Jorge Mario Bergoglio, wie Papst Franziskus mit bürgerlichem Namen heisst, ist älter als US-Präsident Joe Biden und Donald Trump. Was sein Reiseprogramm angeht, trocknet der 87-Jährige die beiden aber locker ab. Über 60 Länder hat der Papst in den vergangenen Jahren besucht. Zuletzt Südostasien Anfang September, genauer: Indonesien, Ost-Timor, Papua-Neuguinea und Singapur. Ganze zwölf Tage war Franziskus unterwegs. Dutzende Flugstunden, sechs Zeitzonen, bei Temperaturen von über 30 Grad.
Wer denkt, danach hätte der Papst erst mal genug vom Reise-Stress, irrt sich. Selbst eine Grippe konnte ihn diese Woche nicht aufhalten. Am Donnerstag landete er pünktlich und bestens gelaunt in Luxemburg. Dann ging es weiter nach Belgien, wo er am Sonntag in Brüssel eine Messe vor 30'000 Gläubigen halten wird.
Warum tut sich der Papst das an? Sind diese Mühen wirklich notwendig? Immerhin leidet er nicht nur an den üblichen Altersbeschwerden, sondern ist wegen seiner Knie-Probleme auch seit einiger Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen.
Für Franziskus seien die Reisen «eine Ablenkung von den Machtkämpfen in seiner Kirche», schrieb der «Spiegel» in einem Artikel mit dem Titel «Papst pausenlos». Tatsächlich bekundet der Papst Mühe damit, die verstaubte Kurie im Vatikan umzukrempeln, wie er es sich vorgenommen hat. Den Hofstaat in Rom hat er schon als «Lepra des Papstums» bezeichnet und der Kurie in seiner berüchtigten Weihnachtsansprache 2014 «spirituellen Alzheimer» vorgeworfen. Dagegen anzukämpfen, ist nicht nur kräftezehrend. Sondern offenbar auch vergeblich. Sind seine Auslandsreisen also als eine Flucht vor der vatikanischen Bürokratie zu verstehen?
«Das wäre zu klein gedacht», sagt Gudrun Sailer, Journalistin beim Nachrichtenportal «Vatican News» und Papst-Expertin. Natürlich gebe es Auseinandersetzungen. «Aber Franziskus ist keiner, der davonläuft», so Sailer. Was der Papst im Ausland suche, seien die Begegnungen mit den Menschen, weil er wisse, dass seine Botschaft so besser ankomme.
Normalerweise sucht Franziskus die Menschen eher an den Rändern des Katholizismus, im «Globalen Süden», wo es eine lebendige, wachsende katholische Gemeinschaft gibt. Aber auch in muslimische Länder reist der Papst gerne.
Jetzt aber führt ihn seine Reise nach Belgien und Luxemburg, ins Herzen Europas, das er sonst meidet und mit dessen Verweltlichung er seine Mühe bekundet. Warum also Belgien und Luxemburg? Laut Kardinal Hollerich, dem Erzbischof von Luxemburg, habe der Papst erkannt, dass auch Luxemburg jetzt Peripherie sei – nämlich geistliche Peripherie.
Das gilt auch für das einst sehr katholische Belgien, wo sich die Kirchen seit den 1960er-Jahren sukzessive geleert haben, wie Cecile Vanderpelen, Professorin an der «Université Libre de Bruxelles» mit Spezialgebiet Katholizismus erklärt. Ein Grund waren die Skandale um sexuellen Missbrauch und Zwangsadoptionen unehelicher Kinder gewesen, die viele Menschen erschüttert haben.
Insofern ist der Besuch des Papstes, der sich am Freitagabend mit 15 Missbrauchsopfern trifft, auch der Versuch, am Leid der Betroffenen Anteil zu nehmen. Im Beisein des Königs und des belgischen Premierministers entschuldigte sich der sichtlich bewegte Papst und nannte die Missbräuche von Kindern «unsere Schande und Erniedrigung». Die Kirche müsse «sich schämen und um Vergebung bitten und in christlicher Demut alles in ihrer Macht Stehende tun, damit das nicht mehr geschieht», so Franziskus. (aargauerzeitung.ch)