International
Klimastreik

Warum die Klimaproteste ein weibliches Gesicht haben

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Die Klimaaktivistinnen Luise Neubauer (Deutschland), Helena Gualinga (Ecuador), Vanessa Nakate (Uganda) und Greta Thunberg (Schweden) am WEF 2023 in Davos.Bild: keystone

Warum die Klimaproteste ein weibliches Gesicht haben

05.03.2023, 10:0505.03.2023, 10:29
Josephine Andreoli / watson.de
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Die Gesichter des Klimaprotests sind überwiegend weiblich. Und jung.

Das gilt nicht nur für bekannte Sprecherinnen unterschiedlichster Bewegungen und Organisationen, sondern offenbar auch für die Mehrheit derer, die weltweit für den Klimaschutz demonstrieren.

Woran aber liegt es, dass die Klimaproteste allem voran von jungen Frauen geprägt sind?

watson hat bei bekannten Aktivistinnen nachgefragt, was sie antreibt – und ob der sogenannte «Greta-Effekt» sie gepusht und motiviert hat, sich für mehr Klimagerechtigkeit einzusetzen.

Sophia Kianni, Klimaaktivistin aus den USA

«Christiana Figueres war als damalige Chefin des UN-Klimasekretariats die treibende Kraft hinter dem Pariser Klimaabkommen», erzählt Sophia Kianni gegenüber watson.

«Viele der herausragenden Führungspersönlichkeiten in der Klimabewegung sind junge Frauen.»
Klima-Aktivistin und Gründerin Sophia Kianni
Sophia Kianni, Klimaaktivistin, USA.
Sophia Kianni.Bild: Shutterstock

Sophia ist Studentin, Klimaaktivistin, Gründerin und vertritt die USA als jüngstes Mitglied in der Jugendberatungsgruppe der Vereinten Nationen zum Klimawandel. Sie ist das Gesicht der Klimabewegung in den USA. «Und schon Christiana hat oft über die Rolle gesprochen, die Frauen in der Klimabewegung spielen.»

Weil Frauen kooperativer sind als die meisten Männer. Und weil es bei der Bewältigung der Klimaherausforderung eben darum geht: um radikale Zusammenarbeit.

«Christiana ist der Meinung, dass Frauen eher langfristig denken und die Rolle der Regie und Verwaltung leichter übernehmen als Männer», sagt Sophia. Das hätte sich auch beim Zustandekommen des Pariser Klimaabkommens gezeigt. Sophia sagt:

«Frauen wie Laurence Tubiana, Rachel Kyte, Hindou Ibrahim, Tessa Khan und Mary Robinson – um nur einige zu nennen – haben entscheidend dazu beigetragen, ein ehrgeiziges Klimaabkommen zwischen allen 197 Ländern zu erreichen. Diese Frauen waren und sind Heldinnen.»

Und wenn man sich die Klimabewegung ansehe, würde sich die Annahme Christiana Figueres nur bestätigen: «Viele der herausragenden Führungspersönlichkeiten in der Klimabewegung sind junge Frauen.»

Das mache Mut.

Darya Sotoodeh, Sprecherin von Fridays for Future

«Mich hat es inspiriert, eine junge Schülerin zu sehen, die so viel Mut aufbringt», sagt Darya Sotoodeh, Sprecherin von Fridays for Future Deutschland gegenüber watson.

Die Rede ist von Greta Thunberg.

Von ihren anfangs einsamen Streiks vor dem schwedischen Parlament.

Von ihrem Durchhaltevermögen.

Darya ergänzt:

«Gerade als junge Frau hat man mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, wird nicht ernst genommen. Greta und die Arbeit anderer Aktivistinnen hat mir geholfen, unsere Ziele selbstbewusster zu vertreten. Wir unterstützen und motivieren uns auch gegenseitig, das macht viel aus.»

Und das wolle Darya bei Fridays for Future auch weitertragen. «Wir möchten Menschen, die strukturell benachteiligt sind, mehr Raum geben und arbeiten daran, besonders Menschen für uns sprechen zu lassen, die oft weniger Aufmerksamkeit und Gehör bekommen.»

Das betreffe nicht nur Mädchen und Frauen, sondern FLINTA-Personen generell – also Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen.

