Putin könnte hier «jederzeit» angreifen: Winzige Ostseeinseln machen Nato nervös
Wenn Sicherheitsexperten mögliche Szenarien für einen Angriff Russlands in der Ostsee durchspielen, werden meist Gotland, Bornholm und Saaremaa genannt. Neben dem Baltikum sind die grossen, strategisch wichtigen Inseln besonders gefährdet – entsprechend rüsten die Ostseeländer dort stark auf.
Michael Claesson, der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, warnt nun aber vor einem anderen Angriff, den Putin «jederzeit» durchführen könne: die Besetzung einer winzigen Insel, die ausser Fels und ein paar Bäumen wenig zu bieten hat.
«Es gibt rund 400’000 Inseln in der Ostsee, es ist also nur eine Frage der Auswahl», sagte Claesson in einem Interview mit der britischen «Times». Entscheidend sei weder die militärische Bedeutung, noch müsse eine solche Operation aufwendig sein. Es gehe nur darum, mit einer solchen Territorialverletzung ein Zeichen zu setzen und «abzuwarten, was politisch passiert».
Bewährungsprobe für die Nato-Allianz
Die meisten Inseln des schwedischen und finnischen Schärenmeers sind sehr kleine, unbewohnte Felsformationen. Es wäre damit im Gegensatz zu einem etwaigen Angriff aufs Baltikum eine begrenzte Militäraktion; durchführbar vielleicht mit Schlauchbooten und einer Handvoll Kommandosoldaten. Dennoch würde es laut Claesson ausreichen, um den Zusammenhalt der Nato auf die Probe zu stellen: «Ich glaube, man kann die Allianz herausfordern, indem man irgendetwas besetzt.»
Früher hatte der 61-jährige General davor gewarnt, Putin sei bereit, «enorme strategische Risiken einzugehen», wie man in Tschetschenien, Georgien und auf der Krim gesehen habe. Bei einem Ostseeinselchen ginge es jetzt darum zu testen, ob die Nato überhaupt in der Lage ist, «eine Entscheidung zu treffen oder nicht», sagte Claesson dem litauischen TV-Sender LRT.
Könnte die Nato geeint auf eine Provokation Putins antworten – oder würde sie ihre Schwäche blossstellen? Die Frage nach einer Reaktion gemäss Artikel 5 der Verteidigungsallianz ist in den letzten Monaten und Wochen zunehmend brisanter geworden.
In den europäischen Hauptstädten herrschen erhebliche Zweifel darüber, wie sich US-Präsident Trump im Ernstfall verhalten würde, nachdem er sich wiederholt und deutlich negativ über die Nato geäussert hat. Zunächst, weil sich die Europäer gegen die Übernahme Grönlands durch die USA gewehrt haben; dann, weil sie sich nicht am Iran-Krieg beteiligt hätten. Trump nannte das Bündnis einen wertlosen «Papiertiger».
Militärgeheimdienste erkennen erhöhte Gefahr
Michael Claesson sieht auch vor sich, wie Putin die Besetzung einer oder auch mehrerer kleiner Ostsee-Inseln rechtfertigen könnte: mit der Schattenflotte und dem härteren Vorgehen, insbesondere durch Schweden, gegen die Tanker mit russischem Öl. Mehrere dieser Schiffe wurden in letzter Zeit gestoppt und durchsucht, worauf Russland scharf reagierte.
Das Vorgehen grenze an Piraterie, wetterte Moskau und begann, die Schiffe mit Sicherheitspersonal zu bewachen und sie auch militärisch zu eskortieren. «Russland könnte sagen, es brauche ein paar dieser Felsen in der Ostsee, damit die Schattenflotte sicher operieren kann», so Claesson.
Der Armeechef ist nicht der Einzige, der so denkt. Dänemarks Militärgeheimdienst erklärte Ende 2025, in der Ostseeregion sei die Gefahr am grössten, dass «Russland militärische Gewalt gegen die Nato einsetzen wird». Der schwedische Nachrichtendienst warnte vor einem begrenzten bewaffneten Angriff in Schwedens Nähe in den kommenden Jahren.
Für Claesson ist klar: Die Nato müsse ihre Präsenz in der Ostsee und generell im Norden sichtbar verstärken, um Putin gar nicht erst zu solchen Tests zu verleiten. «Wir müssen auf der Hut sein und Russland von dieser Art von Abenteuern abschrecken.» (aargauerzeitung.ch)
