Volksfest «Fallas»: Halb Valencia steht in Flammen
Das Taxi stoppt in einer ruhigen Strasse eines Wohnquartiers in Valencia. Kaum steige ich aus, zerreisst ein lauter Knall die warme Abendluft. Ein Junge mit einer kleinen Holzbox um den Hals zündet lachend Feuerwerk auf dem Asphalt, Papierfetzen wirbeln durch die Luft. Über den Häusern hängt ein feiner Schleier aus Rauch, der nach Schwarzpulver und Frühling riecht. In dieser Stadt läuft gerade etwas, das mit Alltag nichts mehr zu tun hat.
Eine Stadt im Ausnahmezustand
«Willkommen zu den Fallas in Valencia», ruft mir Lucia entgegen und lächelt, während ihre Tochter Sofia neugierig hinter ihrem Rock hervorschaut. Noch bevor ich etwas fragen kann, beginnt sie zu erklären. Überall in der Stadt, sagt sie, stehen zurzeit riesige Figuren aus Holz und Pappmaché, in Auftrag gegeben von den einzelnen Fallas-Vereinen. «Sie sind wunderschön», sagt Lucia, «aber nur für kurze Zeit.» In ein paar Tagen würden sie alle angezündet, Strasse für Strasse, Platz für Platz. Dann werde Valencia zur Bühne eines einzigen grossen Feuers. «Darauf warten hier alle», sagt sie und nimmt meine Hand, als würde sie mich in ein Geheimnis einweihen.
Im Wohnzimmer wird es geschäftig. Lucia und ihre Schwester kleiden die kleine Sofia ein, Schicht um Schicht Stoff, raschelnd und festgesteckt mit glänzenden Nadeln. «So beginnt es jedes Jahr», sagt Lucia und richtet den schweren Ärmel des Kleides. Dabei erklärt sie mir, wie das Fest organisiert ist.
In ganz Valencia gebe es rund 400 Fallas-Vereine, viele mit mehreren hundert Mitgliedern aus dem Quartier. Einmal im Jahr wählen sie ihren Präsidenten, einen älteren Mann. Auf meine Nachfrage, ob das auch eine Frau sein könne, schüttelt Lucia den Kopf. «Nein», sagt sie und lächelt, «hier werden Traditionen hochgehalten.» Daneben gebe es die Fallera Mayor, eine junge Repräsentantin der Gruppe, sowie die beiden Kinderrollen Fallera Mayor Infantil und Presidente Infantil.
Umzug durch die Stadt
Mitten im Quartier spannt sich ein grosses Festzelt über die Strasse, Treffpunkt der lokalen Fallas-Gemeinschaft. Hier versammeln sich die Mitglieder in ihren farbenprächtigen Trachten, Kinder und Erwachsene gleichermassen. Während der Festwoche ziehen sie mehrmals ins Stadtzentrum: einmal nur die Kinder, einmal nur die Erwachsenen. Die teuren Kleider müssen schliesslich amortisiert werden. Alleine die Miete kostet über 500 Euro. Beim dritten Umzug, der sogenannten Ofrenda, bei der ich nun dabei sein kann, gehen alle gemeinsam.
Es ist Mittag, als sich der Zug in Bewegung setzt. Vorne laufen die Kinder, dahinter die Erwachsenen, ganz hinten spielt eine Musikgruppe, deren Trommeln durch die Häuserschluchten hallen. Der Umzug zieht einfach los, biegt auf breite Strassen ein, überquert Kreuzungen, ohne dass jemand den Verkehr regelt. Autos halten geduldig an, Passanten bleiben stehen, filmen, winken. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto dichter wird das Gedränge. Immer wieder stockt der Zug, weil andere Gruppen vor uns vorbeiziehen. Rundherum knallen Böller, die Stadt wirkt aufgeladen wie unter Strom.
