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Wie Putin als starker Mann Russlands die Welt in seinen 20 Jahren an der Macht geprägt hat

Vor 20 Jahren übernahm Putin das Zepter von Boris Jelzin. Sein Blick auf den Westen hat seither eine gefährliche Wende genommen. Der kritische Moment der schwierigen Beziehung: Ein Auftritt 2007 in Deutschland.

Inna Hartwich aus Moskau / ch media



epa06153646 Russian President Vladimir Putin attends the annual Tavrida National Youth Educational Forum at Bakalskaya Spit in Crimea, 20 August 2017. EPA/ALEXEI DRUZHININ / SPUTNIK / KREMLIN POOL MANDATORY CREDIT

Die meisten Russen stehen hinter ihrem Präsidenten. Bild: EPA SPUTNIK POOL

Die Hände hat er zusammengefaltet, hinter ihm blinkt der dekorierte Tannenbaum. So sitzt Russlands erster frei gewählter Präsident Boris Jelzin am Silvesterabend 1999 vor der Fernsehkamera und wiederholt gleich dreimal mit schwerer Stimme: «Ich gehe.» Jelzin macht an diesem «magischen Datum», wie er es nennt, einem anderen Mann Platz: Wladimir Wladimirowitsch Putin, WWP, wie die Russen ihn bis heute nennen. «Ich verspreche Ihnen, der Staat wird die Meinungsfreiheit und die Eigentumsrechte schützen und für die Sicherheit eines jeden sorgen», sagt Putin und wünscht «ein frohes neues Jahrhundert». Die Uhr am Spasski-Turm des Kreml schlägt 12.

Vier Monate zuvor hatte Jelzin den Russen den jugendlich wirkenden Geheimdienstmann als seinen Premier präsentiert. Die Menschen konnten es sich kaum vorstellen, diesen Quereinsteiger als Politiker zu sehen – so, wie sie es sich heutzutage kaum vorstellen können, Putin aus der Politik wegzudenken. «Solange es Putin gibt, gibt es Russland», sagen viele im Land, innerhalb und ausserhalb des Kreml – und verraten mit diesem Satz, dass die Demokratie in Russland gescheitert ist. Denn sie setzen ihr Land mit einem einzigen Mann gleich. Das Feld der öffentlichen Politik ist längst bereinigt, neue politische Mitspieler werden gar nicht zugelassen. Der russische Polit-Machismo hat jegliche demokratische Vielfalt getilgt.

Gegen Terroristen und politische Herausforderer

Die Beliebtheit des Präsidenten, so besagen es Umfragen, liegt dennoch bei über 50 Prozent. Umfragen aber sind in Russland stets mit Vorsicht zu geniessen, da sich kaum einer traut, etwas gegen «die Macht» zu sagen. Es ist eine tiefsitzende Angst, die sich aus der Sowjetzeit gehalten hat. Das System Putin spielt gekonnt mit diesen sowjetischen Reflexen.

Der heute 67-Jährige war als Hoffnungsträger gestartet. Die Zeit, in der seine politische Karriere begann, war nicht einfach für Russland. Es gab eine Welle von Bombenanschlägen im Land, zwei Tage vor Jelzins Nachfolgeregelung hatten islamistische Kämpfer aus Tschetschenien die Nachbarrepublik Dagestan überfallen. Es war der Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges. Putin gab sich als entschlossener Anti-Terror-­Kämpfer, der die «Terroristen auf dem Klo kaltmachen» wollte. Diese Härte brachte ihm Respekt ein. Bei der Präsidentenwahl drei Monate nach seiner Ernennung durch Jelzin holte er 53 Prozent der Stimmen.

«Der Kalte Krieg ist vorbei. Niemand will in die Vergangenheit zurück.»

