Kurdische Bodenoffensive: Niemand vertraut Donald Trump
Israelische Kampfjets fliegen zunehmend Angriffe in den kurdischen Siedlungsgebieten im Westen des Irans, um die Revolutionswächter an der Grenze zum Nachbarland Irak unter Druck zu setzen. Zugleich hat US-Präsident Trump mit zwei kurdischen Anführern der autonomen Region Kurdistan im Irak, Masud Barzani und Bafel Talabani, telefoniert.
Das Ziel war wohl, die irakischen Kurden zu überzeugen, eine Offensive der iranischen Kurden von irakischem Territorium aus zu unterstützen. Nun mehren sich die Signale, dass es zu einer Offensive kurdischer Freischärler kommen könnte.
Die aktuellen Entwicklungen im Krieg im Liveticker:
In Teheran sind das Regime der Mullahs und die früher allmächtigen Revolutionswächter zwar geschwächt, aber die Regierung ist weder zusammengebrochen, noch kam es bisher zu einem Volksaufstand. Es gab auch keinen Putsch von Teilen der Sicherheitskräfte. Nun haben Israel und die USA ein Problem, denn sie können oder wollen keinen Bodenkrieg riskieren.
So gesehen ist es nicht erstaunlich, dass man nun die Kurden dazu motivieren möchte. Ein solcher Angriff könnte wohl nur vom Territorium der autonomen Region Kurdistan im Irak erfolgen, die direkt an die kurdischen Siedlungsgebiete im Iran grenzt.
Iranische Drohnen in Kurdistan
Allerdings haben der Iran und der Irak, zu dem die autonome Region Kurdistan gehört, 2023 ein Abkommen geschlossen, laut dem die iranischen Kurdengruppen im Irak entwaffnet werden sollen. Dieser Vertrag wurde allerdings nie vollkommen umgesetzt.
Die irakische Regierung, die gute Beziehungen mit Teheran pflegt, liess laut der Agentur AFP verlauten, dass der irakische Premierminister al-Sudani befohlen habe, die Grenze zum Iran abzuriegeln, damit es nicht zu Angriffen kurdischer Gruppen komme. Es ist aber unklar, wie viel Bagdad in der derzeitigen Situation noch im kurdischen Nordirak zu melden hat.
Um solchen Angriffen zuvorzukommen, haben die Iraner Drohnenangriffe auch auf Ziele im Nordirak geflogen – unter anderem auf einen Rebellenstützpunkt östlich von Erbil, der Hauptstadt des irakischen Kurdistans. Betroffen war die iranische Widerstandsgruppe Partei der Freiheit Kurdistans (PAK), wobei ein Peschmerga, wie sich die kurdischen Kämpfer selbst nennen, getötet wurde.
Die bekannteste iranisch-kurdische Rebellenformation ist die Demokratische Partei Kurdistans-Iran (KDPI), die der fast gleichnamigen politischen Partei des Clans von Masud Barzani nahesteht. Weil es sie seit 1945 gibt, hat sie schon lange vor der Machtübernahme durch die Mullahs im Jahr 1979 gegen die Zentralregierung in Teheran gekämpft.
Der Gründer der KDPI wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident der kurzlebigen Republik Kurdistan, die von der Sowjetunion gestützt wurde. Später kämpfte die Gruppe auch gegen die Truppen des Schah von Persien, dessen Sohn Reza Pahlavi heute in den USA gegen das Regime in Teheran konspiriert. Dass sich der Widerstandskampf der iranischen Kurden eben nicht nur gegen die Mullahs, sondern auch gegen den Schah richtete, ist mit ein Grund, warum die iranischen Kurden über eine allfällige Rückkehr der Schah-Dynastie nach Teheran nicht gerade begeistert sind.
Die langen 500 Kilometer bis nach Teheran
Dass sich bei den iranischen Kurden im irakisch-kurdischen Exil etwas tut, war schon vor dem israelisch-amerikanischen Angriff klar. Am 22. Februar gründeten fünf kurdisch-iranische Kampfgruppen eine Allianz zum Sturz der iranischen Regierung und zur Verwirklichung des kurdischen Selbstbestimmungsrechts. Zu dieser Koalition gehören neben der KDPI und der PAK auch der iranische Ableger der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei PKK. Diese hat sich auf dem Papier zwar aufgelöst, unterhält aber immer noch Stützpunkte im Nordirak und über eine weitere Filiale auch in Syrien.
