International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Floating Piers

Die Floating Piers in der Lombardei. bild: shutterstock

Der Mann, der die Welt verpackte: Verhüllungskünstler Christo ist tot



Wer glaubte, dass Christo in seinem silbern verpackten Berliner Reichstag oder seinen leuchtend gelben, schwimmenden Stegen auf einem See in Italien irgendeine tiefere Bedeutung sah, der irrte. «Es ist total irrational und sinnlos», sagte der bulgarisch-amerikanischer Verpackungskünstler 2014 über seine Arbeiten. Doch die Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften faszinierte Millionen. Nun ist Christo am Sonntag im Alter von 84 Jahren in New York gestorben.

Stets war es ein Spiel aus Form und Farbe, wenn der am 13. Juni 1935 als Christo Vladimiroff Javacheff im bulgarischen Gabrovo geborene Künstler wieder ein Stück Welt mit Kunststoffbahnen überzog.

Zu den berühmtesten seiner weltweit realisierten Projekte zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»), die schwimmende, mit Nylongewebe bezogene Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei («Floating Piers») sowie der 1995 verhüllte Berliner Reichstag und die verpackte Pont Neuf in Paris.

 Feb 27, 2005 - New York, NY, USA - The most protracted project of the artist couple Christo and Jeanne-Claude, The Gates, in Central Park in New York City, was also referred to it as The Gates, Central Park, New York, 1979-2005 as an allusion to the time that passed from their initial proposal until they were able to go ahead with it. A total of 7,503 gates made of saffron-yellow material were placed on paths in Central Park. The cost of the project was estimated at 21 million dollars which was raised entirely by Christo and Jeanne-Claude selling their studies, drawings and collages. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAkg1 20050227olck98860 Copyright: xJickyx

Weltberühmt: The Gates im Central Park in New York. Bild: www.imago-images.de

Die teils aus vielen Kilometern Entfernung sichtbaren Installationen, etwa der «Valley Curtain» in Colorado oder gelben und blauen Riesen-Sonnenschirme in Japan und Kalifornien («The Umbrellas»), entstanden bald nur noch im Team. Mit seiner Frau Jeanne-Claude, mit der er seit den 90er Jahren stets als Duo auftrat, kämpfte Christo von ersten Plänen bis zur Realisierung eines Projekts teils mehrere Jahrzehnte. Die aus Casablanca in Marokko stammende und am selben Tag wie Christo geborene Jeanne-Claude war 2009 im Alter von 74 Jahren in New York an einer Hirnblutung gestorben.

Sozialismus und Kapitalismus

«Jeanne-Claude und ich, wir machen diese Dinge für uns selbst», gab der Künstler mit dem weissen Kraushaar zu verstehen. «Wenn es jemand mag, ist es nur ein Bonus. Wir machen Dinge, die uns visuell gefallen.» Der Weg sei dabei das Ziel: «Diese Projekte bringen uns an Orte, die so viel reicher sind als die Kunstwelt oder die Galerie oder das Museum. Wir können mit vielen verschiedenen Menschen arbeiten. Es ist ein Abenteuer und sehr aufregend und töricht.»

epa08456657 (FILE) - A file photo dated 15 April 2009 shows artists Christo (L) and his wife, Jeanne-Claude, attend a press conference in Vienna, Austria  (reissued 31 May 2020). According to media reports, Christo has died aged 84.  EPA/ROLAND SCHLAGER  AUSTRIA OUT *** Local Caption *** 01939030

Christo mit seiner Frau Jeanne-Claude (verstorben 2009). Bild: keystone

Die Ehe der beiden war auch eine aus Sozialismus und Kapitalismus: Der in Bulgarien marxistisch geschulte Christo, der weder Gelder von Sponsoren noch staatliche Subventionen akzeptierte, konnte die kostenlose Kunst für Millionen erst durch den Unternehmergeist seiner Frau verwirklichen. 2005 lehnten sie das Kaufangebot eines Finanziers über 50 Millionen Dollar für die 7500 orangefarbenen Tore und Stoffe aus dem Central Park ab. Christo soll auf das Angebot gesagt haben: «Ich würde sie auch für 100 Millionen nicht verkaufen.»

