So erlebt ein Reporter den iranischen Gegenschlag auf Israel
Die Sirenen des Luftalarms wecken mich. Ich gehe auf die Veranda meiner kleinen Wohnung und suche den Himmel ab. Meine Nachbarn auf der gegenüberliegenden Strassenseite haben die bessere Sicht. Sie stehen auf dem Balkon, mit Handys in der Hand. Einer der jungen Männer zeigt mit dem Finger Richtung Himmel. Irgendwo über dem Grossraum Tel Aviv mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern explodieren Sprengkörper – wahrscheinlich Folgen der Flugabwehr. Die Jungs gegenüber lachen.
Am frühen Morgen haben die USA und Israel gemeinsam Luftangriffe geflogen, unter anderem auf hochrangige Vertreter des Regimes. Dabei kamen auch amerikanische Marschflugkörper zum Einsatz. Angeblich wurde dabei auch der Wohnort des iranischen Revolutionsführers Khamenei bombardiert, wobei Unklarheit über dessen tatsächlichen Aufenthaltsort herrscht.
Angriffe am helllichten Tag
Anders als beim kurzen Krieg im Juni 2025 haben die USA diesmal zwei grosse Flugzeugträger im Einsatz, einen im Mittelmeer vor der israelischen Küste und einen im Arabischen Meer. Weil die Iraner versuchen könnten, die Trägergruppe im Arabischen Meer mit Anti-Schiff-Lenkwaffen anzugreifen, wurde offenbar auch die Marinebasis Tschabahar im iranischen Teil von Belutschistan nahe der Grenze zu Pakistan angegriffen.
Unter anderem von diesem Hafen aus, rund 400 Kilometer östlich der strategisch wichtigen Strasse von Hormus, ist es den Iranern auch möglich, den Schiffsverkehr in und aus dem Persischen Golf zu stören oder gar zu lahmzulegen. Das würde die Erdölpreise mit grosser Wahrscheinlichkeit weltweit nach oben treiben.
Ebenfalls im Unterschied zum Krieg im letzten Sommer feuerten die Iraner diesmal ihre Raketensalven nicht in der Nacht, sondern am Tag ab – und zwar nicht nur auf Israel, sondern auch auf die amerikanische Marinebasis im arabischen Königreich Bahrain. Allerdings haben die USA in Erwartung der Attacken viele Basen im Nahen Osten zumindest teilweise evakuiert.
Draussen höre ich einen Lastwagen der Müllabfuhr. Ich verlasse deshalb das Haus, aber der kleine Supermarkt um die Ecke und mein Lieblingscafé sind geschlossen. Doch zum Glück gibt es in dem lebhaften Stadtviertel viel Konkurrenz. Während der Barista in einem anderen Lokal meinen Kaffee zubereitet, weist er mich auf den Schutzraum im selben Gebäude hin: «Einfach einmal um die Ecke und dann im Durchgang zum Innenhof runter in den Keller.»
Ich bin kein Fan von Kellern und setze mich mit dem Kaffee in der Hand auf einen kleinen Platz in der Sonne. Es sind viel weniger Leute und Autos unterwegs als üblich, aber Menschen mit Hunden hat es massenweise, denn die Tiere können nicht den ganzen Tag zuhause bleiben.
In Erinnerung an die drohende Vernichtung der Juden
Unterwegs sind auch noch unausgeschlafener und beschwipster Partygäste von letzter Nacht. Ein paar von ihnen holen sich gerade Nachschub in einer Weinbar nebenan, die trotz Luftalarms geöffnet ist. Eine Frau trägt eine farbige Kapuzenjacke über den nackten Beinen und eine rosarote Perücke auf dem Kopf. Sie macht sich damit auf den Weg in den Schutzraum.
Nächste Woche wird das Purim-Fest gefeiert, in Erinnerung an die drohende Vernichtung der Juden in Persien. An Purim wird gelacht, man verkleidet sich, und es ist quasi Pflicht, gehörig Alkohol zu trinken. Viele, vor allem junge Bewohner von Tel Aviv, haben allerdings schon am Freitagabend, also zu Beginn des jüdischen Wochenendes, mit ausufernden Parties in voller Purim-Montur mit dem Feiern und Trinken angefangen.
Plötzlich piepst es schrill aus allen Handys in der Umgebung. Am Bildschirm erscheint ein Warnhinweis auf Hebräisch, Englisch, Arabisch, und Russisch: «Finden Sie den besten Schutz in der Nähe. Gehen Sie bis auf Weiteres in einen Schutzraum.» Die Leute auf dem Platz stehen auf und befolgen die Warnung. Nur wenig später ist am Himmel der weisse Rauchstreifen einer israelischen Flugabwehrrakete zu sehen. Es wird aber nicht klar, ob das Geschoss etwas getroffen hat.
Die Szenerie wirkt surreal mit all den jungen Leuten, die sich mit Purim-Perücken oder roten Teufelshörnern auf dem Kopf gefasst und diszipliniert Richtung Luftschutzkeller bewegen. Ein Mann mit einer Hündin, eine Mischung aus deutschem Schäfer und Malinois, bleibt aber neben mir sitzen und fragt mich unvermittelt: «Kommt jetzt das Ende der Welt?» Wir schauen uns kurz in die Augen und beginnen zu lachen.
Menschen aller Hautfarben
Das Schauspiel am Himmel geht weiter. Diesmal taucht nicht eine Rakete auf, sondern ein altes Tankflugzeug, das auf der Rückkehr zu seiner Basis ist. Zuvor hat es – möglicherweise über Syrien – angreifende Kampfjets in der Luft betankt. Die vier Düsentriebwerke ziehen dunkle Rauchfahnen hinter sich her.
Aus Neugier gehe ich mir nun den Luftschutzkeller ansehen. Ein paar Treppen führen in ein Labyrinth von Schutzräumen. Es gibt Leute, die Liegematratzen mitgenommen haben, und jede Menge Hunde. Ein schwarz gekleideter Mann hat eine graue Katze mit gelb-orangefarbenen Augen in einer Transportbox mitgenommen. Die Menschen wirken routiniert, sie sind Luftangriffe seit vielen Jahren gewohnt.
Sie stellen einen Querschnitt durch die israelischen Gesellschaft dar. Es sind alle Hautfarben vertreten, es gibt Menschen aus Europa, Afrika und Asien. Das Klischee vom weissen, aus Polen stammenden Juden, das linke und rechte Antisemiten oder der amerikanische Pseudojournalist Tucker Carlson gerne verbreiten, wird hier Lügen gestraft: In Israel stellen dunkelhäutige Juden, die ursprünglich aus Nordafrika oder dem Nahen Osten stammen, die klare Mehrheit.
Als es im Keller eng zu werden beginnt, sind in der Ferne mehrere dumpfe Detonationen zu hören. Erneut wird mir nicht klar, ob es Abschüsse oder Einschläge sind. Ich fühle mich mit so vielen Menschen tief unter dem Erdboden nicht wohl und steige die Treppe wieder hoch. Immer noch kommen Dutzende von Schutzsuchende nach unten, unter ihnen ein junger Mann, der einen grossen Käfig mit einem Graupapagei trägt.
Als ich wieder bei mir zuhause auf der Veranda sitze, zeigt sich auch mein Nachbar auf dem Balkon vis-à-vis. Er trägt jetzt einen hohen, mit grossen farbigen Punkten versehenen Clown-Hut. Die Israeli lassen sich ihr Purim-Fest nicht von Raketen verderben. (aargauerzeitung.ch)