Im Herzen Valencias geben die Teilnehmenden im Rahmen der Ofrenda Blumen zu Ehren der Schutzpatronin, der Virgen de los Desamparados, ab. Danach geht es auf derselben Strecke wieder zurück ins Quartier. Zwei Stunden lang trägt uns dieser Umzug durch eine Stadt, die sich in diesen Tagen ganz dem Fest verschrieben hat.
Paella Koch-Wettbewerb auf der Quartierstrasse
Am Abend laden mich Lucia und ihre Freunde zu einem besonderen Anlass ihres Fallas-Vereins ein: einem Paella-Wettkochen mitten auf der Quartierstrasse. Vor dem Festzelt stapeln sich Holzscheite, daneben stehen einfache Eisengerüste. Jedes Team, etwa zehn Personen stark, bringt nur eine Paella-Pfanne und einen Kochlöffel mit. Insgesamt rund dreissig Gruppen entzünden ihre Feuer direkt auf dem Asphalt. Ich darf das Feuer machen und merke, dass mir meine Pfadfinderzeit aus der Schweiz unerwartet nützt.
Beim Kochen selbst überlasse ich das Feld dem Freund von Lucia, der allerdings aus Katalonien stammt und noch nie eine Paella gekocht hat. Immer wieder schauen die anderen Teams zu uns, rümpfen die Nase, geben ungefragt Tipps. Zu viel Wasser, zu wenig Hitze, «das ist keine originale Paella». Bei Paella vertstehen die «valencianos» halt keinen Spass.
Am Ende schmeckt unsere Paella überraschend gut, nur etwas flüssiger als die der anderen. Das Team neben uns hat Mitleid und stellt uns demonstrativ einen Teller seiner «richtigen» Version hin. Als der Juror vorbeikommt, servieren wir ihm frech genau diesen Teller. Er mustert uns kurz, erkennt die Fremden, schüttelt den Kopf und geht weiter. Wir lachen, essen weiter, trinken dazu Rotwein. Rundherum lodern die Feuer, Menschen sitzen auf Klappstühlen, Kinder rennen zwischen den Pfannen hindurch und zünden Feuerwerk. Es ist ein Fest des Zusammenseins. Später wird im Zelt getanzt, und für ein paar Stunden wirkt es, als gehöre die ganze Strasse nur dieser Gemeinschaft.
Böller, Böller und noch mehr Böller
Die Feierlichkeiten der Fallas, die 2016 von der UNESCO offiziell zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt wurden, ziehen sich über fast drei Wochen. Offiziell beginnt das Fest am 1. März und endet am 19. März mit der grossen Verbrennung der Figuren. In dieser Zeit verändert sich der Rhythmus der ganzen Stadt. Ein fester Termin gehört dabei zum täglichen Ablauf: Punkt um 14 Uhr mittags erschüttert die sogenannte «Mascletà» das Zentrum. Anders als bei klassischem Feuerwerk geht es hier kaum um Licht oder Farben, sondern um Explosionen, Lärm und spürbare Druckwellen. Die Menschen drängen sich auf den grossen Plätzen, jubeln nach jeder Salve, während die Detonationen durch die Häuserschluchten rollen.
Doch das Spektakel beschränkt sich nicht auf die offizielle Inszenierung am Mittag. Während der gesamten Festzeit knallt es in Valencia nahezu ununterbrochen. Auf Strassen, Plätzen und an Kreuzungen zünden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Feuerwerkskörper, oft mitten im Alltagsgeschehen. Der Geruch von Schwarzpulver liegt ständig in der Luft, kurze Explosionen hallen durch die Gassen. Dem Lärm lässt sich in diesen Tagen kaum entkommen. Die Fallas sind nicht nur ein visuelles, sondern vor allem ein akustisches Erlebnis, das die ganze Stadt durchdringt.
Das grosse Finale
Am 19. März erreicht das Fest seinen Höhepunkt. In der letzten Nacht werden in ganz Valencia die Fallas verbrannt, die Figuren, an denen die beauftragten Künstler monatelang gearbeitet haben. Schon kleinere Exemplare kosten schnell über 20 000 Euro, grosse Monumente mehr als 100 000. Die teuerste Figur soll in diesem Jahr rund 260 000 Euro verschlungen haben. Entsprechend gespannt machen wir uns am Abend auf den Weg.
