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Russland

Roboter an der Ukraine-Front: Reportage aus der Geheimbasis

Ein Besuch in der Geheimbasis der ukrainischen Super-Tüftler

Landroboter wirken noch langsam und schwerfällig. Doch schon jetzt übernehmen sie immer mehr Aufgaben an der Front. Unser Kriegsreporter hat eine ukrainische Einheit besucht, welche die Maschinen baut und einsetzt.
17.05.2026, 18:1417.05.2026, 18:14
Kurt Pelda, Donbass / ch media

Zur Werkstatt der Robotertechniker fahren wir durch einen Netztunnel, der vor russischen Kamikaze-Drohnen schützen soll. In der Ferne ist das Donnergrollen der Artillerie zu hören.

Ukrainian Defence Intelligence shows Lehit And Ravlyk UGVs A weapon is mounted on the Lehit ground robotic system, developed by specialists of the International Legion under the Defence Intelligence o ...
Ein ukrainischer Kampfroboter bei einer Demonstration.Bild: www.imago-images.de

Wir sind etwa 40 Kilometer von der Front entfernt, als wir den Chef der Techniker mit dem Kampfnamen «Leonardo» treffen. Er führt uns zu einer Garage, die zu einer geheimen Produktionsstätte umfunktioniert wurde. Fotografieren dürfen wir dort nicht.

Der Begriff «Roboter» stammt von slawischen Wörtern wie «robota» oder «rabota» (Ukrainisch bzw. Russisch für «Arbeit»). Roboter sind Arbeitsmaschinen, die Menschen ersetzen sollen. Die ukrainische Armee leidet unter akutem Personalmangel.

Die Todeszone zwingt zur Innovation

Das ist der Hauptgrund, warum in letzter Zeit vor allem die Ukrainer und nicht die Russen die Entwicklung von Bodendrohnen vorantreiben. Es waren aber die Russen, die schon 2022 unbemannte Kettenfahrzeuge zur Minenräumung verwendeten. Damit sollte es Menschen erspart bleiben, sich dem Minenrisiko auszusetzen.

Welche Arten von Arbeit können Leonardos Roboter bzw. Bodendrohnen verrichten? Gefragt sind vor allem Transport von Nachschub in Frontstellungen, Evakuation von Verwundeten und Verlegen von Panzerminen oder Infanteriehindernissen aus Rasierklingendraht. Hinzu kommen Kamikaze-Aktionen mit Fahrzeugen, die mit Sprengstoff beladen sind, und Kampfeinsätze von Bodendrohnen, auf denen schwere Maschinengewehre montiert wurden.

Ukrainian developers and military tested ground robotic complexes A soldier with the call sign Pavuk Spider watches a drone take off from a ground robotic complex during trials at a training ground on ...
Kampfroboter werden meist im Verbund mit Flugdrohnen eingesetzt.Bild: www.imago-images.de

Triebkraft der Innovation ist dabei nicht nur der Personalmangel, sondern auch die sich ausdehnende «Todeszone» in Frontnähe. Unter anderem dank besserer Batterien können Flugdrohnen immer grössere Distanzen zurücklegen und Fahrzeuge auch weit von der Hauptkampflinie entfernt angreifen. Ferngesteuerte Bodendrohnen erledigen in der Todeszone deshalb Aufgaben, die früher Soldaten zugedacht waren.

300 Hersteller von Bodendrohnen

«Viele unserer Bodendrohnen werden von russischen Flugdrohnen zerstört», erzählt Leonardo, «aber wir schonen damit unseren Personalbestand.» Und die einfachsten Versionen von unbemannten Fahrzeugen kosten umgerechnet bloss 500 Franken. Inzwischen sind ukrainische Landroboter bei fast 10'000 Frontmissionen pro Monat im Einsatz – Tendenz steigend.

Tatsächlich sind wichtige Nachschubrouten wie die Strasse in die stark von den Russen bedrängten Stadt Kostiantinivka im Oblast Donezk mit Wracks von Bodendrohnen gesäumt. Die Netztunnels sind hier schon längst durch Artilleriefeuer oder Wind und Wetter zerstört. Damit gibt es praktisch keinen Schutz mehr vor attackierenden Quadcoptern.

In Leonardos Garage ist es lärmig. Es wird geschweisst, und eine Schleifmaschine sprüht Funken. Die Männer bauen gerade ein Chassis eines Roboters mit vier Rädern zusammen. In der Ukraine gibt es inzwischen etwa 300 verschiedene Hersteller von Bodendrohnen.

Leonardo bezieht zum Teil elektronische Komponenten von solchen Firmen, zieht es aber vor, die unbemannten Fahrzeuge selber zu produzieren. «So können wir unsere Fronterfahrungen direkt in den Bau der nächsten Roboter einfliessen lassen.»

Künstliche Intelligenz wird immer wichtiger

So geschehen zum Beispiel bei den Kettenfahrzeugen, die Minen verlegen oder mit schweren Maschinengewehren bewaffnet sind. «Wenn sich bei einem Auto Schlamm zwischen Reifen und Karosserie ablagert, steigt man einfach aus und reinigt das Ganze», fährt Leonardo fort. «Aber das ist bei einem Landroboter nicht möglich. Und Kettenantriebe sind besonders anfällig für Verunreinigungen.» Deshalb produzieren Leonardos Soldaten inzwischen fast nur noch Drohnen mit Rädern.