besucherin vor dem reichstag. Der Verhüllte Reichstag war ein Kunstprojekt des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude. Im Rahmen des Projektes, dessen Realisierung von 1971 bis 1995 dauerte, wurde das Reichstagsgebäude in Berlin vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 vollständig mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe verhüllt. besucherin vor dem reichstag. Der Verhüllte Reichstag war ein Kunstprojekt des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude. Im Rahmen des Projektes, dessen Realisierung von 1971 bis 1995 dauerte, wurde das Reichstagsgebäude in Berlin vom 24. Juni bis zu *** The Wrapped Reichstag was an art project by the artist couple Christo and Jeanne Claude Within the framework of the project, which lasted from 1971 to 1995, the Reichstag building in Berlin was completely veiled with aluminium-vaporized polypropylene fa

Der verhüllte Berliner Reichstag im Sommer 1995. Bild: www.imago-images.de

Deshalb und auch wegen der über Kilometer sichtbaren, visuellen Durchschlagskraft der Werke begeisterte das Paar. Unvergessen ist in Deutschland vor allem der in silberne Stoffbahnen verhüllte, mit blauen Seilen verschnürte Berliner Reichstag. Das Spektakel über zwei Wochen im Jahr 1995 sei nicht weniger gewesen als ein nachgeholtes Sommerfest zum Mauerfall, erinnerte sich Rüdiger Schaper vom Berliner «Tagesspiegel» zum 20. Jubiläum. Mit einem als «Big Air Package» getauften Luftpaket im Gasometer Oberhausen verwirklichte Christo im Jahr 2013 ein Projekt erstmals ohne seine Frau.

«Sie werden verschwinden, wie unsere Kindheit, unser Leben»

Die finanzielle Unabhängigkeit verschaffte Christo viel Freiraum in seinen jahrelangen Bemühungen, ein Projekt teils gegen Widerstand von Umweltschützern und trotz Auflagen von Baubehörden umzusetzen. So gab er 2017 im offenen Protest gegen US-Präsident Donald Trump die Arbeit «Over The River» im Staat Colorado auf, in das er über 20 Jahre rund 15 Millionen Dollar investiert hatte. Das Gelände am Arkansas River hätte er von der US-Regierung unter Trump mieten müssen.

Die Vergänglichkeit der temporären Grossinstallationen erinnerte stets auch an die Flüchtigkeit des Lebens selbst. «Es ist irgendwie naiv und arrogant, zu glauben, dass dieses Ding für immer bleibt, für die Ewigkeit», bemerkte Christo zur Zeit der Reichstagsverhüllung.

Leuchtende Kunststoffflächen, Bauwerke und Landstriche, wie zu überdimensionalen Geschenken oder Paketsendungen verpackt – faszinierende Bilder werden von Christos Arbeit in Erinnerung bleiben. Das heute fast keine mehr davon zu sehen ist, dürfte ihre Pracht nur verstärkt haben. «All diese Projekte haben eine starke Dimension des Fehlens, der Zurückhaltung», sagte Christo zur Reichstagsverhüllung. «Sie werden verschwinden, wie unsere Kindheit, unser Leben.» Erst das mache die Erfahrung so intensiv. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Dieser Künstler bringt Ballonkunst auf das nächste Level

Dieses Video macht dich Nudelfertig: Wie Teigwaren zu Kunst werden

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

17
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hardy18 01.06.2020 13:29
    Highlight Highlight Ich hätte jetzt ne Slideshow vom ihm erwartet, an stelle der blöden Ballon-„Kunst“.

    Kunst provoziert, somit sehe ich diesen Artikel als Künstlerischen Akt und ihr habt es geschafft etwas provokativ-gutes zu erschaffen.
    Der grosse Christo, in Mitten von Clownsergüssen 👍🏼
  • lilie 01.06.2020 11:10
    Highlight Highlight Ein ganz grosser Mann. Gerade, dass er selber keine Bedeutung in seine Werke legte, machte sie vielleicht so universell. Denn jeder konnte sich selber etwas dazu denken.

    Mich hat immer die visuelle Ästhetik und Gewalt seiner Werke beeindruckt.

