Mädchen muss sich in ein Auto retten: In Dänemark geht die Angst vor dem Wolf um
In Südjütland geht der Wolf um. Und er kommt den Menschen manchmal ziemlich nahe. Dänemark ist etwa gleich gross wie die Schweiz, zählt aber bloss 45 Wölfe, die ursprünglich aus Deutschland eingewandert sind. Jetzt sorgt die kleine Population insbesondere in der ländlichen Region Oksbøl nördlich von Esbjerg für Angst und Schrecken: In den letzten Monaten haben einige Tiere kaum Scheu vor Menschen gezeigt.
Aufsehen erregte vor allem der Fall einer 14-Jährigen, die abends vor einer Sporthalle plötzlich einem Wolf in die Augen blickte. Das Mädchen konnte sich in ein vorbeifahrendes Auto retten. Etwa zur gleichen Zeit liefen einer Person drei Wölfe in das Dorf Blåvand hinterher und kamen bis auf zwei Meter heran.
Laute Schreie und Gestikulieren beeindruckten die Tiere kaum. Ähnliches erlebte auch ein Landwirt, dem im April gleich sechs Wölfe langsam zu seinem Hof folgten.
Im März wurde ein Problemwolf in Oksbøl erlegt, doch die Behörden sind bisher zurückhaltend mit der Jagd auf das geschützte Tier. Dass wie in der Schweiz präventiv ganze Rudel geschossen werden, ist angesichts der kleinen Population kein Thema.
Hat jemand gezielt Wölfe gefüttert?
Allerdings besteht in der Region wohl ein besonderes Problem: Forscher haben den Verdacht, dass jemand die Wölfe gezielt gefüttert hat. «Wenn sie nahe kommen, ohne dass Hunde dabei sind, dann müssen sie Menschen mit Futter in Verbindung bringen. Wilde Tiere tun so etwas nicht aus Spass», erklärte Peter Sunde, Wolfsforscher der Universität Aarhus. Er sieht zwar keine konkrete Gefahr für Menschen, aber die Wölfe müssten ihre natürliche Scheu wieder erlangen.
Die Umweltbehörden haben nun mit einer ungewöhnlichen Massnahme reagiert. Im Gebiet Oksbøl, das etwa so gross wie der Kanton Schaffhausen ist, dürfen neu Privatpersonen auf Problemwölfe schiessen, wenn die Tiere näher als 30 Meter herankommen. Voraussetzung für die Schussabgabe ist eine Jagdlizenz sowie eine Bewilligung der Behörden.
In gewissen Zonen rund um drei Dörfer entfällt die 30-Meter-Regel: Dort dürfen Bürger auf ihrem eigenen Grundstück auch auf grössere Entfernung auf Wölfe mit problematischem Verhalten schiessen. Die Massnahme scheint beliebt: Nach wenigen Tagen haben bereits sechs Personen eine Bewilligung eingeholt.
Selbst die Tierschutzorganisation Dyrenes Beskyttelse ist dafür, dass geschossen wird. Allerdings nur mit Paintball-Gewehren. Das tue weh und stelle die Scheu wieder her, sagte der Biologe Michael Carlsen: «Lieber eine Farb- als eine echte Kugel.»
Die Organisation fordert zudem wolfssichere Zäune und mehr Herdenschutzhunde. Wolfsforscher Sunde sagte, dass ein «Mobbing» der Wölfe durchaus den gewünschten Effekt haben könne.
In den Alpenländern gibt es seit längerem Diskussionen über Vergrämung mit Gummigeschossen; in der Schweiz wurden sie bisher gegen Luchse verwendet. In den Niederlanden wurde Paintball gegen auffällig zutrauliche Wölfe in einem Nationalpark eingesetzt. Kritiker, darunter ein dänischer Paintball-Anbieter, halten solche nicht-tödlichen Waffen allerdings für ungeeignet, da man für einen sicheren Treffer rund 20 Meter an die Tiere herankommen muss. (aargauerzeitung.ch)
