300 Gruppen, tausende Hilferufe – warum die Schweiz ein Paradies für Sekten bleibt
In der öffentlichen Wahrnehmung spielen sektenhafte Religionen und Glaubensgemeinschaften keine grosse Rolle mehr, weil die Medien sie nur noch selten thematisieren. Ich werde deshalb oft gefragt, ob es noch Sekten gebe.
Tatsächlich schrieb ich früher im «Tages-Anzeiger» praktisch wöchentlich einen kritischen Bericht zu den problematischen religiösen oder spirituellen Gruppen und Bewegungen. Oft gab das aktuelle Thema mehr als einen Artikel pro Woche her.
Dass sektenhafte Gemeinschaften nach wie vor sehr aktiv sind und viel Leid verursachen, zeigt der Jahresbericht der Zürcher Beratungsstelle infoSekta. Die Anzahl der Beratungen hat 2025 mit 3795 Beratungs- und Informationskontakten einen neuen Rekord erreicht. Dabei kam es zu 952 Erst- und 2843 Folgekontakten.
Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin von infoSekta, schreibt: «Die Zunahme der Folgekontakte verdeutlicht den Bedarf nach intensiver, kontinuierlicher Begleitung in unterschiedlichen Krisen- und Konfliktsituationen: Während direkt Betroffene unter den Folgen sektenhafter Dynamiken leiden, bricht für Angehörige oft eine Welt zusammen, wenn sie ein Familienmitglied an eine umstrittene Gemeinschaft verlieren.»
Der Jahresbericht zeigt auch, dass die Schweiz ein beliebtes Tummelfeld von sektenhaften Gruppen ist. Die Anfragen betrafen über 300 verschiedene Gemeinschaften und guruartige Einzelpersonen.
Die Mehrzahl der Anfragen stammen mit 71 Prozent von Privatpersonen, die restlichen von Institutionen. Das zeigt, dass auch Schulen, schulpsychologische Dienste, die KESB, Gerichte, Spitäler und Kirchgemeinden mit Sektenproblemen konfrontiert werden.
Die Statistik von infoSekta weist weiter nach, dass auch Kinder und Jugendliche betroffen sind. Bei jeder fünften Anfrage spielten sie eine Rolle, weil sie in irgend einer Weise von der Sektenproblematik tangiert wurden.
Bemerkenswert ist, dass die meisten Anfragen (57 Prozent) Gruppen mit einem christlichen Hintergrund betreffen. Dabei handelt es sich zu einem grossen Teil um Freikirchen. Tatsächlich kann auch ein überzogener christlicher Glaube zu vielfältigen sozialen und psychischen Spannungen und Konflikten führen.
Die meisten gruppenspezifischen Anfragen betrafen die Zeugen Jehovas. Bemerkenswerterweise stammen 74 Prozent davon von ehemaligen Mitgliedern. infoSekta schreibt, dass diese oft noch Jahre nach dem Ausstieg unter starken Selbstzweifeln und der schmerzhaften Trennung und Ächtung von der Familie leiden.
Mehrere Anfragen bezogen sich auf International Christian Fellowship (ICF), Erste Liebe Kirche, Fortified City Church, das Missionswerk Mitternachtsruf, der Gideonbund und unzählige weitere freikirchliche Vereinigungen und Netzwerke.
Diese Kategorie umfasst zudem Gemeinschaften wie die Kinder Gottes (Die Familie), die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), die Vereinigungskirche oder die koreanische Neuoffenbarungsgemeinschaft Shincheonji.
Ein gemeinsames Merkmal dieser freikirchlichen Gruppen ist, dass sie die Bibel als authentisches oder inspiriertes Wort Gottes betrachten, das es strikt einzuhalten gilt. Viele Gläubige ordnen alles ihrem radikalen Glauben unter. Das führt nicht selten zu sehr hohen Anforderungen und Ansprüchen, die unmenschlich wirken und zu unlösbaren Gewissenskonflikten führen.
Konfliktträchtig ist ausserdem das Dogma, den strengen Glaubensgrundsätzen auch im säkularen Alltag nachleben zu müssen. Dies führt häufig zur sozialen Entfremdung, Isolierung und spirituellen Überheblichkeit.
Gleichzeitig befürchten viele Gläubige, den unerfüllbaren Erwartungen nicht zu genügen, was zu einem Einbruch des Selbstwertgefühls führen kann. Verbunden mit der Angst, beim demnächst erwarteten Jüngsten Gericht vor Gott nicht zu bestehen und das Paradies zu verpassen.
Die Freikirchen müssten alarmiert sein, dass ausgerechnet ihre Gläubigen, die sich als die einzig wahren Christen betrachten und gottesfürchtig leben, so viele Anfragen bei der Sektenberatungsstelle auslösen.
Sie müssten sich fragen, was da schief läuft. Da sich ihre Gläubigen als die Auserwählten betrachten, die von Gott geführt und beschützt werden, würde für sie ein kritisches Hinterfragen bedeuten, Gott zu misstrauen. Und das wäre eine schwere Sünde. Ein Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gibt.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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