Darya Sotoodeh, KIimaaktivistin, Deutschland.
Darya Sotoodeh.Screenshot: Instagram

Dominika Lasota, Klimaaktivistin aus Polen

Auf die Frage, warum es vor allem junge Frauen sind, die sich für mehr Klimagerechtigkeit engagieren hat Dominika Lasota eine klare Antwort: «Weil es unser Platz ist.» Seit Generationen stünden Frauen im Zentrum ökologischer und sozialer Gerechtigkeitskämpfe – und jetzt eben an der Spitze. Dominika sagt gegenüber watson:

«Einer der wichtigsten Faktoren ist meiner Meinung nach, dass von Frauen erwartet wird, dass sie sich um andere kümmern und Verantwortung für sie übernehmen. Deshalb stürzen wir uns bei der Klimakrise oder auch dem Einmarsch der Russen in die Ukraine automatisch darauf, Lösungen anzubieten – um unsere Zeit, Fürsorge und Führungsrolle in diesen verschiedenen Kämpfen anzubieten.»

Tagtäglich würden Frauen auch heute noch Möglichkeiten genommen, Kompetenzen abgesprochen – «Nein» gesagt zu ihren Ideen und Vorschlägen. «In der Klimabewegung nehmen wir diesen Raum einfach ein, erheben unsere Stimme und schaffen neue Regeln dafür, wie unsere Gemeinschaften und die Gesellschaft funktionieren könnten.»

Regeln, die alle Menschen auf eine Stufe stellen, Ungerechtigkeiten beseitigen, Frauen aus der Opferrolle heben. Dominika ergänzt:

«Wir stehen auf und erheben unsere Stimme, weil wir es können, weil wir das Recht dazu haben und weil wir wissen, dass die Ideen und Visionen, die wir haben, in den derzeit schwierigen Zeiten dringend gebraucht werden.»
Dominika Lasota (rechts) und eine Mitstreiterin.
Dominika Lasota (rechts) und eine Mitstreiterin.screenshot: instagram

Hinter weiblichen Klimaprotesten steckt mehr als nur der «Greta-Effekt»

Dominika glaubt zwar, dass Greta einen grossen Einfluss auf sich fürs Klima engagierende Frauen hat und hatte – auch für sie selbst. Aber das sei längst nicht alles gewesen. «Für viele junge Menschen, die Greta in den sozialen Medien folgen, war sie eines der ersten Beispiele dafür, dass sie mit so wenig Mitteln so viel bewirken konnte.»

Gepusht werde der «Greta-Effekt» aber vor allem von den Medien – in jedem Land fand man plötzlich ein junges Mädchen wie Greta. Dominika sagt dazu:

«Ich denke, das vereinfacht oft, wie Bewegungen aussehen. Bewegungen sind so vielfältig. Ihre Kraft liegt gerade darin, dass wir so viele starke Geschichten von Einzelpersonen haben, die sich für einen gerechten Übergang, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und Ähnliches einsetzen.»

Und jetzt du!

Wer sind für dich die Gesichter der Klimabewegung? Und tun wir den vielen männlichen Aktivisten unrecht, wenn wir den Fokus auf die weiblichen Exponentinnen legen?

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136 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Zappenduster
05.03.2023 11:41registriert Mai 2014
Es ist absolut der falsche Weg aus dem Klimathema ein Genderthema zu konstruieren. Alle die diesen Weg gehen wollen haben gar nichts verstanden.
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Lohengryn
05.03.2023 12:30registriert Dezember 2022
Ich frage mich nach dem Artikel ernsthaft, geht es jetzt um naturschutz oder um den geschlechterkampf... um beides vielleicht auch um keines von beiden. Hat es mit altruismus zu tun oder mit egoismus, eigentlich egal, ich denke das ergebnis zählt, eine bessere, überlebensfähige welt für alle. Was ich aber mit sicherheit sagen kann, in unserem regionaler naturschutzverein sehe ich männer wie frauen, bei den mitgliedern wie bei den aktiv mitarbeitenden. Beim geschlecht sehe ich da keinen unterschied, auch die motivation ist dieselbe. Was ich aber sehe...ich bin 43 und das jüngste aktivmitglied.
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nichtMc
05.03.2023 12:48registriert Juli 2019
Gab es nicht vor einem Jahr oder so hier einen Artikel, in dem sich die Klimajugend über diese Aushängeschilder beschwert hat? Im Sinne von, das widerspreche dem basisdemokratischen Verständnis und einem Vorwurf an die Medien, dass sie sich Frauen herauspicken.
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