Aber auch dabei gibt es Probleme: Viele Produzenten verwenden luftgefüllte Pneus, die beim geringsten Beschuss durchlöchert werden. Ein platter Reifen bedeutet in der Todeszone aber meist das Ende der Drohne; und dann bleibt auch die Aufgabe des Roboters – zum Beispiel die Versorgung von Frontsoldaten mit Trinkwasser – unerfüllt.

Serviceman Oleksandr call sign Ruf prepares a ground drone for the mining process during a meeting for the press to demonstrate all the main types of ground robotic systems used by Ukraine on the fron ...
Wo es für Menschen zu gefährlich ist, können Bodendrohnen Strassen und Wege mit Panzerminen sperren.Bild: www.imago-images.de

Um das zu vermeiden, montiert Leonardos Einheit Vollgummireifen, die sie bei einem Hersteller von Landwirtschaftsfahrzeugen bezieht. Eine Menge mechanischer Probleme ist auch bei den Kampfrobotern zu lösen: Die Waffe, meist ein Maschinengewehr oder ein kleiner Granatwerfer, muss auf einem Turm schnell und präzise in die gewünschte Richtung drehen können. Die eingebauten Kameras helfen dem Piloten, das Gefechtsfeld zu beobachten. Bei manchen Versionen wird dank künstlicher Intelligenz (KI) der Schütze durch automatische Zielerkennung unterstützt.

Der Pilot kann seinen Kampfroboter am Waldrand positionieren und der KI einen bestimmten Sektor zuweisen. Erkennt der Computer ein potenzielles Ziel, wird der Pilot gewarnt. In gewissen Fällen ist es aber auch möglich, der KI zu befehlen, jedes Ziel in einem zuvor bestimmten Bereich zu bekämpfen.

18 Bildschirme im Gefechtsstand

So wurde letztes Jahr in ukrainischen Medien von einer Bodendrohne berichtet, die eine Stellung während 45 Tagen gegen russische Angriffe verteidigt hatte. Dazwischen musste der Roboter nur aufmunitioniert, gewartet und mit frischen Batterien ausgestattet werden. In einem anderen Fall ergaben sich Russen im Sommer 2025 Bodenrobotern und Flugdrohnen, nachdem ihre verbunkerte Stellung von unbemannten Kamikaze-Fahrzeugen angegriffen worden war.

Die Bodendrohnen sind zwar mit 7 bis 15 Kilometern pro Stunde sehr langsam, haben aber dank einer Sprengstoffladung von etwa 30 Kilogramm eine verheerende Wirkung, wenn sie in ein Haus oder einen Bunkern fahren und explodieren. Bei solchen Angriffen arbeiten Piloten von Boden- und Flugdrohnen eng zusammen.

Diese Zusammenarbeit sieht man auch im Gefechtsstand des Bataillons von Leonardo. In zwei abgedunkelten Räumen befinden sich insgesamt 18 Bildschirme. An einem Pult sitzen Piloten von Bodendrohnen. Auf ihren Monitoren sieht man die Maschinengewehrläufe der Roboter.

An einem anderen Tisch starrt ein dicker Soldat auf die Videos, die in Echtzeit via eine Starlink-Verbindung von den Kameras ukrainischer Flugdrohnen auf den Schirm projiziert werden. Daneben kann der Mann auf einem zweiten Monitor eine Karte mit eingetragenem Frontverlauf der Region beobachten. Zu sehen sind da auch ukrainische Aufklärungsdrohnen, die gerade russische Stellungen auskundschaften.

Antennen spüren russische Drohnenvideos auf

Weil die Einheit über eine Menge gut versteckter Empfangsantennen in Frontnähe verfügt, sieht der dicke Soldat auch immer wieder abgefangene Videobilder russischer Kampfdrohnen. Diese Videos werden gespeichert, damit man im Nachgang die Flugroute der Drohnen rekonstruieren kann. Leonardo benützt die so gewonnenen Informationen, um Marschrouten für seine Landroboter zu finden, die möglichst wenig von russischen Drohnen frequentiert werden.

Ein paar Kilometer vom rückwärtigen Gefechtsstand entfernt üben Leonardos Soldaten mit Boden- und Flugdrohnen. Ein über Satellit gesteuerter Landroboter soll einen Stromgenerator und Treibstoff zu einer gut getarnten Stellung im Wald bringen. Eine Aufklärungsdrohne und zwei Kampf-Quadcopter versuchen zugleich, die Bodendrohne ausfindig zu machen und anzugreifen. Der Pilot des Landroboters fährt deshalb immer wieder ins Gebüsch, um vor den Angreifern in der Luft Schutz zu suchen.

Diese wiederum haben dann Mühe, das Gefährt unter dem Laubdach zu finden. Allerdings verheddert sich der Landroboter schnell in den Ästen oder droht umzukippen. Über einen leeren Acker ruckeln derweil zwei Kampfroboter. Das Ganze wirkt noch etwas schwerfällig, doch lässt sich unschwer erkennen, dass unbemannte Fahrzeuge in künftigen Kriegen eine wichtige Rolle spielen werden. (aargauerzeitung.ch)

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