International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 3: Der Rockstar schaltet sich ein

Eine Ranch im US-Bundesstaat Utah wird zum Hotspot unheimlicher Phänomene. Forscher versuchen, eine Erklärung zu finden und wecken das Interesse des Pentagons. Teil 3 unserer Serie über die sagenumwobene Ranch.

Christoph Kummer



Die Geschichte der Skinwalker-Ranch klingt wie der Plot für eine klischeebeladene Science-Fiction-Fernsehserie. Wohl die meisten Menschen würden nie glauben, dass sie wahr sein könnte.

Was ist wahr? Wer hat seine Finger im Spiel? Und mit welchen Interessen? Der freie Journalist Christoph Kummer ist der Geschichte um die Skinwalker-Ranch und die UFO-Forschung des Pentagons für watson auf den Grund gegangen. Teil 3 der Sommerserie.

Der Rockstar

Tom DeLonge (vorne) und seine Bandmitglieder von Blink-182 Bild: Navy Visual News Service

Die Skinwalker-Fall wäre wohl vergessen gegangen, wäre da nicht ein Ex-Rockstar und die Zeitung New York Times gewesen.

Es war der 11. Oktober 2017, als Tom DeLonge seinen grossen Auftritt hatte. Doch statt Baggy-Jeans und wilden Haaren, wie er sie bei Konzerten seiner Punkrock-Band Blink-182 getragen hatte, kam er in Anzug und Krawatte und mit glatt gekämmten Haaren. Und er kam ohne seine Bandkollegen. DeLonge hatte zu einer Pressekonferenz in einem Konzertsaal geladen.

Seit seiner Jugend sei er von der Frage, ob ausserirdisches Leben existiere, fasziniert, sagte der 43-jährige Musiker einleitend. Seit Anfang 2017 habe er aktiv bei der US-Regierung nach Antworten gesucht.

In der rund 40-minütigen Präsentation, die via Facebook in die ganze Welt übertragen wurde, behauptete der Kalifornier, dass seine Recherchen und Aussagen in Radioshows über UFOs das Interesse führender US-Militärs und Geheimdienstlern geweckt hätten. Es sei zu geheimen Treffen gekommen.

Bild

Tom DeLonge, Punkrocker und Ufo-Sucher, während der ominösen Pressekonferenz im Oktober 2017.

Schliesslich sei die Idee entstanden, ein Unternehmen zu gründen, eine Art Think Tank, der die UFO-Forschung voranbringen sollte: To the Stars Academy of Arts and Science. Das Endziel des Unternehmens sei es, mit gewonnenen Daten über UFOs eine «revolutionäre neue Technologie» zu entwickeln.

Die Pressekonferenz stiess auf wenig Resonanz in den grossen Medien und wäre wohl aufgrund der haarsträubenden Behauptungen DeLonges komplett ignoriert worden, wären nicht mehrere hochrangige Ex-Regierungs- und Geheimdienstleute mit an Bord bei TTSA.

UFOs waren noch immer eine Lachnummer und ein Rockstar, so schien es, war der letzte, der dem Thema Glaubwürdigkeit verleihen konnte.

Besonders nennenswert sind Christopher K. Mellon, ein ehemaliger hoher Sicherheitsberater für die Clinton- und Bush-Regierungen, sowie Steve Justice, Ex-Leiter von Skunkworks, einer geheimnisumwitterten Abteilung der Rüstungsfirma Lockheed Martin, die neuartige Kampfflugzeuge für die US-Streitkräfte entwickelt. Daneben stellte DeLonge auch den TTSA-Mitgründer Jim Semivan, einen CIA-Veteranen, sowie einen ehemaligen Spion namens Luis Elizondo vor.

Trotz der klingenden Namen und Positionen hielt sich die Berichterstattung in Grenzen. Zu verrückt klang das Ganze: Ein Rockstar, der zusammen mit Ex-Spionen UFOs nachbauen will? UFOs waren noch immer eine Lachnummer und ein Rockstar, so schien es, war der letzte, der dem Thema Glaubwürdigkeit verleihen konnte.

Doch die Einstellung der Zeitungen sollte sich schon bald ändern.

Der Ex-Spion

Nur zwei Monate später, am 17. Dezember, publizierte die renommierte New York Times einen Artikel mit dem Titel «Glowing Auras and ‘Black Money’: The Pentagon’s Mysterious U.F.O.Program». Im Zentrum der Geschichte stand Luis Elizondo, jener Ex-Spion, der nun bei Tom DeLonges UFO-Firma mitmachte.

Der Amerikaner sagte der Times, dass er jahrelang ein geheimes UFO-Programm für den US-Militärnachrichtendienst Defense Intelligence Agency (DIA) geleitet habe. Das Schattenprojekt namens AATIP begann nach aktuellem Stand 2007 und endete offiziell 2012. 22 Millionen Dollar sollen vom Pentagon für das Advanced Aerospace Threat Identification Program (AATIP) in dieser Zeit ausgegeben worden sein.

