Crans-Montana: 5 Gründe, warum die Italiener sauer auf die Schweiz sind
«Es macht uns sprachlos.»
«Der Schweiz fehlt der Wille, in die Tiefe zu ermitteln.»
Wer in den vergangenen Tagen die italienische Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Crans-Montana verfolgt hat, ist zwangsläufig über solche Schlagzeilen gestolpert.
Bei der Brandkatastrophe vom 1. Januar in Crans-Montana starben sechs Italienerinnen und Italiener. Ihre Angehörigen sind von den Walliser Ermittlungen enttäuscht.
Zwischen Italien und der Schweiz herrscht diplomatische Eiszeit. Italien hat am 24. Januar den italienischen Botschafter in Bern nach Rom zurückgeholt. Er ist bis heute nicht zurückgekehrt.
Diese fünf Punkte nähren die italienische Wut:
Die fehlenden Obduktionen
41 Personen haben bei der Brandkatastrophe ihr Leben verloren. Die Walliser Staatsanwaltschaft hat bislang in zwei Fällen eine Obduktion angeordnet. In den restlichen Fällen wurden die Leichname begraben, ohne zuvor eine formelle Todesursache ermittelt zu haben.
Der italienische Anwalt Vinicio Nardo vertritt die Familie von Chiara Costanzo, die in Crans-Montana im Alter von 16 Jahren verstorben ist. Er kritisiert dieses Vorgehen gegenüber watson: «In Italien werden bei gewaltsamen Todesfällen, bei denen die Möglichkeit besteht, jemanden dafür zur Rechenschaft zu ziehen, praktisch immer Autopsien durchgeführt.»
Aus Laiensicht mag klar sein, dass die Toten von Crans-Montana an ihren Verbrennungen, an Sauerstoffmangel, Rauchvergiftung oder in der entstandenen Massenpanik gestorben sind.
Aus juristischer Sicht hingegen seien Autopsien zentral, argumentieren Fachpersonen im In- und Ausland. Um die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können, müsse die genaue Todesursache dokumentiert sein.
So trauert Italien um seine Toten von Crans-Montana:
Italien hat deshalb die Obduktionen bei fünf der sechs italienischen Todesopfer selbst durchgeführt. Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet, überlässt die Walliser Staatsanwaltschaft die Entscheidung, ob die bereits Begrabenen für eine nachträgliche Obduktion exhumiert werden sollen, den Angehörigen – ein weiterer Aspekt, der in Italien auf grosses Unverständnis stösst.
Die Walliser Staatsanwaltschaft wollte auf Anfrage von watson zu diesem und allen weiteren Kritikpunkten keine Stellung beziehen.
Die Freilassung von Jacques Moretti
«Das ist eine grosse Beleidigung der Opfer und ihrer Familien und löst noch mehr Schmerz aus.» So äusserte sich Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, als die Walliser Staatsanwaltschaft Jacques Moretti auf Kaution aus der Untersuchungshaft entliess.
«Es ist eine Schande für die Verstorbenen und die Verletzten, die weiter zwischen Leben und Tod schweben», sagte die Mutter des Brandopfers Riccardo Minghetti in der «Repubblica». Und sein Vater fügte an: «Die Staatsanwaltschaft hat weiterhin keinen Respekt für die Menschen, die gestorben sind.»
Anders als in der Schweiz kennt das italienische Strafprozessrecht keine Freilassung gegen Kaution. Für viele Italiener und Italienerinnen wirkt die Freilassung von Moretti deshalb so, als hätte er sich freigekauft.
Ausbleibende Entschädigungen
Wenige Tage nach der Brandkatastrophe kommunizierte der Kanton Wallis: Opfer und Angehörige sollen 10'000 Franken Soforthilfe erhalten. Über einen Monat später haben weder Schweizer noch ausländische Betroffene dieses Geld erhalten – auch nicht die Familie von Chiara Costanzo, sagt Anwalt Nardo.
Auf Anfrage von watson stellt Jérôme Favez, Chef der Dienststelle für Sozialwesen des Kantons Wallis, in Aussicht, dass die Soforthilfe in diesen Tagen an 45 Opfer oder deren Angehörige ausbezahlt werde. Darunter seien auch die Angehörigen von sechs italienischen Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen.
Die Skirennen in Crans-Montana
Am Wochenende fanden in Crans-Montana Weltcup-Skirennen statt. Die Veranstalter hatten angekündigt, die Rennen den Umständen anzupassen. So verzichteten sie auf ein abendliches Partyprogramm ebenso wie auf Sponsorenwerbung am Pistenrand.
Für viele Angehörige in Italien war es trotzdem ein Schlag ins Gesicht. «Alles, was die Verantwortlichen in Crans-Montana interessiert, ist der wirtschaftliche Aspekt, die Rettung des eigenen Images, der Tourismus – also das Geld», sagte Piero Costanzo, der Onkel der verstorbenen Chiara Costanzo in der «Repubblica». Er forderte die italienischen Athletinnen und Athleten auf, nicht nach Crans-Montana zu reisen.
Crans-Montana ruft böse Erinnerungen wach
Vernachlässigte Kontrollen, viele Tote, eine nationale Tragödie. Die Brandkatastrophe in Crans-Montana erinnert in Italien an den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua.
Am 14. August 2018 stürzte die Autobahnbrücke auf einer Länge von 250 Metern ein. 43 Menschen starben. Später zeigte sich: Sicherheitskontrollen an der über 50-jährigen Brücke wurden ungenügend oder gar nicht durchgeführt – trotz jahrzehntelang dokumentierter Warnzeichen.
Ähnlich wie im Fall von Crans-Montana verschwanden Aufnahmen von öffentlichen Videokameras. Ähnlich wie in Crans-Montana warfen Opferanwälte und Angehörige der Staatsanwaltschaft vor, nicht schnell genug zu ermitteln. Im bis heute andauernden Strafprozess wurde keiner der 59 Beschuldigten in Untersuchungshaft gesetzt.
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana veröffentlichten die Angehörigen der Opfer des Brückeneinsturzes einen Brief. «Wir sollten nicht den moralischen Zeigefinger gegenüber anderen Ländern erheben, sondern zuerst vor unserer eigenen Tür kehren», schrieben sie dort.
Der Strafprozess im Fall der Morandi-Brücke begann im Juli 2022. Bis heute ist kein Urteil gefallen.
Die Schweiz ist vergangenen Freitag auf das Rechtshilfegesuch Italiens eingegangen. Damit ist die italienische Staatsanwaltschaft befugt, im Fall Crans-Montana zu ermitteln. Mitte Februar treffen sich die Walliser Staatsanwaltschaft und diejenige aus Rom. Italien wird weiterhin genau ins Wallis schauen.
