Ein Jahr im Amt: In diesen 5 Punkten hat Papst Leo die Welt überrascht
Der Bruch mit Donald Trump als Zäsur
Der Streit mit dem US-Präsidenten hat in der öffentlichen Wahrnehmung des Papstes alles verändert – in Rom wird das bisherige Pontifikat des ersten Papstes aus den USA bereits in zwei Phasen aufgeteilt: in jene vor dem 7. April und jene danach. An diesem denkwürdigen Dienstag vor Ostern hatte der bis dahin so zurückhaltende, schon fast scheue Leo XIV. vor Vatikanjournalisten erklärt, dass er die Drohung, die iranische Zivilisation auszulöschen, für «wirklich inakzeptabel» halte.
Keinen Hehl machte er auch daraus, was er von einem möglichen Angriff auf iranische Kraftwerke oder Erdölanlagen hält. «Angriffe auf die zivile Infrastruktur verstossen gegen das Völkerrecht», betonte der Papst. Sie seien aus seiner Sicht «auch ein Zeichen des Verfluchten, der Spaltung, der Zerstörung, zu der der Mensch fähig ist».
Die Worte des Pontifex wirkten auf dem ganzen Globus wie ein Donnerhall, ganz besonders in seiner Heimat, den USA. Der US-Präsident reagierte auf die päpstlichen Mahnungen so, wie er immer auf Kritik reagiert: mit Beschimpfungen. Donald Trump bezeichnete den Papst als «schwach» und «schrecklich»; Leo XIV. liege falsch und habe keine Ahnung, was im Iran los sei. Ausserdem wäre er ohne ihn, Trump, gar nie Papst geworden. Leo XIV. liess sich nicht einschüchtern: Er habe keine Angst vor der US-Regierung und werde das Evangelium weiterhin verkünden.
Seither ist Leo XIV. in der öffentlichen Wahrnehmung der «Friedenspapst» und der «Anti-Trump», der es als einziger Mächtiger der Welt wagt, dem US-Präsidenten seine Meinung zu sagen. Der Papst selbst dürfte über solche Zuschreibungen allerdings nur milde lächeln. «Als Hirte der Kirche kann ich nicht für den Krieg sein», sagte der 70-jährige Robert Francis Prevost auf dem Rückflug von seiner elftägigen Afrikareise. Oder anders gesagt: Dass ein Papst zum Frieden aufruft, ist selbstverständlich.
Friedensappelle gehörten schon immer zum päpstlichen Amt – besonders eindringlich waren jene von Johannes Paul II. im Jahr 2003 gewesen, als George W. Bush zum Irakkrieg blies. Seit der Vatikan selber keine Kriege mehr führt – und das ist immerhin schon über 150 Jahre her – gehört der Einsatz für den Frieden und für die leidende Zivilbevölkerung zum Jobprofil der Päpste. Und Leo XIV. leidet mit: Er trage das Foto eines muslimischen Kindes bei sich, erzählte er im Flugzeug. Der Junge sei ihm im Libanon mit einem Schild «Willkommen Papst Leo» begegnet – inzwischen sei er im Krieg getötet worden.
Ein Papst als Gegenentwurf
Den Konflikt mit dem US-Präsidenten hat der Papst nicht gesucht. Aber dass es zwischen dem gebildeten, feinsinnigen Papst, der im reichen Chicago geboren wurde und über zwanzig Jahre als Missionar und Bischof in einer armen peruanischen Provinz lebte, und dem aggressiven, narzisstischen Machtmenschen Trump früher oder später zu einem Zusammenstoss kommen musste, war kaum zu vermeiden. Die grossmäulige und ordinäre Freakshow im Weissen Haus ist für Leo XIV. das, was sie für viele Menschen ist: abstossend.
Robert Francis Prevost ist der lebendige Gegenentwurf zu Trump – in Herkunft, Auftreten und Weltbild. Nur so war es möglich, dass der bescheidene und sanfte Papst am 7. April einmal richtig laut und deutlich wurde. Gerade weil Leo XIV. sonst zurückhaltend und leise agiert, hatte sein Auftritt umso grössere Wirkung.
Versöhnung als Leitmotiv im Vatikan
Vom spektakulären Konflikt mit Trump einmal abgesehen ist es seit der Wahl von Robert Francis Prevost am 8. Mai 2025 im Vatikan deutlich ruhiger geworden als zu Zeiten seines umtriebigen Vorgängers. Bezüglich Temperament und Stil unterscheidet sich Leo XIV. stark von Franziskus: Während der charismatische und impulsive Argentinier rasch die Konfrontation suchte und der Kurie einst «15 Krankheiten» attestierte, setzt der Nachfolger aus Chicago auf Gespräch und Ausgleich. Er hört zu, wägt ab und sucht nach Lösungen, mit denen alle leben können.
