Nach der Tötung Tausender regierungskritischer Demonstranten in Iran stufen die EU-Staaten die Revolutionsgarden des Regimes als Terrororganisation ein. Das teilte EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas nach Beratungen der Aussenminister in Brüssel mit.
«Unterdrückung darf nicht unbeantwortet bleiben», sagte sie. Jedes Regime, das Tausende seiner eigenen Menschen töte, arbeite an seinem eigenen Untergang.
Der deutsche Aussenminister Johann Wadephul (CDU) sprach von einem längst überfälligem politischem Signal und bezeichnete die Revolutionsgarden als «Häscher des iranischen Regimes».
«Sie sind es, die mit unermesslicher Brutalität gegen die eigene Bevölkerung vorgehen, die ihre eigenen Menschen regelrecht hingerichtet haben, weil sie es wagten, ihre Stimme auf der Strasse zu erheben», ergänzte er. Zudem verantworteten sie auch die destabilisierende Rolle, die der Iran in der Region spiele, und steckten hinter Anschlagsversuchen in Deutschland und in Europa. «Kurzum: Sie haben Blut an ihren Händen», sagte der CDU-Politiker.
Kallas sagte nach dem Aussenministertreffen:
«Wer mit Terror agiert, muss als Terrorist behandelt werden.» Die Revolutionsgarden würden künftig auf einer Stufe mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und Organisationen wie Al-Kaida, Hamas und Hisbollah stehen.
Iran: Konsequenzen werden Europa treffen
Der Iran verurteilte die vereinbarte Einstufung unterdessen als eine «unverantwortliche und von Groll geprägte Aktion». Der Generalstab der iranischen Streitkräfte erklärte: «Das zeigt die Tiefe der Feindseligkeit gegenüber Iran und dessen Streitkräfte.» Die Konsequenzen dieser Entscheidung würden künftig direkt auch europäische Politiker treffen.
Aussenminister Abbas Araghtschi warf der EU auf der Plattform X vor, das Feuer in der Region weiter anzufachen und einen grossen strategischen Fehler zu begehen. Der Kontinent werde zudem mit Sicherheit massiv von einem umfassenden Krieg in der Region betroffen sein – einschliesslich der Folgewirkungen steigender Energiepreise.
Die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrorgruppe gilt als ein bedeutendes Symbol, auch wenn sie wegen bereits bestehender Sanktionen voraussichtlich kaum praktische Bedeutung haben wird. Grund ist, dass die Elitestreitkräfte als
tragende Säule der Islamischen Republik gelten und direkt dem obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei unterstellt sind. Bei der brutalen Niederschlagung von Protesten spielen sie eine Schlüsselrolle, weil sie auch für die Verhinderung von Putschversuchen zuständig sind.
Minister sprechen von bis zu 30'000 Toten
Bei den jüngsten schweren Unruhen in Iran wurden nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen Tausende Menschen getötet. Mehrere Aussenminister von EU-Staaten sprachen am Donnerstag sogar von möglicherweise bis zu 30'000 Opfern. Zudem soll es Zehntausende Festnahmen gegeben haben. Um eine Verbreitung von Informationen über Demonstrationen und Opfer zu verhindern, hat die iranische Führung bereits vor mehreren Wochen weitreichende Telefon- und Internetsperren veranlasst.
Wadephul sagte, die Listung der Garden sei wegen der Ereignisse in Iran dringend notwendig und
nannte die politische Führung ein «Unrechtsregime». Die Art und Weise, wie Menschen niedergeknüppelt, gequält, in Gefängnisse geworfen und auch erschossen oder gehängt worden seien, sei derart dramatisch, dass es eine klare Reaktion der Europäischen Union als Wertegemeinschaft geben müsse, so der CDU-Politiker.
Wadephuls Statement vor dem gemeinsamen Entscheid
Der Entscheidung zu den Revolutionsgarden war ein
formeller Beschluss zu Sanktionen gegen 31 andere Akteure aus Iran vorausgegangen. Ihnen wird ebenfalls eine Mitverantwortung für die brutale Niederschlagung der Proteste sowie die fortgesetzte Unterstützung der Islamischen Republik für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vorgeworfen.
Sanktionen auch gegen den Innenminister
Zu den Betroffenen zählen Innenminister Eskandar Momeni, Generalstaatsanwalt Mohammad Movahedi-Azad und der Leiter der Polizei für öffentliche Sicherheit, Seyed Majid Feiz Jafari.
Der deutsche Aussenminister Wadephul wollte sich am Donnerstag aus Sicherheitsgründen nicht zur Zahl der Deutschen äussern, die möglicherweise in Iran Ziel von Vergeltungsmassnahmen werden könnten. «Selbstverständlich sind wir ständig in Sorge um alle deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger», sagte er. Zugleich gelte aber, dass die Bundesregierung und Europa niemals erpressbar sein dürften.
Düsseldorfer Urteil könnte Grundlage sein
Als Grundlage für die Listung der Revolutionsgarden könnte nach einer Analyse des juristischen Dienstes des Rates der EU ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf aus dem Jahr 2023 dienen. In dem Richterspruch war der
Auftrag einer staatlichen iranischen Stelle für einen versuchten Brandanschlag auf eine Synagoge in Bochum festgestellt worden. Damals war ein Deutsch-Iraner wegen Verabredens einer schweren Brandstiftung und versuchter Brandstiftung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden (Aktenzeichen III-6 StS 1/23).
Vor der Analyse des Urteils durch den juristischen Dienst war von EU-Stellen immer betont worden, eine Terror-Listung der Elitestreitkräfte sei derzeit rechtlich nicht möglich, weil es dafür eine nationale Gerichtsentscheidung oder Verbotsverfügung einer Verwaltungsbehörde brauche. Vorbehalte hatte es damals auch gegeben, weil befürchtet wurde, dass sich eine solche Entscheidung negativ auf die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm auswirken könnte.
Revolutionsgarden bei einer Parade
Rubio schätzt iranische Führung so schwach ein wie nie zuvor
Rätselraten herrschte bei dem Aussenministertreffen über die Pläne von US-Präsident Donald Trump, der zuletzt auch Militärschläge gegen die politische Führung des Regimes nicht ausgeschlossen hatte. Wadephul sagte, er hoffe, dass Streitigkeiten um das iranische Raketenprogramm und eine mögliche nukleare Bewaffnung des Landes diplomatisch gelöst werden können. «Denn niemand braucht einen neuen, weiteren Konflikt», fügte er hinzu.
US-Aussenminister Marco Rubio äusserte sich bei einer Senatsanhörung in Washington unterdessen
skeptisch, dass die iranische Führung überhaupt noch handlungsfähig ist. Er beschrieb sie als so schwach wie nie zuvor und attestierte ihr, nicht mehr in der Lage zu sein, den Wirtschaftskollaps und die weit verbreiteten Missstände im Land zu adressieren. Aus seiner Sicht werden die Proteste deshalb wieder aufflammen. Die iranische Führung behauptet hingegen, allein die internationalen Sanktionen seien schuld an der Wirtschaftskrise. (sda/