«Warum stecken wir nicht mehr Manpower und Geld in dieses Thema?»

Luis Elizondo

22 Millionen wirkt in Angesicht von rund 600 Milliarden im US-Verteidigungsbudget eher klein. Das kleine Budget, der interne Widerstand gegen das Programm sowie die übermässige Geheimhaltung sollen denn auch die Gründe gewesen sein, weshalb Elizondo im Oktober 2017 seinen Dienst im Pentagon quittierte. «Warum stecken wir nicht mehr Manpower und Geld in dieses Thema?», kritisierte er gemäss der «Times» in seinem Rücktrittsschreiben an Verteidigungsminister James Mattis.

Elizondo wechselte nur wenige Tage nach seinem Rücktritt vom öffentlichen Dienst zu Tom DeLonges Unternehmen, wo er seither vor allem Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Er reist durch die USA und informiert die Menschen über das UFO-Programm des Pentagons sowie die Bestrebungen von TTSA.

Beweise für eine ausserirdische Präsenz im US-Luftraum hat auch Elizondo nicht. Er hat bloss ein paar Infrarot-Videos, für die er vor seinem Austritt die Freigabe erhielt. Und diese Videos sind unscharf und kurz und überlassen somit vieles der Interpretation des Betrachters.

In einer der Aufnahmen, die angeblich während einer Navy-Übung 2015 an der US-Ostküste aufgenommen wurde, ist ein heller Punkt zu sehen, der übers Wasser gleitet, in einem anderen Video, dieses stammt offenbar von einem Manöver im Jahr 2004 vor San Diego, sieht man ein längliches, in der Luft verharrendes Objekt, das plötzlich davonschiesst.

Laut dem Ex-Agenten konnte das AATIP-Programm des Pentagons durch Analysen solcher Videos und anderer Daten fünf Merkmale der beobachteten UFOs feststellen.

Elizondo betont in einem schriftlich geführten Kurzinterview mit watson, dass er nicht wisse, ob diese Fluggeräte aus dem All stammten. Doch er sagt auch, dass mit «höchster Wahrscheinlichkeit keine Nation der Welt über solche bahnbrechenden Technologien verfügt, auch nicht China oder Russland».

Der Präsident

Bild: AP

In den Monaten nach den Enthüllungen in der New York Times folgten neue Artikel, nicht nur in der Times, sondern auch in der Washington Post und dem Online-Portal Politico. Im Frühjahr 2019 berichtete Politico, dass die US-Navy neu ein UFO-Meldesystem für Piloten einführen wolle. Und im Juni machte die Neuigkeit die Runde, dass mehrere US-Senatoren sowie der Präsident selbst geheime Briefings über UFO-Sichtungen der Navy erhalten hätten.

Donald Trump meinte allerdings in einem Interview mit dem Sender FOX, dass ihn die UFO-Berichte nicht überzeugt hätten. «Ich bin kein UFO-Gläubiger, müssen Sie wissen, aber grundsätzlich stehe ich dem Thema offen gegenüber.»

Doch wie passen Bigelow und die Skinwalker-Ranch ins Bild?

Klar ist, dass Bigelow offiziell 2008 – also vier Jahre nach der Auflösung von NIDS – ein neues Unternehmen gründete. Es hiess Bigelow Aerospace Advanced Space Studies oder kurz BAASS und war eine Tochtergesellschaft von Bigelow Aerospace.

Archivierte Versionen der Bigelow-Website verraten, dass BAASS sich auf die «Identifizierung, Bewertung und den Erwerb von neuartigen Technologien mit Bezug zur Raumfahrt» konzentrierte. Der Ex-NIDS-Forscher Colm Kelleher amtete gemäss seiner Profilseite auf Linkedin als stellvertretender Geschäftsführer. Die Organisation soll zeitweise rund 50 Mitarbeitende umfasst haben.

Gemäss den Enthüllungen der New York Times und anderer Zeitungen arbeiteten Bigelow und sein Team im offiziellen Auftrag des Pentagons. BAASS finanzierte sich somit mit US-Steuergeldern, genauso wie AATIP. Beide sollen unter demselben Dachprogramm AAWSAP (Advanced Aerospace Weapons Systems Application Program) geführt worden sein.

Doch BAASS und AATIP waren nicht dasselbe: Das eine war Pentagon-intern, das andere grundsätzlich privat, das eine, AATIP, konzentrierte sich auf UFO-Berichte von US-Streitkräften, während das andere, BAASS, auf verschiedene UFO-Sichtungen und paranormale Phänomene schaute.

Bild

Zugang zur Skinwalker-Ranch: Wer hatte seine Finger im Spiel?

Auf der Ranch soll dabei für BAASS ein Schwerpunkt gelegen haben, ja die Geschehnisse auf der Ranch in Utah sollen die Behörden erst zu ihren Programmen inspiriert haben.