Seine Amtszeit begann er als Wirtschaftsreformer. Nach zehn Jahren war die Wirtschaftsleistung Russlands verachtfacht und betrug 2010 etwa 1.9 Billionen Dollar. Die Finanzkrise überstand Russland besser als andere Länder. Als Putin Präsident wurde, lebten noch sechs Prozent der Russen von weniger als zwei Dollar am Tag, heutzutage tut das kaum noch jemand. Den wirtschaftlichen Aufschwung rechnen die Menschen Putin hoch an, auch wenn sich die Wirtschaft seit seiner Machtübernahme vor 20 Jahren kaum diversifiziert hat. Gerade die Mittelschicht lernte unter Putin «das gute Leben» kennen. Doch ausgerechnet sie ist es, die ihm heute Probleme bereitet – weil sie zur politischen Teilnahme drängt, die das System ihr, teils durch rohe Gewalt, verweigert.

Die Konferenz, die alles verändert hat

In der ersten Amtszeit sendete Putin auch ins Ausland Signale des Aufbruchs. Als er 2001 vor dem Bundestag sprach, auf Deutsch, klang in seiner Stimme Begeisterung für Neues an. «Der Kalte Krieg ist vorbei. Niemand will in die Vergangenheit zurück», sagte er und sprach von Abrüstung und Annäherung zwischen Russland und Europa. Sechs Jahre später die Wende: Seine Stimme gewann an Schärfe, sein Blick verengte sich. Während seines Auftrittes auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 manifestierte sich seine Distanz zum Westen. Putin verurteilte die Monopolstellung der USA, warnte Washington vor der Stationierung amerikanischer Abfangraketen in Polen und Tschechien und verbat sich Belehrungen über Demokratie. Es gebe einen neuen Kalten Krieg, konstatierte er.

Russian President Vladimir Putin, left, and former President Boris Yeltsin watch Kremlin guards marching in Moscow's Kremlin, May 7, 2000. In his first public criticism of the man he promoted to be his successor, former President Boris Yeltsin strongly assailed President Vladimir Putin's move to restore the old Soviet anthem in the interview published on Thursday in the daily Komsomolskaya Pravda. (KEYSTONE/AP Photo/Alexander Zenlianichenko)

Der junge Putin an der Seite von Boris Jelzin. Bild: AP

Doch er fühlte sich nicht wahrgenommen, fühlte sich übergangen bei seiner in einigen Punkten nachvollziehbaren Analyse über die Weltpolitik. Eine Aufteilung in «Wir» und «Ihr» ist seitdem unabdingbar im Politikverständnis des russischen Systems. «Niemand hatte uns zugehört. Hört uns jetzt zu», hatte er noch vor einem Jahr bei seiner Rede an die Nation gerufen und neue Raketen als Symbol einer zuverlässigen Sicherheitspolitik präsentiert.

Die Kränkung von 2007 ist der Antriebsmotor in Russlands Streben nach dem Grossmacht-­Status. Die Rolle eines starken, mutigen Russland, das «immer seinen eigenen Weg gehen wird», unterstreicht Putin mit immer rücksichtsloseren Methoden – vom Krieg mit Georgien 2008 über die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014, von der politischen und militärischen Unterstützung der Separatisten im Osten der Ukraine bis hin zum Einsatz in Syrien.

Jeder einzelne Mensch stehe im Fokus seiner Präsidentschaft. Das sagte Putin 1999, das sagt er auch 2019. Doch seine Politik, auf der Basis von Militär, Geheimdiensten und neuen Oligarchen aufgebaut, legt täglich offen, dass die Belange «jedes einzelnen Menschen» von Putin definiert werden. (aargauerzeitung.ch)

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lowend 19.12.2019 11:45
    Highlight Highlight Interessant wäre es auch mal, dem Reichtum von Putin nachzugehen, denn immerhin hat er es geschafft, mit einem Jahresgehalt von offiziell 283'787 € in 20 Jahren ein Vermögen von 36'000'000'000 € aufzubauen.

