International
Russland

Russland huldigt wieder Sowjet-Tyrann Stalin – das sagt viel aus

Moskau huldigt wieder Sowjet-Tyrann Stalin – das sagt viel über Russland aus

In einer U-Bahn-Station Moskaus wird ein Stalin-Relief enthüllt. Das Denkmal für den einstigen Diktator sagt vieles über das heutige Land aus.
25.05.2025, 06:2525.05.2025, 06:25
Inna Hartwich, Moskau / ch media

Aufrecht steht er da, das rechte Bein etwas angewinkelt, die rechte Hand auf die Brust unter die Jacke geschoben. Stalin, in fast blendendem Weiss. Die Moskauer Metro hat das Abbild des sowjetischen Schlächters in übermenschlicher Grösse zu ihrem 90. Geburtstag wiederherstellen lassen.

epa12102622 A man takes a photo with a mobile phone of the replica of the high relief of Soviet leader Joseph Stalin during celebrations of the 90th anniversary of Moscow Metro at the Taganskaya metro ...
Stalin-Skulptur in einer Metrostation in Moskau: In Putins Russland wird der Sowjet-Diktator wieder verehrt.Bild: keystone

Das billig aussehende Relief passt zum Zeitgeist im Land, das dem Personenkult eines Kremlherrschers frönt und dem Sieg im Zweiten Weltkrieg praktisch alles unterordnet, im Warten auf den nächsten Sieg – im Krieg gegen die Ukraine.

Es braucht nicht einmal mehr Pomp, um ein nächstes Denkmal dieses «Vaters des Volkes» zu eröffnen. Eines «Vaters», der sein Volk in Lagern hungern und erschiessen liess, der eine ganze Gesellschaft gebrochen hatte, sodass sie bis heute an den Folgen der damals erlittenen Traumata leidet und sie vielfach leugnet.

Es geschieht leise, fast schon nebenbei, ohne Klagen und Beschwerden. Den Kult der Gewalt hat der Kreml normalisiert, und die Menschen folgen. Eine «Selbststalinisierung», nennt das der politische Analyst Andrej Kolesnikow.

epa12102612 People walk in front of the replica of the high relief of Soviet leader Joseph Stalin during celebrations of the 90th anniversary of Moscow Metro at the Taganskaya metro station in Moscow, ...
Russland-Jacke und Stalin-Relief in Moskau.Bild: keystone

Im vergangenen halben Jahr wurden gleich neun Stalin-Denkmäler quer durch Russland enthüllt, äusserst begrüsst von Wladimir Medinski, dem Kremlberater für Geschichte. Medinski führte in Istanbul die Verhandlungen mit der Ukraine und ist dabei lediglich der Überbringer russischer Maximalforderungen.

«Stalin ist populär, weil er die natürliche Sehnsucht eines Menschen widerspiegelt, in einem grossen Land zu leben», sagte er einst in einem Interview. Stalin dürfe man «nicht verdammen», meint Medinski. Längst rehabilitiert Russland den Massenmörder Stalin als effektiven Manager, starken Führer und grossen Sieger.

Die Befreiung vom Personenkult ist misslungen

Den Wolgograder Flughafen liess Wladimir Putin jüngst in «Stalingrad» umbenennen. Nun auch ein Stalin an der Haltestelle «Taganskaja» in Moskau. Jahrelang war am Übergang der Ringlinie zur lila Metrolinie nur eine helle Wand. Jetzt laufen hier täglich Tausende Pendler am Relief vorbei, mit Stalin in der Mitte. Auf dem Roten Platz ist der einstige Generalissimus abgebildet, von einer jubelnden Menschenmenge, Männern, Frauen, Kindern, mit Blumen und ohne, umringt.

«Dankbarkeit des Volkes gegenüber dem Führer und Kriegsherr», hatte das Relief geheissen, als es 1950, in Gips gegossen, aufgemacht wurde. Damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, waren zehn von zwölf Haltestellen der Metro-Ringlinie mit Stalin versehen, auf Reliefs, auf Mosaiken, in Liedzeilen. 1955 wurde die Plastik in Majolika hergestellt, elf Jahre später erfolgte schliesslich die Demontage. Es war die Zeit, als sich die Sowjetunion vom Personenkult Stalins befreien wollte.

Die Mechanismen des Stalinismus aber haben überlebt und werden im heutigen Russland gefördert. Väter denunzieren ihre Söhne, Nachbarn melden andere Nachbarn an die Behörden, Arbeitskollegen schwärzen eigene Büromitarbeiter an. Schülern wird eingebläut, genauer hinzusehen und «Fremdes» sofort zu melden. Die Angst war nie weg in der russischen Gesellschaft.

An der «Taganskaja» hat irgendjemand zwei rote Nelken zu Stalins Füssen gelegt, vier Wachmänner lehnen an der Wand. Eine Frau in gelber Jacke geht näher zum in Kunststein gegossenen Verbrecher, bleibt länger vor ihm stehen. Ein Mann in grünen Schuhen macht schnell ein Bild und geht weiter seiner Wege.

In russischen Telegram-Kanälen finden sich Videos, wie Menschen sich vor dem Relief bekreuzigen und niederknien. Die, die Fotorahmen mit kritischen Sätzen neben Stalin aufstellen, nimmt die Polizei sogleich fest. Sie hätten unerlaubterweise demonstriert, heisst es. Kritik an Stalin ist Kritik am Sieg. Und den Sieg zu kritisieren, ist nicht vorgesehen im Land.

Manchen geht es dabei nur um reine Kunst. So nannte Jelisaweta Lichatschowa, die vor Kurzem geschasste Leiterin des Moskauer Puschkin-Museums, das Relief «ein Stümperwerk», der exilierte Politikbeobachter Alexander Baunow warf ihr sogleich vor, die Verbrechen des einstigen Diktators mit solchen Aussagen zu normalisieren.

Die immer noch bestehende, letztlich einzige liberale Partei «Jabloko» sammelt derweil Unterschriften für den Wiederabbau Stalins an der «Taganskaja». Das Interesse dafür ist gering. Der Geist Stalins ist längst aufgegangen im System Putin. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Konflikt droht auszuufern: Jetzt geht es für Saudi-Arabien um alles
Angriffe auf das Königreich Saudi-Arabien durch die Huthi-Miliz häufen sich. Gleichzeitig geraten die mit Riad verbündeten Truppen im Jemen unter Druck. Das Königreich steht vor einer folgenreichen Entscheidung.
Die Huthis haben ihre Angriffe auf Saudi-Arabien in den vergangenen Tagen massiv ausgeweitet. Mehrfach trafen Raketen den internationalen Flughafen der Hauptstadt Riad. Am Dienstagabend wurde auch die Zentrale des staatlichen Ölkonzerns Aramco in Dhahran getroffen. Dort brach ein Feuer aus, verletzt wurde nach Behördenangaben niemand. Doch die Attacken zeigen, wie verwundbar das Königreich trotz seiner hochgerüsteten Armee ist.
Zur Story