Laut dem Journalisten George Knapp, der die Skinwalker-Geschichte seit ihren Anfängen verfolgt hat, besuchte mindestens ein hoher Beamter des Militär-Geheimdienstes DIA im Jahr 2007 die Ranch und erlebte dabei selbst Seltsames. Jedenfalls entschied die DIA aufgrund der Berichte über die Ranch, ein Programm auf die Beine zu stellen, das sich der Untersuchung solcher Phänomene widmete.

Der Journalist

George Knapp Bild:

Den nötigen politischen Support erhielt die Behörde von drei US-Senatoren: Dem damaligen Senatsführer Harry Reid aus Nevada sowie Daniel Inouye aus Hawaii und Ted Stevens aus Alaska. Besonders Reid interessierte sich seit langem für Themen der Raumfahrt, zudem war er mit Robert Bigelow befreundet.

Das Programm wurde schliesslich abgesegnet, und Bigelow machte von nun an im Auftrag der US-Regierung Jagd auf Aliens und UFOs. Heute existieren weder BAASS noch AATIP, zumindest nicht auf dem Papier. Beide wurden offiziell 2012 eingestampft. Warum ist nicht bekannt. Vielleicht hatten die Forscher dasselbe Problem wie NIDS: Das Phänomen blieb unantastbar.

FILE - In this March 17, 2015 file photo, Senate Minority Leader Harry Reid of Nev. speaks to reporters on Capitol Hill in Washington. Reid is announcing he will not seek re-election to another term. The 75-year-old Reid says in a statement issued by his office Friday that he wants to make sure Democrats regain control of the Senate next year and that it would be

Senator Harry Reid Bild: AP/FR170882 AP

Laut Luis Elizondo soll das Pentagon aber auch nach 2012 grosses Interesse an Ufos gehabt haben. «AATIP war nur die Spitze des Eisberges», berichtete der Ex-Agent gegenüber watson. «Und AATIP hat nie aufgehört zu existieren – das Programm heisst heute nur anders.»

Einige von AATIP und vor allem BAASS sind nun Teil von Tom DeLonges To the Stars Academy of Arts and Science. Offiziell hat das Unternehmen keine Verbindung zu Bigelow und auch nicht zum Pentagon, doch die personellen Überschneidungen sind unbestreitbar: Hal Puthoff, der für NIDS arbeitete, ist bei TTSA verantwortlich für Wissenschaft und Technologie, Colm Kelleher amtet als Biotechberater und der Ex-DIA-Agent Elizondo ist zuständig für «Global Security and Special Programs».

Der mysteriöse neue Besitzer

Doch was geschah mit der Ranch selbst? Bigelow verkaufte sie 2016 an einen Unternehmer, der bislang anonym geblieben ist. Gegenüber der Öffentlichkeit tritt nur die Adamantium Real Estate auf, eine kryptische Immobilienfirma mit Sitz im US-Bundesstaat Delaware.

Wie ein Sprecher des neuen Besitzers, Thomas Winterton, auf Anfrage von watson erklärte, wolle «der neue Ranch-Besitzer nicht identifiziert werden». Es handle sich um einen Geschäftsmann, der sich um einen Ruf sorge. Deshalb habe er grosse Anstrengungen unternommen, um seine Identität geheim zu halten.

«Wir wollen ernsthaft herausfinden, was dort vor sich geht und dabei auch die Frage untersuchen, ob ausserirdisches Leben für die Phänomene verantwortlich sein könnte.»

Thomas Winterton

Winterton, der selbst ein Geschäftsmann ist und Motels und Liegenschaften in den Dörfern nahe der Ranch besitzt, erklärte, dass er vom Besitzer als eine Art Ranch-Manager und Stellvertreter engagiert worden sei. Im schriftlich geführten Interview schrieb Winterton: «Wir wollen ernsthaft herausfinden, was dort vor sich geht und dabei auch die Frage untersuchen, ob ausserirdisches Leben für die Phänomene verantwortlich sein könnte.»

Der neue Besitzer wolle auch eine Ära der Transparenz und Zusammenarbeit einläuten. Doch weitergehende Anfragen nach Interviews mit den nun aktiven Forschern lehnte Winterton ab.

Bild

Blick auf die Skinwalker-Ranch. Viele Geschichten, keine Beweise.

Bekannt ist nur, dass der US-Physiker Jim Segala wissenschaftlicher Leiter auf der Skinwalker-Ranch ist. Er hat enge Verbindungen zu Ex-NIDS-Leuten: Der promovierte Physiker arbeitete bei Earthtech – Institute for Advanced Studies At Austin, einem Unternehmen in Texas, das vom NIDS-Forscher Hal Puthoff gegründet wurde, und bei dem auch Eric Davis tätig gewesen ist.

Die Phänomene seien weiterhin aktiv, ja hätten sogar an Intensität zugenommen, berichtete Winterton. Auf die Frage, ob auch der neue Besitzer mit dem Pentagon zusammenarbeite, erklärte er: «Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich Verbindungen zu Regierungsstellen oder Geheimdiensten weder bestätigen noch dementieren.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So schön waren die Sci-Fi-Frauen von anno dazumal

Erklär mal einem Ausserirdischen die WM...

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel