Verbündete unter Druck: Ukrainische Drohnen werden zum Problem für Nato-Staaten
Russland soll ukrainische Drohnenangriffe gezielt nutzen, um Spannungen zwischen Kiew und dessen engsten Nato-Verbündeten zu schüren. Das berichtet das Nachrichtenportal «Kyiv Independent».
Demnach habe Moskau begonnen, ukrainische Langstreckendrohnen durch elektronische Störmassnahmen umzuleiten – unter anderem in Richtung Finnland, Lettland und Estland. Mehrere baltische Regierungsvertreter und öffentliche Stimmen warnten demnach, weitere Vorfälle könnten die Unterstützung für die Ukraine in Ländern schwächen, die bislang zu Kiews wichtigsten Verbündeten zählen. Die Vorfälle sorgen dort zunehmend für politische Unruhe.
Vorfälle in Finnland, Lettland und Estland
Der erste grössere Zwischenfall ereignete sich bereits Ende März in Finnland. Mehrere Drohnen stürzten dort ab, mindestens eine davon soll ukrainischen Ursprungs gewesen sein. Kiew entschuldigte sich offiziell für den Vorfall. Wenige Wochen später drangen erneut Drohnen aus Russland kommend in den Luftraum Lettlands ein. Eine davon stürzte nahe eines Öllagers in der Grenzstadt Rezekne ab.
Auch Estland war betroffen. Dort schoss ein Nato-Kampfjet am 19. Mai erstmals eine mutmasslich ukrainische Drohne über estnischem Staatsgebiet ab. Weitere ähnliche Zwischenfälle folgten in den darauffolgenden Tagen.
Sorge um Unterstützung für Kiew
Ukrainische Vertreter werfen Russland vor, die Drohnen mithilfe elektronischer Kriegsführung bewusst in Richtung Nato-Gebiet umzuleiten. Ziel sei es demnach, Misstrauen gegenüber der Ukraine zu schüren und die Unterstützung westlicher Partner zu schwächen. Begleitet wurden die Vorfälle laut Bericht von russischer Propaganda.
Der frühere estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves sagte dem «Kyiv Independent», wiederholte Drohnenvorfälle könnten die öffentliche Haltung gegenüber der Ukraine schrittweise beschädigen. Niemand wolle Drohnen über dem eigenen Staatsgebiet haben, sagte Ilves sinngemäss.
Er verwies zudem auf die Regierungskrise in Lettland: Ministerpräsidentin Evika Siliņa machte Verteidigungsminister Andris Sprūds für die abgestürzten Drohnen verantwortlich, woraufhin dieser zurücktrat. Der Streit um seine Nachfolge führte zum Bruch der Koalition; Siliņa kündigte daraufhin am 14. Mai ihren Rücktritt an.
Auch Estlands Verteidigungsminister Hanno Pevkur mahnte Kiew demnach zu grösserer Vorsicht. Estland habe die Ukraine öffentlich aufgefordert, die Kontrolle über ihre Drohnen zu verschärfen, um politische Verwerfungen unter Verbündeten zu vermeiden. Es gebe keinen Grund, die Unterstützung der Esten für die Ukraine aufs Spiel zu setzen, sagte Pevkur.
Der polnische Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz äusserte sich ebenfalls ungewöhnlich deutlich. Die Ukraine müsse präziser vorgehen, um russischen Provokationen keinen Anlass zu geben. Das Territorium Polens dürfe nicht verletzt oder bedroht werden.
«Solche Dinge sollten nicht passieren»
Vertreter der baltischen Staaten betonen jedoch gleichzeitig, Russland trage die Verantwortung für die Situation. Jonatan Vseviov, Staatssekretär im estnischen Aussenministerium, sagte dem «Kyiv Independent», Ursache der Vorfälle sei letztlich Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.
«Solche Dinge sollten nicht passieren, dürfen nicht passieren, müssen nicht passieren», sagte er und fügte hinzu, dass die einzige wirkliche Lösung darin bestehe, den Krieg Russlands zu beenden.
Auch Kiew kündigte eine engere Zusammenarbeit mit Finnland und den baltischen Staaten an, um ähnliche Zwischenfälle künftig zu verhindern.
Verwendete Quellen:
- Kyiv Independent: "How Ukraine's strikes inside Russia became a headache for its NATO allies" (englisch)

