime Hinrichtungen weiterhin als Mittel der Einschüchterung und Unterdrückung durch: Seit Kriegsbeginn am 28. Februar liess das Regime übereinstimmenden Medienberichten zufolge sieben Personen im Zusammenhang mit den Protesten im Januar erhängen.
Trump hatte Mitte Januar behauptet, das iranische Regime habe ihm zugesichert, Hinrichtungen auszusetzen. Der iranischen Bevölkerung dürfte schon zu diesem Zeitpunkt klar gewesen sein, dass sich die angeblichen Zusicherungen wohl kaum bewahrheiten würden. Umso grösser war die Hoffnung, die Unterdrückung durch einen Regimewechsel zu beenden.
«Die Menschen haben erkannt, dass es nie um sie ging»
Der 34-jährige Armin sagte laut AFP, wenn der Krieg ende und die Islamische Republik bestehen bleibe, «habe das für die Menschen keinen Nutzen.» «Die Islamische Republik wird die Menschen für alle Verluste bezahlen lassen, die sie während des Krieges erlitten haben», sagte er.
«Die Menschen im Iran haben zunehmend erkannt, dass es in diesem Krieg nie um sie oder ihre Rechte ging», sagte Mahmood-Amiry Moghaddam, Direktor der in Norwegen ansässigen NGO Iran Human Rights (IHR). «Die Eskalation der Unterdrückung und der Hinrichtungen wird unabhängig vom Krieg weitergehen, da die Behörden ihr eigenes Volk als die grösste Bedrohung ansehen», erklärte er laut AFP.
Pahlavi widerspricht Trump und fordert Umbruch im Iran
Inzwischen meldete sich auch Schah-Sohn Reza Pahlavi zu Wort und pochte auf einen politischen Umbruch im Iran. «Wir hoffen (...), dass die freie Welt versteht, dass die einzige Lösung – nicht nur für uns, sondern auch für alle unsere Nachbarn in der Region und für die ganze Welt – darin besteht, dass dieses Regime nicht mehr an der Macht ist», sagte Pahlavi im Interview mit dem französischen Sender LCI.
Monarchistische Gruppen sehen den Sohn des letzten Schahs von Persien als politischen Anführer der iranischen Opposition. Wie viel Rückhalt der im US-Exil lebende Pahlavi im Land tatsächlich hat, ist unklar.
Auch Pahlavi betonte, es seien dieselben Menschen, «vielleicht etwas geschwächt», die weiterhin im Iran an der Macht seien. «Für uns ist das kein Regimewechsel», sagte er. «Es muss einen klaren Schnitt geben.» Bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Januar «ist zu viel Blut geflossen», sagte Pahlavi. Es sei an der Zeit, «diesem Regime ein Ende zu setzen, wie einem verwundeten Tier, das man erlegen muss».
Verhandlungen während fragiler Waffenruhe angesetzt
Ab Freitag sind erstmals seit Februar wieder direkte Gespräche zwischen den USA und dem Iran in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad geplant. Noch am Donnerstagabend wird die iranische Delegation dort erwartet. Jedoch ist die vereinbarte Waffenruhe wegen inzwischen wieder gegenseitiger Angriffe zwischen Israel und dem libanesischen Arm der Terrororganisation Hisbollah ohnehin fragil.
«Trotz der Skepsis in der iranischen Öffentlichkeit aufgrund wiederholter Verstösse gegen die Waffenruhe durch das israelische Regime» werde die iranische Delegation am Donnerstag eintreffen, um «ernsthafte Gespräche auf der Grundlage der vom Iran vorgeschlagenen zehn Punkte zu führen», teilte Resa Amiri Moghadam, iranischer Botschafter in Pakistan, auf der Plattform X mit.
Auch die USA halten den Finger auf dem Abzug. «Alle US-Schiffe, Flugzeuge und Militärangehörigen, zusammen mit zusätzlicher Munition, Waffen und allem anderen, was für die tödliche Verfolgung und Vernichtung eines bereits erheblich geschwächten Feindes angemessen und notwendig ist, werden in und um den Iran stationiert bleiben, bis das WIRKLICHE ABKOMMEN vollständig eingehalten wird», erklärte Trump in einem Beitrag auf seiner Plattform Truth Social. Trump droht zugleich mit erneuten Angriffen, sollte der Iran die Vereinbarung nicht einhalten.
Verwendete Quellen:
- Mit Material der Nachrichtenagenturen AFP, dpa und Reuters
- timesofisrael.com: "‘Everything will be worse’: Ceasefire leaves some Iranians fearful of greater crackdown" (englisch)
- iranhr.net: Angaben der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights zur Lage im Iran