Insbesondere versucht Leo XIV., die während des Pontifikats von Franziskus tiefer gewordenen Gräben zwischen Progressiven und Konservativen zuzuschütten. Er will wieder das sein, was «Pontifex Maximus» ursprünglich bedeutet: oberster Brückenbauer. Dabei geht der mathematisch geschulte Papst auch pragmatisch-taktisch vor. So erlaubte er einem der schärfsten Gegner von Franziskus, dem ultrakonservativen US-Kardinal Raymond Leo Burke, im vergangenen Oktober, im Petersdom eine tridentinische Messe auf Latein zu lesen – ein Ritus, den Franziskus eingeschränkt hatte.
Mit dieser versöhnlichen Geste streckte Leo XIV. den Traditionalisten die Hand aus – in einer Frage, die für die grosse Mehrheit der Gläubigen kaum von Bedeutung ist und bei der ein Entgegenkommen niemandem weh tut. Die politische Ernte folgte beim Eklat mit Trump: Das gesamte US-Episkopat stellte sich hinter den Papst, selbst konservative «Maga»-Bischöfe – eine Geschlossenheit, die unter dem polarisierenden Franziskus kaum denkbar gewesen wäre.
Gleichzeitig bedeutet diese Geste keine Abkehr vom Kurs des Vorgängers. In zentralen Fragen – beim Schutz von Migranten, im Einsatz für die Armen und soziale Gerechtigkeit sowie beim von Franziskus angestossenen synodalen Prozess – geht Leo XIV. den eingeschlagenen Weg weiter, wenn auch mit anderen Akzenten. Kardinal Matteo Zuppi formulierte es wenige Monate nach der Wahl so: Man habe im Konklave auf Kontinuität gesetzt. Leo XIV. werde Neues einbringen, aber im Kern die gleichen Anliegen verfolgen – «ganz einfach deshalb, weil es so im Evangelium steht».
Pragmatismus nach innen
Das bisherige Pontifikat hat einen klaren Leitstern: die Einheit der Kirche. Wäre Leo XIV. ein Politiker, könnte man sagen, er verfolge dieses Ziel unideologisch – klar in der Sache, aber dialogbereit im Ton. Das zeigte sich exemplarisch im Umgang mit den deutschen Bischöfen, die eine formelle Segnung homosexueller Paare erlauben wollen. «Der Heilige Stuhl hat klargestellt, dass wir nicht einverstanden sind», sagte der Papst – fügte aber gleichzeitig hinzu, dass wegen «sexuellen Fragen» keine Kirchenspaltung riskiert werden dürfe. Es gebe wichtigere Themen: Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Religionsfreiheit.
Mit anderen Worten: Leo XIV. vermeidet die Eskalation. Er wird keinen Visitator nach Deutschland schicken, lässt aber auch jene Gläubigen nicht im Stich, die an der traditionellen Lehre festhalten. Diese Balance dürfte er auch bei anderen Konfliktthemen wahren – etwa beim Zölibat oder der Frauenweihe: Spielraum im Einzelfall, aber keine radikalen Schritte, die ein Schisma provozieren könnten.
Auch Franziskus war in Lehrfragen letztlich vorsichtig geblieben. Dennoch wurde dessen Pontifikat von vielen als permanenter Ausnahmezustand empfunden. Unter Leo XIV. ist der Vatikan schrittweise zur Normalität zurückgekehrt.
Ein neuer Lebensstil
Zur neuen Normalität gehört auch, dass Leo XIV. – anders als Franziskus, der im Gästehaus Santa Marta wohnte – wieder in den apostolischen Palast gezogen ist. Er fährt repräsentativere, wenn auch elektrisch angetriebene Autos.
Persönlich setzt ebenfalls Leo XIV. andere Akzente. Sein Arbeitspensum bleibt enorm, doch er nimmt sich bewusst Zeit zur Erholung. Fast jede Woche zieht er sich nach Castelgandolfo zurück, um an der frischen Luft zu sein, Tennis zu spielen und zu lesen. Italienische Medien berichten zudem von einem Fitnessraum im apostolischen Palast. Es ist keine eigentliche Work-Life-Balance – aber ein deutlich achtsamerer Umgang mit der eigenen Gesundheit als beim Vorgänger.
Man könnte sagen: Mit dem vergleichsweise jungen Leo XIV. ist nicht nur Ruhe, sondern auch ein leiser Hauch von Modernität in den Vatikan eingezogen – im Stil, im Umgang mit Menschen und im Blick auf sich selbst. (aargauerzeitung.ch)