Peschmerga der KDPI und des PKK-Ablegers PJAK – unter ihnen auch zahlreiche Frauen –, habe ich selbst getroffen, nachdem diese 2014 mitgeholfen hatten, einen Angriff der Terrorgruppe Islamischer Staat auf die autonome Region Kurdistan abzuwehren. Zu diesem Zeitpunkt kamen die im Nordirak stationierten kurdisch-iranischen Gruppen den irakischen Kurden zur Hilfe gegen den IS. Die Amerikaner unterstützten diese Kämpfer vor allem aus der Luft. Es gibt also schon lange Kontakte zwischen den Peschmerga der verschiedensten Formationen einerseits sowie den Amerikanern und westlichen Verbündeten anderseits. Aktuelle Waffenlieferungen von Amerikanern oder Israeli wären somit keine Überraschung.
Wie gross aber wären die Erfolgsaussichten eines Angriffs vom Nordirak aus? Keine kurdische Gruppe würde für sich in Anspruch nehmen, die knapp 500 Kilometer von der irakisch-iranischen Grenze bis nach Teheran durchmarschieren zu wollen. Das erschiene illusorisch. Den Kurden geht es in erster Linie um bessere Lebensbedingungen ihres Volks in seinen Siedlungsgebieten im Westiran. Sollte die Allianz der fünf Widerstandsgruppen tatsächlich angreifen, so könnte sie unter einem amerikanisch-israelischen Luftschirm bestenfalls einen Teil des Westirans befreien und so das Regime weiter schwächen.
Im Moment verfügt die Allianz wahrscheinlich über ein paar Tausend Peschmerga, was zeigt, dass die Kampfkraft dieser Gruppen beschränkt ist. Militärisch am stärksten erscheint wohl die PJAK (Partei für ein freies Leben in Kurdistan), die allenfalls auch auf Unterstützung von PKK-Anhängern in Syrien und der Türkei zählen könnte. Bei einer Mobilisierung könnten all diese Gruppen wahrscheinlich auch auf eine Streitmacht von deutlich mehr als 10’000 Peschmerga wachsen. Aber es gibt erhebliche Risiken.
Wer soll Trump glauben?
Einerseits haben sich die Kurden, die als Volk auf die Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien verteilt sind, historisch noch nie geeint für ihre Sache eingesetzt. Andererseits haben wenige Kurden Vertrauen in Trump, denn dieser hat erst vor wenigen Wochen den syrischen PKK-Ableger im Kampf gegen eine Offensive der syrischen Regierungstruppen schmählich im Stich gelassen und verraten.
Auch wenn insbesondere der Barzani-Clan im Nordirak seit langem in Konkurrenz mit der linksgerichteten PKK und deren Filialen in Syrien und im Iran steht, hat man Trumps erratische Aussenpolitk und das arrogante Verhalten seines Sondergesandten Tom Barack mit Sicherheit nicht übersehen.
Es gehört zu Trumps wichtigsten Merkmalen, seine Verbündeten unter Druck zu setzen, vor den Kopf zu stossen und im Stich zu lassen. Schon 2017, in seiner ersten Amtszeit, unterliess es Trump, das Referendum über die Unabhängigkeit Kurdistans vom Irak zu unterstützen. Nachdem irakische und syrische Peschmerga die Hauptlast im Kampf gegen den IS getragen hatten, empfanden das viele Kurden als Verrat.
Trump müsste den Kurden nun sehr grosse Zugeständnisse machen, damit sich diese auf den Kampf gegen die iranischen Revolutionswächter einlassen. Und selbst wenn er diesmal einen kurdischen Staat im Nordirak unterstützen sollte: Wer würde ihm das glauben? Trump sagt heute dies und morgen das und will sich übermorgen nicht mehr an die Versprechen von vorgestern erinnern. (aargauerzeitung.ch)
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