    Der Hedgefonds Manager Bill Browder behauptet sogar, es seien 200 Milliarden, aber dass spielt bei den Summen schon fast keine Rolle mehr.

    Allein der Besitz von Wladimir Putin ist imposant:

    20 Paläste und Residenzen
    43 Flieger
    15 Hubschrauber
    4 Luxus Yachten
    700 Luxus Autos
    Eine riesige Uhrensammlung
    Eine gigantische Kunstammlung

    https://www.vermoegenmagazin.de/wladimir-putin-vermoegen/
  • Bildung & Aufklärung 19.12.2019 11:11
    Highlight Highlight Was sagen die Putinfanboys eigentlich dazu, dass er bekennender Freund der "Nachtwölfe" einer hochkriminellen, rechtsradikalen "Motorrad"-Gang ist?
    Auch gerne mit denen aufritt?

    Dass es mehr als genügend sehr belastbare Hinweise gibt, dass die für ihn schon genügend Drecksarbeit, von Einschüchterung bis zu Morden, erledigt haben?

    Ach so sympathisch... Ach so ein toller, netter, guter Politiker und Mensch, dieser Vladimir P. Werde gleich, so wie die bewiesenen Trollfabriken, ein bisschen Pro-Putin Propaganda im Netz verbreiten...
  • miggtre 19.12.2019 11:04
    Highlight Highlight Über einen Mann, der ein Land seit 20 Jahren führt, gäbe es sicher noch einiges mehr zu erzählen, besomders da der Titel heisst "...wie er es geprägt hat...".
    Wäre bestimmt spannend.
  • Bildung & Aufklärung 19.12.2019 11:02
    Highlight Highlight Übrigens gibt es wenig armseeligeres, als wenn man Autokraten und "starke Männer" wie so einen anhimmelt und in Schutz nimmt.
    Funktioniert ja bei einigen ganz gut. Er hampelt ein bisschen oben ohne in der Taiga rum und die manipulierbaren Minderbemittelten: "Woah, er hat aber schon Muskeln... Starker Typ!"

    Auch dass Russland massivste Probleme hat, dass politische Gegner verprügelt, ermordet und weggesperrt werden, dass Oligarchentum und Korruption herrschen, dass die Krim annektiert wurde, dass Kinder in Moskau in der Kanalisation leben etc. pp. muss man wohl nicht noch extra erwähnen!
  • Bildung & Aufklärung 19.12.2019 10:18
    Highlight Highlight Putin ist einfach ein knallhart kalkulierender, skrupelloser Machtmensch. Ist auch gar kein Geheimnis.

    Sein Aufstieg war nur durch grenzenlosen Opportunismus, keine moralische Prinzipien/Skrupel, Glück und tatsächlich Harmlosigkeit möglich. Er war ein kleiner Geheimdienstfisch, der in Ostdeutschland stationiert war. Mehr als nur einmal im Suff seine Wohungsschlüssel verlor. Ein soweit harmloser Typ. Darum wurde er auch von anderen kalkulierenden Machthabern befördert, so ein unbeholfener Typ kann man leicht kontrollieren.

    Gibt da einige interessante, ausführliche, qualitative Dokus dazu.
  • Arvid Riedel 19.12.2019 08:37
    Highlight Highlight Ich selber war noch nicht in Russland, aber habe durch meine Eltern russlandsdeutsche Wurzeln. Ich habe mit einigen Verwandten geredet, die drüben in Russland (auch auf der Krim) waren, wie die Bevölkerung von Putin denkt. Durch die Bank weg war die Meinung positiv und sie stehen hinter seiner Politik. Ich würde deshalb Russland nicht unbedingt als frei von Demokratie bezeichnen.
    • Bildung & Aufklärung 19.12.2019 11:06
      Highlight Highlight Niemand sagt dass Russland komplett frei von jeglicher Demokratie ist.
      Aber sehr viele demokratische Pfleiler und Grundwerte werden vom russischen Regime eklatant verletzt!
      Nur schon Gazprom ist ein nachweislich kriminelles, steinreiches Drecksunternehmen und das ist staatlich.