    Auch wenn ich zugeben muss, dass ich es immer etwas gaga fand, so viel Geld auszugeben und Aufwand zu betreiben, um für kurze Zeit ein nutzloses Kunstwerk in der Gegend stehen zu haben. 😉

    Aber vielleicht gut, dass er selbst diese Zweifel nicht hatte. Seine Werke werden unvergessen bleiben. 🤗
  • MaPhiA 01.06.2020 10:15
    Highlight Highlight kunst ist nicht das objekt als solches, sondern dass man es als kunst ''verkaufen'' kann... das hat christo sogar selber von ''seiner'' kunst gesagt... bei ihm ist die kunst viel mehr die idee dahinter und nicht das gezeigte... aber schlussendlich liegt es im auge des betrachters...
  • Balikc 01.06.2020 09:41
    Highlight Highlight restless in peace
    Benutzer Bild
  • Zat 01.06.2020 08:59
    Highlight Highlight Woher stammte eigentlich seine finanzelle Unabhängigkeit?
    • lilie 01.06.2020 11:05
      Highlight Highlight @Zat: Hat mich auch interessiert. 😉

      Gemäss Wikipedia hat er zunächst Porträts gemalt (so hat er scheints auch seine Frau kennengelernt) und später Skizzen seiner Projekte verkauft.

      Wundert mich aber trotzdem, diese Projekte dauerten teilweise viele Jahre und kosteten Millionen. 🤔

      Wir brauchen dringend einen detailierten Artikel über ihn und sein Leben. 🤗
  • KnolleBolle 01.06.2020 08:55
    Highlight Highlight Was dieser Mann geplant und getan hat kann man als Kunst bezeichnen, das braucht eine Vision und können. Was da andere als Kunst verkaufen entbehrt jedem Verstand, zum Beispiel eine Banane an eine Wand kleben...
  • Ovoli 01.06.2020 05:53
    Highlight Highlight Von wegen Christo in Paris und Berlin etc.: In der Bundesstadt war Christo schon 1968 präsent... er verhüllte die Kunsthalle.
  • niklausb 01.06.2020 02:33
    Highlight Highlight Und von den Bäumen in Riehen hat es keine Bilder?
  • Lester Nygaard 31.05.2020 23:49
    Highlight Highlight Man hätte noch Christo & Jeanne-Claude's "Wrapped Trees" erwähnen können, welche von 1997-1998 in und rund um den Berower-Park der Fondation Beyeler insziniert wurden. War für mich als 8-Jähriger fast schon ein kleiner Kulturschock (Massen von Menschen), da wir in mitten dieser verpackten Bäume unser Zuhause hatten :)
    Benutzer Bild
    • Bee89 01.06.2020 13:18
      Highlight Highlight An die Bäume kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Ich war damals auch 8-9 und hab nicht verstanden wie man so grosse Bäume einfach so einpacken kann 😄
  • dan2016 31.05.2020 22:25
    Highlight Highlight Und wo hat er das erste Gebäude verhüllt?
    • Grohenloh 31.05.2020 23:19
      Highlight Highlight Kunsthalle in Bern?
    • mimiblaise 01.06.2020 00:28
      Highlight Highlight Die Kunsthalle in Bern!
    • Tagedieb 01.06.2020 01:00
      Highlight Highlight und nebst dem, auf welches du anspielst gab es 30 Jahre später auch noch "wrapped trees" in Riehen.
    Weitere Antworten anzeigen

Fall George Floyd: Prozess gegen Polizisten erst im nächsten Jahr

Das Hauptverfahren gegen vier wegen der Tötung des Afroamerikaners George Floyd angeklagte Ex-Polizisten soll am 8. März nächsten Jahres beginnen. Zuvor soll es am 11. September noch eine Anhörung zu Verfahrensfragen geben.

Dies verfügte laut US-Medienberichten Richter Peter Cahill am Montag (Ortszeit). Er warnte die Beteiligten auch, dass bei weiteren öffentlichen Äusserungen zu dem Fall eine Verlegung des Verfahrens an einen anderen Ort nötig sein könnte, um einen fairen Prozess zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel