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Giftköder gegen Trüffelhunde: So schockierend ist eine neue Arte-Doku

ARTE-Doku über Trüffelsucher, Trüffelhunde, Giftköder
Protagonist der Doku, Michele Bertolusso, freut sich mit seiner Hündin über einen Trüffel.Bild: screenshot ARTE
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Im Kampf zwischen den italienischen Trüffeljägern sterben hunderte Hunde

In einer neuen Doku zeigt Arte die traurige Realität von italienischen Trüffeljägern und ihren Hunden. Es ist ein Leben zwischen Tradition und Geldgier. Denn immer öfter werden die Trüffelhunde Opfer von Giftköder-Attacken.
24.12.2023, 05:34
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Es ist früh am Morgen, in einem Waldstück in Alba, in der italienischen Provinz Piemont. Trüffeljäger Michele Bertolusso läuft mit seiner weissen, struppigen Hündin Maghia durchs Gestrüpp. Plötzlich erschnüffelt Maghia eine Spur. Unter aufgeregtem Schwanzwedeln beginnt sie zu graben und bringt schliesslich einen schwarzen Trüffel zum Vorschein.

ARTE-Doku über Trüffelsucher, Trüffelhunde, Giftköder
Michele Bertolusso freut sich mit seiner Hündin über den schwarzen Trüffel.Bild: screenshot ARTE

Bertolusso lobt und streichelt sie freudig, auch wenn er eigentlich auf einen weissen Trüffel gehofft hat. Doch diese werden im Norden Italiens immer rarer. Und das hat schwere Folgen, vor allem für die Hunde der Trüffeljäger, wie die neue Arte-Doku «Das gefährliche Geschäft der Trüffeljäger» aufzeigt.

«Das gefährliche Geschäft der Trüffeljäger» hier zum Nachschauen:

Diese drei Punkte hallen nach dem Schauen der Doku nach:

Das Geschäft mit dem weissen Gold

Mehr als 100 Millionen Euro Umsatz macht das Piemont im Jahr durch den Trüffel-Tourismus. Für den weissen Trüffel reisen Menschen aus aller Welt an das Weisstrüffel-Festival von Alba, wie die Doku zeigt. So etwa eine Frau aus Singapur, die ihren Freunden zuhause ein Exemplar mitbringen möchte. Ein teures Geschenk.

Zwischen 4000 und 5000 Euro kann man für ein Kilogramm weisser Trüffel hinblättern. Je nachdem wie gross, schön und frisch das Exemplar ist. Die Pilze müssen nämlich sehr schnell verzehrt oder verarbeitet werden. Maximal drei Tage bleiben sie frisch.

ARTE-Doku über Trüffelsucher, Trüffelhunde, Giftköder
Ein grosser, weisser Trüffel kostet schnell über 1000 Euro.Bild: screenshot ARTE

Der Preis für einen weissen Trüffel variiert deshalb von Woche zu Woche. Oder anders gesagt: Je weniger Trüffel gerade erhältlich sind, desto mehr können die Trüffeljäger für ihre Pilze verlangen. Und die Trüffel werden immer rarer.

Das wird klar, als die Arte-Reporter einen 80-jährigen Trüffeljäger besuchen, der seit 1975 von Hand dokumentiert, wie der weisse Trüffel in seiner Region zurückgeht. Fand er in seinem Suchgebiet früher noch drei bis vier Kilo weissen Trüffel pro Jahr, waren es 2022 noch 500 Gramm. In diesem Jahr sieht es nicht besser aus.

ARTE-Doku über Trüffelsucher, Trüffelhunde, Giftköder
Vor 20 Jahren gab es noch mehr weissen Trüffel, zeigen die Daten des 80-jährigen Trüffeljägers.Bild: screenshot ARTE

Es ist schmerzhaft mitanzusehen, wie der 80-Jährige in der Doku mit zittrigen Händen seine Ausbeute der letzten Woche auspackt. Man stellt sich vor, wie er für die kleinen, weissen, teilweise von Schnecken angeknabberten Klumpen jede Nacht mit seinem Hund durch die Wälder gezogen ist. Auf der Suche nach dem weissen Gold. Er schimpft:

«Ein schlechtes Jahr. Schlimmer als letztes Jahr. Ich bin einfach nur wütend!»
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Der Fund des 80-Jährigen «Trifulau».Bild: screenshot ARTE

Wütend ist er auf den Menschen. Mit der Klimaerwärmung werden die Sommer im Norden Italiens immer heisser und trockener. Der weisse Trüffel mag es hingegen kühl und nass. Er wächst an den Wurzeln von Eichen, Pappeln und Linden. Lockere Mischwälder sind darum optimal für ihn. Doch genau diese Wälder gibt es immer weniger. Stattdessen hat man dichte Monokulturen angepflanzt.

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Die Trüffeljäger früher hätten bei ihrer Ernte auch zu wenig an die nächste Generation gedacht, findet der 80-Jährige.Bild: screenshot ARTE

Trüffeljäger vergifteten 2022 rund 400 Trüffelhunde

Je seltener der weisse Trüffel, desto härter der Konkurrenzkampf unter seinen Jägern. Bertolusso aus der Anfangsszene kann diesen Hype nicht verstehen. Er sagt: «Es ist zu einem Zirkus geworden. Die Leute haben nur noch Geld im Kopf. Nur darum geht es.» Ihm und den anderen «Trifulau», wie sich die traditionellen Trüffeljäger selbst nennen, gehe es hingegen um Leidenschaft:

«Wenn mein Hund einen Trüffel findet, ist es so, als würde er mir das schönste Gold der Welt bringen. Und wir haben beide Freude daran. Ich und der Hund.»
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Ein Moment der Freude, auch wenn es ein schwarzer Trüffel ist, den Maghia gefunden hat.Bild: screenshot ARTE

Die UNESCO erklärte die Trüffelsuche in der Region 2021 zum immateriellen Weltkulturerbe. Seither hat der Kampf um das weisse Gold einen grausigen Höhepunkt erreicht. Die Trüffeljäger schlitzen einander nicht mehr nur Autoreifen auf oder ernten unreife Trüffel. Um einander nachhaltig zu schaden, haben sie es inzwischen auch auf die Trüffelhunde abgesehen.

Mit traurigem, aber gefassten Blick sagt Bertolusso direkt in die Kamera:

«In all den Jahren haben sie 14 meiner Hunde getötet. Alle haben Giftköder gefressen.»

Drei seiner Hunde habe er noch retten können. Die anderen seien gestorben. Hackbällchen, gespickt mit Rasierklingen oder gefüllt mit Rattengift werfen die Saboteure aus. Fressen die Hunde die Giftköder, verbluten sie in kürzester Zeit innerlich und unter starken Schmerzen.

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Bertolusso spricht über seine vergifteten Hunde.Bild: screenshot ARTE

Auf seinen nächtlichen Touren durch den Wald begleitet Bertolusso darum immer die Angst um seine Hündin Maghia. Für ihn ist sie nicht nur ein Arbeitstier, das er vier Jahre lang selbst zum Trüffelhund ausgebildet hat. Sie ist seine Gefährtin. Er sagt: «Der Tod eines Hundes, mit dem man 10 Jahre zusammen war, ist wie der Verlust eines Verwandten.» Umso schockierter lässt es einen zurück, als er resigniert anfügt:

«Das ist hart, aber so ist das Spiel.»

Ein Spiel ist es, die Suche nach dem weissen Trüffel. Ein Spiel, bei dem in der Doku niemand zu gewinnen scheint. Weder die Trifulau, die nach wie vor in einfachen Verhältnissen leben. Noch die Trüffelkäufer, die wegen des rarer werdenden Guts Zukunftsängste äussern. Und am wenigsten die Trüffelhunde. Der italienische Tierschutzverband schätzt, dass allein im letzten Jahr 400 Trüffelhunde vergiftet wurden. So viele wie noch nie.

Die Polizei kann kaum etwas tun

Die Doku besucht auch eine Polizeistation in der Region, in Bra. Dieser sind die Giftköder-Attacken bekannt. Eine Polizistin sagt:

«Es ist eine Praxis, die seit Jahren gängig ist. Einen Hund zu vergiften, ist die einfachste Möglichkeit, einen Konkurrenten aus dem Rennen zu werfen.»

Ein Trüffeljäger könne zwei oder drei gute Hunde haben. Normalerweise nehme er aber nur seinen besten mit auf die Suche. «Und wenn der beste Hund vergiftet wird, ist das ein grosser Schaden.»

Sie und ihre Kollegen versuchen gegen die Praxis vorzugehen. Aber das gestaltet sich schwierig. Die wenigsten Trüffeljäger erstatten Anzeige, wenn ihr Hund vergiftet wurde. Denn sie wollen ihre geheimen Plätze, an denen sie seit vielen Jahren nach weissen Trüffeln suchen, nicht preisgeben. In Bra sucht die Polizei darum präventiv mit extra dafür geschulten Hunden ganze Waldgebiete nach Giftködern ab.

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Die Polizei auf Streife im Wald.Bild: screenshot ARTE

Aber auch dieses Vorgehen ist eher ein Tropfen auf den heissen Stein. Ein Polizist sagt: «Man muss schon innerhalb der ersten 24 Stunden, nachdem ein Giftköder ausgelegt wurde, kommen, weil ihn sonst schon ein Tier gefressen hat.» Den Giftköder-Attacken fallen schliesslich nicht nur Trüffelhunde zum Opfer, sondern auch zahlreiche Wildtiere.

Die Doku lässt einen fassungslos und tieftraurig zurück. Man hofft nur, dass Maghia und ihr Trifulau Bertolusso noch viele Jahre zusammen Freude am Trüffelsuchen haben können und ein Giftköder dem nicht auch ein jähes Ende setzt.

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57 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lordkanzler-von-Kensington
22.12.2023 20:09registriert September 2020
Menschen & Profitgier....kaum je eine gute Kombination gewesen.
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honesty_is_the_key
22.12.2023 20:44registriert Juli 2017
Danke für diesen sehr interessanten Artikel. Ich bin traurig und bestürtzt darüber, wie Menschen handeln, um an Geld zu kommen. Die Hunde anderer Trüffelsucher zu vergiften, um mehr Chancen zu haben, wie krank ist das ? Selbst bei Konkurrenz, sollte es doch Menschlichkeit und Empathie geben ?
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Capsaicine
22.12.2023 20:54registriert August 2018
Was für eine Kreatur ist der Mensch... Bin fassungslos. Wir haben alles mitbekommen, um ein Paradies auf Erden zu schaffen. Und wir nutzen dieses Potenzial viel zu oft für unseren Egoismus, zum Leiden und Schaden von andern Lebewesen und der Natur.

Der Mensch als Individuum ist wertvoll, ich kenne so viele wunderbare Menschen.
Als Spezies sind wir einfach nur ein Schaden für alle, unsere Mitmenschen eingeschlossen.
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