      Übrigens habe ich auch russische Bekannte, die reden ganz, ganz anders als deine Verwandte, hassen Putin und das korrupte, autokratische Regime.

      Es wandern Abermillionen Junge und vorallem Gebildete aus Russland aus. Nicht weil Russland so eine tolle Demokratie ist...
  • Dong 19.12.2019 08:22
    Highlight Highlight Etwas weniger (spekulative) Psychologie und etwas mehr (geo-)politische Hintergründe hätten der Analyse nicht geschadet. Und da war mit EU- und NATO-Osterweiterung sowie in Nahost sehr viel Bewegung auf dem Parkett. Und wenn man das mal aus der russischen Perspektive betrachtet, dann wird das russische Vorgehen auch verständlicher.
  • Atzepeng (:ᘌꇤ⁐ꃳ~ 19.12.2019 08:20
    Highlight Highlight Ein lupenreiner Demokrat... :)
    Benutzer Bild
  • rodolofo 19.12.2019 08:01
    Highlight Highlight Die Entwicklung von revolutionären Organisationen hin zu gewöhnlichem "Organisierten Verbrechen" kann man weltweit und zu allen Zeiten immer wieder beobachten.
    Warum ist das so?
    Nun, ihre Revolutionen passieren nicht unter Labor-Bedingungen, oder in einem luftleeren Raum!
    Sofort reagieren andere Organisationen und Mächte darauf!
    Wäre Russland im 2. Weltkrieg nicht von den Deutschen Nazis überfallen worden, hätte Stalin nicht die Möglichkeit gehabt, charakterstarke Offiziere von hinten abzuknallen, als sie ihre Aufmerksamkeit nach vorne, auf den faschistischen Feind, gerichtet hatten...
    • P. Silie 19.12.2019 11:06
      Highlight Highlight "Wäre Russland im 2. Weltkrieg nicht von den Deutschen Nazis überfallen worden, hätte Stalin nicht die Möglichkeit gehabt, charakterstarke Offiziere von hinten abzuknallen, als sie ihre Aufmerksamkeit nach vorne, auf den faschistischen Feind, gerichtet hatten..."

      😳
    • PaLve! 19.12.2019 12:37
      Highlight Highlight Die Säuberungen fanden ende 30er statt, vor dem 2. Weltkrieg
    • Liselote Meier 19.12.2019 13:14
      Highlight Highlight Beim letzten Teilsatz musst du nochmals über die Bücher. Die grossen Säuberungen unter den Offizieren auch sehr populäre wie Tuchatschewski, fanden vor dem Krieg statt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Skeptischer Optimist 19.12.2019 07:50
    Highlight Highlight "Doch er fühlte sich nicht wahrgenommen, fühlte sich übergangen bei seiner in einigen Punkten nachvollziehbaren Analyse über die Weltpolitik."

    Na, also. Da haben wir es doch. Der Westen hat es mit seinen imperialen Ambitionen verbockt. Leider ringt sich der Autor nicht dazu durch, dies zum Hauptthema zu machen. Es ware übrigens nicht nur "einige Punkte" in denen er nachvollziehbar argumentiert hat.
  • Eidi 19.12.2019 07:23
    Highlight Highlight Ich will meine Symphatie eigentlich nicht Putin zukommen lassen, aber er trifft den Nagel halt häufig auf den Kopf.
    "Putin verurteilte die Monopolstellung der USA, warnte Washington vor der Stationierung amerikanischer Abfangraketen in Polen und Tschechien"
    Wer kanns Ihm verdenken?
    Es wird Zeit, dass alle gleich behandelt werden. China, USA, Russland. Wer Chabis macht gehört Sanktioniert, auch wenn man USA heisst.

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