Zunächst bleiben wir bei der Figur unserer lokalen Fallas-Gemeinschaft, die gegen 22 Uhr angezündet werden soll. Doch die Zeit vergeht, ohne dass etwas geschieht. Schliesslich erfahre ich, dass das Feuer erst entfacht wird, wenn die Feuerwehr vor Ort ist. Erst um Mitternacht rollt das Löschfahrzeug an. In routinierten Handgriffen positionieren sich die Einsatzkräfte, Schläuche werden ausgerollt und entlang der umliegenden Häuser ausgelegt.
Ein kurzes Feuerwerk kündigt den Moment an, auf den alle gewartet haben. Die Figur wird mit Benzin übergossen. Der Presidente und die Fallera Mayor treten vor und setzen gemeinsam die Zündschnur in Brand. Explosionen folgen in rascher Folge, dann greifen die Flammen auf die Konstruktion aus Holz, Styropor und Pappmaché über. Zunächst lodert das Feuer nur an einzelnen Stellen, bis ein Feuerwehrmann weiteres Benzin in die Glut giesst und die Figur nach und nach vollständig erfasst wird. Während die Menge staunt, spritzen die Einsatzkräfte routiniert Wasser auf umliegende Bäume und Häuserfassaden, als wäre dieses Schauspiel das Normalste der Welt. Dichter schwarzer Rauch steigt auf, Funken tanzen durch die Nacht.
Was für ein Erlebnis. Doch es ist erst der Anfang. Diese Figur gehört noch zu den kleineren Fallas, im Stadtzentrum warten deutlich grössere. Also ziehen wir weiter. Weil wir so lange ausgeharrt haben, fürchten wir zunächst, zu spät zu kommen. Doch schon nach wenigen Strassen wird klar, dass die Nacht noch lange nicht vorbei ist. An vielen Kreuzungen stehen die Figuren weiterhin unversehrt, die Feuerwehr arbeitet sich Schritt für Schritt durch die Stadt. Kurz darauf sehen wir die nächste Falla in Flammen aufgehen, dann noch eine.
Menschen klatschen, filmen, fallen sich in die Arme. Ein Mann, der seit 15 Jahren in Valencia lebt, schüttelt den Kopf und sagt: «Zehn Millionen Euro – so viel kosten all diese Figuren zusammen. Und alles verbrennt in einer einzigen Nacht.»
Wir ziehen weiter durch die Strassen, folgen jedem neuen Feuerwerk wie einem Signal. Immer wieder tauchen Flammen zwischen Häuserzeilen auf, immer wieder lodern Figuren auf und stürzen schliesslich in sich zusammen. Erst weit nach drei Uhr morgens treten wir den Rückweg an. Das Spektakel wirkt zugleich chaotisch und erstaunlich routiniert. Mit Wasserfontänen der Feuerwehr und dem Jubel der Menschen werden die Kunstwerke Stück für Stück in Asche gelegt.
Für mich bleibt vor allem ein Gefühl: Staunen darüber, dass eine Metropole bereit ist, so viel Schönheit bewusst dem Feuer zu übergeben. Hunderte solcher riesigen Figuren stehen hier mitten in der Innenstadt, nur wenige Meter von Häusern, Bäumen und Menschen entfernt und werden in einer einzigen Nacht angezündet. Während in Zürich schon ein stärkerer Wind genügt, um das Verbrennen des Böögg abzusagen, wirkt der Umgang mit Feuer in Valencia furchtlos. Und doch geschieht alles mit einer Gelassenheit, die ebenso beeindruckt wie das Spektakel selbst.
Für mich ist klar: Dieses Fest ist mehr als ein Ereignis, es ist ein Lebensgefühl. Die Fallas haben mich überwältigt – und ich weiss schon jetzt, dass ich wiederkommen werde.
