Für Trump läuft es schlecht: Eine Iran-Bilanz in sechs Punkten
Donald Trump hat sich verrechnet
US-Präsident Donald Trump hat den Iran-Krieg vor eigenen Anhängern schon für gewonnen erklärt. Doch die Realität ist eine andere. Die US-Streitkräfte haben mit Ayatollah Ali Chamenei zwar den obersten iranischen Führer eliminiert, aber das Mullah-Regime hat überlebt. Der von Trump erhoffte Zusammenbruch blieb aus. Noch immer beschiessen iranische Truppen verschiedene Energieanlagen in Nahost. Dazu ist die Zahl der verwundeten US-Soldaten auf 200 gestiegen und der Krieg wird immer teurer: Das Pentagon will jetzt zusätzliche 200 Milliarden Dollar.
Auch für Trump persönlich läuft es schlecht. Eine Umfrage von «The Economist» zeigt, dass sein Vorgehen im Iran bei amerikanischen Wählerinnen und Wählern auf zunehmende Ablehnung stösst, selbst die starke Zustimmung bei seinen Republikanern bröckelt. Der amerikanische Anti-Terror-Chef Joe Kent ist unter Protest zurückgetreten und äusserte sich in der Folge kritisch über Trumps Führungsstil. HSG-Dozent Andreas Böhm hält darum fest: «Trump hat sich massiv verrechnet.»
Ohne Strategie ist selbst mit dem US-Militär kein Krieg zu gewinnen
Der Krieg im Iran offenbare den Unterschied zwischen Donald Trumps strategischen Geschick und jenem seiner Generäle, sagt Böhm: «Das amerikanische Militär hat verschiedene Szenarien vorbereitet und mit der Eliminierung von Chamenei und Militäranlagen bewiesen, dass es sehr gut funktioniert.»
Allerdings genüge das nicht für einen militärischen Sieg. Unabdingbar seien Plan, Strategie und eine Vorstellung davon, was erreicht werden soll. «Alles fehlt derzeit bei Donald Trump», sagt Böhm. Seit Ausbruch sind teils gegensätzlich Aussagen aus der Trump-Administration über die Ziele im Iran gekommen. So herrschte Unklarheit darüber, ob die USA die Beseitigung der iranischen Atomanlagen oder einen Regime-Change priorisieren. Am Donnerstagabend berichtete der «Guardian», dass laut US-Geheimdienstdirektorin Tulsi Gabard nun die Zerstörung der iranischen Kapazitäten für Abschuss und Produktion von Raketen im Vordergrund stehe.
Der Iran verfolgt eine klare Strategie
Anders als bei Donald Trump erkennt Andreas Böhm auf Seiten des Irans eine klare Strategie. «Die Iraner versuchten von Anfang an, die Kosten für den Gegner in die Höhe zu treiben», sagt er.
Dies zeige sich etwa auf der Strasse von Hormus, einem wichtigen Meerweg für den globalen Handel mit Öl und Flüssiggas. Dort ist der Schiffsverkehr zum Erliegen gekommen, weil der Iran mit Beschuss droht. Das Resultat davon sind hohe Benzinpreise weltweit. Sie sollen Trump um die Gunst seiner Wählerschaft bringen und dazu führen, dass andere Regierungen den Druck auf den amerikanischen Präsidenten erhöhen.
Die Iraner versuchen die USA also nicht militärisch zu schlagen, sondern den Krieg für sie möglichst untragbar zu machen. Das ist auch anhand der Organisation des Militärs erkennbar. Die iranischen Streitkräfte sind dezentral aufgebaut und können relativ unabhängig voneinander agieren. Einen Kollaps der Armee herbeizuführen, ist so selbst für das schlagkräftige US-Militär schwierig.
Die USA gelten nicht mehr als verlässlich in Europa
Donald Trump hat zuletzt gesagt, dass er die Strasse von Hormus absichern will. Dafür hat er militärische Hilfe von Nato-Staaten gefordert. Von grossen europäischen Staaten erhielt er stattdessen eine Abfuhr. Etwa Frankreich versagte Trump militärische Unterstützung. Der Deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz stellte am Montag klar: «Wir beteiligen uns nicht an diesem Krieg.» Und Grossbritanien erlaubte den Amerikanern erst am Freitagabend die Nutzung seiner Stützpunkte.
Für Andreas Böhm ist das ein Zeichen dafür, dass die USA nicht mehr als verlässlich gelten, zumal sie die Europäer bei der Unterstützung der Ukraine sich selbst überlassen haben. «Ohne auf ihre eigenen Interessen zu bestehen, können die europäischen NATO-Partner nicht in Verhandlungen über Mithilfe im Iran treten», sagt Böhm.
Die Mullahs halten sich, sind aber geschwächt
Seit 1979 führt das autoritäre Mullah-Regime den Iran repressiv und theokratisch. Donald Trump begründete den Krieg auch mit der Absicht, es beseitigen zu wollen. Dazu setzten die USA und Israel auf Gewalt: Den geistigen Führer, Ayatollah Ali Chamenei tötete man mit einem Luftschlag. Kürzlich bestätigte Israel die Eliminierung des iranischen Geheimdienstchefs Esmail Chatib.
Diese Schläge hätten die Stabilität des Regimes durchaus beschädigt, sagt Nahostexperte Andreas Böhm. Dies vor allem, weil viele Offizielle getötet wurden, die für das Funktionieren der Regierung wichtig seien. Zum Beispiel Sicherheitschef Ali Laridschani. Doch zumindest bisher konnten sich die Mullahs an der Macht halten. Eine entscheidende Rolle hätten Vorbereitungen auf allfällige Verluste gespielt, sagt Böhm weiter : «Für bestimmte Führungspositionen stehen bis zu vier potenzielle Nachfolger auf der Liste.»
Politisches Chaos ist wahrscheinlicher als klassischer Regimewechsel
Weite Teile der iranischen Bevölkerung sehnen sich nach einem Machtwechsel in ihrem Land. Doch eine organisierte Opposition zur Regierung existiert nicht, zu stark war die Unterdrückung in den vergangenen Jahren. Andreas Böhm hält darum einen Regime-Wechsel mit einem Volksaufstand für unwahrscheinlich, trotz der amerikanisch-israelischen Angriffe. «Für den Aufbau einer Oppositionsbewegung wäre wohl jahrelange Arbeit nötig», sagt er.
Denkbar sei hingegen ein Szenario wie in Libyen. Nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 verteilte sich die Macht auf verschiedene Milizen, die einander bis heute bekämpfen. Die unübersichtliche Situation macht Libyen heute zum Schauplatz von Drogen- und Menschenhandel. Für Böhm wäre eine vergleichbare Situation im Iran ein Worst-Case-Szenario: «Das menschliche Leid wäre gross, Flüchtlingsströme bis nach Europa die Folge davon.» Und es bestände das Risiko, dass angereichertes Uran aus iranischen Atomanlagen auf Umwegen in die Hände von Terrormilizen fällt, wo es noch schwieriger zu kontrollieren wäre.
