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Wladimir Putin (links) und Recep Tayyip Erdogan am G20-Gipfel in Antalya (15.11.2015).<br data-editable="remove">
Wladimir Putin (links) und Recep Tayyip Erdogan am G20-Gipfel in Antalya (15.11.2015).
Bild: Getty Images Europe

Türkei vs. Russland: Putin will neuen Kalten Krieg – kriegt er ihn? 

25.11.2015, 14:34

Über 60 Jahre ist es her, dass ein NATO-Mitglied einen russischen Kampfjet vom Himmel holte. Damals waren es vier aufs Mal und die Welt befand sich in der Anfangszeit des Kalten Kriegs. Seit dem Abschuss einer Su-24 durch eine türkische F-16 an der syrisch-türkischen Grenze geistert das Gespenst einer Neuauflage des Ost-West-Konflikts durch die europäischen Kommentarspalten. Sind die Ängste begründet?

Verbale Eskalation

Keine Seite liess unmittelbar nach dem Vorfall die Absicht erkennen, die angespannte Lage zu beruhigen. Die Türkei berief eine Sondersitzung des westlichen NATO-Militärbündnisses ein, sehr zum Missfallen Wladimir Putins. Die NATO mache sich zum Komplizen des «IS», sagte der russische Präsident. Seinem Amtskollegen Erdogan warf er vor, die türkische Gesellschaft zu islamisieren. Premierminister Medwedew unterstellt der Türkei derweil, mit den Terroristen lukrative Ölgeschäfte zu machen und diese daher zu protegieren.

De-eskalation klingt zwar anders, aber so lange es bei einem verbalen Schlagabtausch zwischen zwei autoritär geführten Staaten bleibt, dürfte der Vorfall keine nachhaltigen Konsequenzen haben. Die Türkei bemüht sich am Tag danach bereits, die Wogen zu glätten: «Wir haben keine Absicht, diesen Vorfall zu eskalieren», sagte Präsident Erdogan in einer vom Fernsehen übertragenen Ansprache in Istanbul. Auch die NATO und namentlich ihre beiden Mitglieder USA und Deutschland mahnen zur Zurückhaltung.

Militärische Eskalation

Einigermassen besorgniserregend ist eine neue Entwicklung, sollte sie sich denn bewahrheiten: Das russische Verteidigungsministerium hat angekündigt, als Reaktion auf den Abschuss Moskaus modernstes Kriegsgerät nach Syrien zu verlegen: Das Langstrecken-Boden-Luft-Raketen-System S-400 zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern in allen Flughöhen. Wladimir Putin korrigierte später, es handle sich um das ältere, aber ebenfalls sehr effektive S-300-System. Russland wäre damit in der Lage, die Kontrolle über den gesamten syrischen Luftraum zu übernehmen. Jegliche Interventionen aus der Luft müssten mit Russland abgesprochen werden. 

Russischer Kampfjet von der Türkei abgeschossen

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Russischer Kampfjet von der Türkei abgeschossen
quelle: epa/haberturk tv channel / haberturk tv channel
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Kein Schulterschluss

Die unmittelbarste Konsequenz aus dem Vorfall dürfte ein Rückschlag für die Bemühungen Frankreichs sein, eine internationale Koalitionen gegen den «IS» unter Einschluss Russlands auf die Beine zu stellen. Die Aussichten auf Gelingen waren ohnehin gering. Zu unterschiedlich sind die Ziele der verschiedenen Akteure. Die weltweite Solidarität nach den Terroranschlägen in Paris vermochte dies für einige Tage lang zu verschleiern. Inzwischen ist wieder eiskalt kalkulierte Interessenpolitik angesagt.

Kein Kalter Krieg

«Putins Ziel ist nicht eine Partnerschaft mit dem Westen, sondern eine neue Weltordnung, in der Russland und den USA wieder die Führung zukommt», analysiert der «Tages-Anzeiger». Der wichtIgste Grund, warum das nicht passieren wird, liegt weder in Moskau noch in Ankara, sondern in Washington: Die USA befinden sich auf dem Rückzug aus dem Nahen Osten. Nach den Debakeln im Irak und in Libyen und dem Schwarzen Loch Afghanistan ist die Weltmacht nicht mehr bereit, in den zahlreichen Konflikten in der Region eine aktive Rolle zu übernehmen. Das grosse Wetteifern findet heute auf der anderen Seite der Erdkugel, im pazifischen Raum und mit China, statt.

Präsentieren die USA den Nahen Osten Russland somit praktisch auf dem Serviertablett? Wohl kaum. Washington wird auch weiterhin eingreifen, wenn seine nationalen Interessen unmittelbar tangiert sind, etwa wenn Israel betroffen wäre. Was Russland ausser der Aufrechterhaltung des Assad-Restregimes in Syrien zu erreichen vermag, ist zudem fraglich. Das Debakel in Afghanistan in den 1980er-Jahren zeigte der Supermacht schmerzhaft die Grenzen ihrer militärischen und politischen Gestaltungsmacht auf. Es wird nicht einfacher in Syrien.

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