Menschen tanzen im Chaos auf den Strassen: Das ist die Lage im Iran
Die Luftschläge kamen zur Unzeit fürs Regime: Am Samstagmorgen, an dem im Iran traditionell die Arbeitswoche beginnt, starteten Israel und die USA ihren Angriff auf mehrere iranische Grossstädte. Bombardiert wurden unter anderem Regierungsgebäude in Teheran, Isfahan und Karaj. Auch ein Gebäude in der Nähe des Büros von Ayatollah Ali Khamenei sowie mehrere Einrichtungen in unmittelbarer Nähe des Präsidentenpalasts in Teheran gerieten ins Visier.
Dort hält sich üblicherweise der iranische Präsident Massud Peseschkian auf – ein Hinweis, dass die Operation «Brüllender Löwe» gezielt die politische Führung des Landes ausschalten soll. Das Ziel eines Regimewechsels hat US-Präsident Trump in einer Ansprache am Samstagmorgen bereits offen formuliert, nachdem die Verhandlungen über ein Atomabkommen zwischen den USA und dem Iran am Freitag offenbar gescheitert waren.
Vergeltungsmassnahmen führen zum diplomatischen Gau
Dem israelischen Geheimdienst nahe stehende Quellen meldeten am Samstagmittag, dass bei den Angriffen der iranische Justizminister Gholam-Hossein Mohseni-Ejei und Verteidigungsminister Amir Hatami getötet worden seien. Die Berichte wurden von der iranischen Armee jedoch dementiert und konnten bislang nicht unabhängig verifiziert werden. Gemäss der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA sind auch Präsident Massud Peseschkian und der Ayatollah noch am Leben. Letzterer befände sich derzeit nicht in Teheran.
Die Luftangriffe versetzten die ganze Region in einen Alarmzustand. Iranische Streitkräfte reagierten mit Gegenangriffen auf strategische Ziele in den umliegenden Ländern. Nach übereinstimmenden Berichten richteten sich diese vor allem gegen israelische Militärstellungen sowie gegen US-Stützpunkte in der Region, darunter Einrichtungen im Irak und in Syrien. Von den Vergeltungsmassnahmen betroffen waren allerdings auch die mehrheitlich sunnitisch geprägten Staaten am Persischen Golf, namentlich Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Das markiert in der Region eine lange nicht mehr gesehene Eskalation – schliesslich hatte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman vor einigen Wochen noch persönlich mit der iranischen Führung telefoniert, um sein Land aus dem Konflikt herauszuhalten.
Das saudische Aussenministerium veröffentlichte am Samstag in einer Reaktion deshalb ein Statement, dass sein Land «sämtliche verfügbaren Mittel zur Verfügung stellen wird, um befreundete Länder bei allen Massnahmen zu unterstützen, die diese ergreifen». Diese Kehrtwende ist für das iranische Regime ein diplomatischer Super-Gau, denn Beobachter gingen bisher davon aus, dass sich die Golfstaaten im Konflikt neutral verhalten würden.
Chaos und Freude bei der städtischen Bevölkerung
Im Iran selber kam es nach den Angriffen dann zu gemischten Reaktionen. Bilder aus den grösseren Städten zeigen verstopfte Autobahnen mit Menschenmassen, die aufs Land zu fliehen versuchen. Es kursierten aber auch zahlreiche Aufnahmen von Iranerinnen und Iranern, die mit Rauchsäulen im Hintergrund die US-Luftschläge feiern – und sogar die Namen von US-Präsident Trump oder jenen des israelischen Ministerpräsidenten rufen.
Dass die Bevölkerung ihre Freude über die US-Intervention so offen kundtut, werten Beobachter als besonders schlechtes Zeichen für das Mullah-Regime. Nie war die iranische Opposition in einer so starken Position wie jetzt, prognostizierten zahlreiche Kenner der Region in den vergangenen Wochen doch, dass das Regime erst nach einer Intervention von aussen fallen dürfte. Dieser Zeitpunkt ist nun möglicherweise gekommen.
Kronprinz Reza Pahlavi, der die Proteste im Land aus den USA in den vergangenen Monaten unterstützt hatte, rief die Sicherheitskräfte des Irans dazu auf, sich gegen das Regime zu stellen und stattdessen die Zivilbevölkerung zu schützen. Diese solle zunächst in ihren Häusern Schutz suchen und auf ein Zeichen von ihm warten. Sobald dieses da sei, sollen die Menschen für einen letzten grossen Protest auf die Strasse gehen – und das Ayatollah-Regime ein für alle Mal beenden. (aargauerzeitung.ch)
