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Sieben Jahre nach dem Mord in Perugia: Fällt heute das definitive Urteil über den «Engel mit den Eisaugen»?

Sieben Jahre nach dem Mord in Perugia: Fällt heute das definitive Urteil über den «Engel mit den Eisaugen»?

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Amanda Knox: «Der Engel mit den Eisaugen»
Amanda Knox, auch genannt «der Engel mit den Eisaugen», steht im Zentrum beim Justizkrimi um die Ermordung einer Studentin in Italien.
quelle: epa/epa file / pietro crocchioni
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War ein Sexspiel ausgeufert oder war es das tödliche Ende eines Streits um eine verschmutzte Toilette? So oder so – für die 27-jährige Amanda Knox ist heute der Tag der Entscheidung. Doch das Ganze könnte zu einem politischen Streit mit den USA eskalieren. 
23.03.2015, 22:4625.03.2015, 10:01
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Am heutigen Mittwoch könnte ein definitives Urteil in einem der aufsehenerregendsten Justizkrimis in der Geschichte Italiens gesprochen werden. Nach fast acht Jahren, vier Urteilen und mehreren spektakulären Wendungen liegt der Fall um die ermordete britische Austauschstudentin Meredith Kercher erneut vor dem höchsten Gericht in Italien. Im Fokus steht Amanda Knox, auch genannt «der Engel mit den Eisaugen». Haben die 27-jährige Knox und deren damaliger Freund, der Italiener Raffaele Sollecito, die Britin in der italienischen Stadt Perugia getötet? Der Kassationsgerichtshof in Rom berät an diesem Mittwoch erneut über den Schuldspruch gegen die beiden.

Knox war im Januar letzten Jahres zu 28 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden, Sollecito zu 25 Jahren. Das Berufungsgericht in Florenz hatte damals einen Freispruch der beiden aufgehoben. Das haben die Verteidiger jedoch angefochten, weil die beiden unschuldig seien.

Knox wird nicht freiwillig nach Italien zurückkehren

Bilder von Knox im Gerichtssaal wird es aber dieses Mal nicht geben. Die Amerikanerin war wohlweislich gleich nach ihrem Freispruch 2011 in ihre Heimat USA zurückgekehrt. Freiwillig werde sie niemals nach Italien zurückkehren, kündigte sie an. Zuvor hatte sie dort rund vier Jahre im Gefängnis gesessen, weil sie und Sollecito in einem ersten Indizienprozess schuldig gesprochen worden waren.

Bestätigt das Kassationsgericht am Mittwoch nun den Schuldspruch, könnte wirklich das letzte Kapitel der Justizsaga geschrieben sein. Jedoch können die Richter den Fall auch erneut an ein anderes Gericht verweisen – das würde einen Neustart des Mammutverfahrens bedeuten. Knox sei vor der Entscheidung «in Sorge und angespannt», zitiert die Nachrichtenagentur Ansa ihre Anwälte.

Was passierte wirklich?

Egal, wie das Urteil ausfällt: Zweifel wird es in dem Fall wohl immer geben. Denn was damals wirklich passiert war, liess sich nie rekonstruieren. War ein Sexspiel ausgeufert oder war es das tödliche Ende eines Streits um eine verschmutzte Toilette? Fest steht: Anfang November 2007 wurde Kerchers halbnackte Leiche in Perugia gefunden, vergewaltigt, mit durchschnittener Kehle und etlichen Messerstichen.

Das brutale Verbrechen schockierte Italien, die Öffentlichkeit wollte einen Schuldigen. Schienen die schnell verhafteten Knox und Sollecito zunächst eindeutig die Täter, kamen später immer mehr Zweifel auf. Ermittlungspannen überschatteten den Fall.

Auslieferung bei Schuldspruch?

In ihrer Heimatstadt Seattle gibt sich Knox bedeckt. Dort ist sie als Reporterin im Einsatz und will bald den gleichaltrigen Musiker Colin Sutherland heiraten – die beiden kennen sich noch aus Teenagerzeiten. Sutherland zog von New York an die Westküsten-Metropole.

Unklar ist, was passiert, wenn das Gericht in Italien nun den Schuldspruch bestätigt – wird Knox dann ausgeliefert? Stellt Italien einen entsprechenden Antrag und landet der Fall vor einem US-Gericht, würde sie festgenommen und ins Gefängnis Seatac gesperrt, nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Wenn ein Gericht der Auslieferung zustimmt und Knox vergeblich Rechtsmittel einlegt, hätte das letzte Wort US-Aussenminister John Kerry – der bei einem Nein allerdings auch ein diplomatisches Zerwürfnis mit Rom in Kauf nehmen müsste. Nach US-Recht kann andererseits niemand zweimal für dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden.

Vorlage für einen Film

Ihr damaliger Freund Sollecito würde jedenfalls in Italien ins Gefängnis wandern. Ihm wurde der Pass wegen Fluchtgefahr abgenommen. «Er führt sein Leben weiter, wie jeden Tag. Er versucht, so wenig wie möglich an Mittwoch zu denken», sagte sein Vater Francesco Sollecito. «Die Hoffnung ist, dass ihm nun endlich zugehört wird.»

Der Justizkrimi wird die Welt auch nach der Entscheidung in Rom in Atem halten. Denn wenige Tage danach erscheint in Grossbritannien der Kino-Thriller «The Face of an Angel» (Die Augen des Engels) mit Kate Beckinsale und Daniel Brühl, der an den Fall Knox angelehnt ist. In der Schweiz wird der Film laut dem Online-Magazin blogbusters.ch wohl keinen Kinostart erhalten. (whr/sda/dpa)

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