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Natallia Hersche vor Gericht in Minsk im Dezember 2020.
Natallia Hersche vor Gericht in Minsk im Dezember 2020.
bild: viasna

Wie die Schweizerin Natallia Hersche in Lukaschenkos Knast gedemütigt wird

Seit acht Monaten sitzt die St. Gallerin in Weissrussland im Straflager. Sie fühle sich «wie im Irrenhaus», schreibt sie in einem Brief.
29.05.2021, 09:51
Samuel Schumacher / ch media

Das weissrussische Regime kennt im Kampf gegen Meinungsfreiheit und politische Gegner keine Grenzen. Das hat Langzeitmachthaber Alexander Lukaschenko mit der abstrusen Flugzeugentführung Anfang dieser Woche erneut unter Beweis gestellt. Dem Journalisten Roman Protasewitsch, der aus dem zur Landung gezwungenen Ryanair-Flieger heraus verhaftet worden ist, drohen wegen seiner Beteiligung an den regimekritischen Protesten in Minsk 15 Jahre Haft. Europa hat als Reaktion auf das harsche Vorgehen des weissrussischen Regimes neue Sanktionen gegen Minsk verhängt.

Doch Lukaschenko zeigt sich unbeeindruckt von den westlichen Drohkulissen und geht weiter mit voller Härte gegen politische Widerstände in seinem Land vor. Das bekommt derzeit auch die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natallia Hersche zu spüren. Die St. Gallerin muss eine zweieinhalbjährige Haftstrafe im Straflager #4 in der Stadt Gomel im äussersten Südosten des Landes absitzen, weil sie bei einer Demo in Minsk im vergangenen September einem Polizisten die Sturmhaube heruntergezerrt hatte.

Sie sei «äusserst empört» über die Zustände im Gefängnis, schreibt die 51-Jährige in einem neuen Brief an ihren Bruder Gennady Kasjan. Kasjan hat den Brief dem Verein Razam.ch weitergeleitet, der sich für den Dialog zwischen Schweizern und Weissrussen einsetzt. Man habe ihr die abonnierten Zeitungen weggenommen und lasse nur einen Bruchteil der Briefe durchgehen, die Freunde und Familie an sie schickten, beklagt Natallia Hersche.

Mitleid mit den Peinigern im Gefängnis

Für das Regime findet die St. Gallerin deutliche Worte:

«Für die Menschen, die an einem solchen Frevel beteiligt sind, empfinde ich mitunter Mitleid. Es ist ein unterwürfiges Volk, das nie das Recht auf eine eigene Meinung hatte. Ich frage mich, ob sie sich überhaupt erlauben, anders zu denken. Ich kann einfach nicht glauben, dass sie immer in allem einverstanden sind. Ich habe wirklich Mitleid mit ihnen.»

Das schreibt Hersche an ihren Bruder.

Sich selber aber will die Schweizerin in Lukaschenkos Kerker nicht bemitleiden, auch wenn sie sich zuweilen fühle «wie in einem Irrenhaus». An Ostern sei sie mit «Aufwachen! Kleiderordnung! Christus ist auferstanden!»-Rufen geweckt worden. Ende Monat habe man ihr den Gehaltsscheck für ihre Arbeit in der Gefängnisnäherei ausgehändigt: «Sie zahlen mir 6.66 Rubel, die Teufelszahl. Ich war entsetzt! Abergläubisch bin ich ja nicht, aber die Tatsache ist doch interessant.»

Den zweiseitigen Brief hat Natallia Hersche über vier Tage verteilt geschrieben. Es bleibe ihr nebst all ihren Aufgaben kaum Zeit. Sie müsse fast täglich wählen, ob sie in den kurzen Pausen etwas essen oder sich waschen solle, erzählt sie.

Nebst ihrer Arbeit in der Näherei muss Hersche beim Unterhalt des Straflagers mitwirken. Ihr «Ämtli» beschreibt sie folgendermassen:

«Es waren noch 30 Minuten Zeit, bevor das Licht ausging. Ich musste das Bad putzen: 8 Waschbecken, 7 Toiletten plus ein Bidet, den Boden und die Wände waschen und den Müll rausbringen. Fünf Minuten später kamen sie mit einer Kontrolle herein und sagten mir, dass ich in weiteren fünf Minuten fertig sein müsse. Und eine nicht erfüllte Pflicht zieht eine Strafe nach sich.»

Immer wieder komme es vor, dass die Wärter ihnen solche schier unlösbare Aufgaben stellten und sie dann bestraften, wenn sie scheiterten, erzählt Natallia Hersche. Den Insassen drohe dann etwa Isolationshaft. Ein Aufseher habe ihr erzählt, dass ihm gar nichts anderes übrig bleibe, als die Insassen zu sanktionieren, weil es sonst so wirken würde, als mache er seinen Job nicht.

Die wirre Ausrede mit der Warteschlange

Die Briefe sind für Natallia Hersche derzeit praktisch die einzige Möglichkeit, mit der Aussenwelt in Kontakt zu treten. Ein für Mitte Mai vereinbarter Besuch ihres Bruders im Gefängnis wurde ihr verweigert – offiziell, weil die Warteschlange vor dem Gefängnis zu lang gewesen sei.

«Es ist mehr als zwei Wochen her, seit wir zuletzt telefoniert haben. Normalerweise ruft sie jede Woche an. Ich glaube, dass sie unter psychischem Druck steht», sagte Gennady Kasjan gegenüber der oppositionellen weissrussischen Zeitung «Nascha Niwa».

Via die Schweizer Botschaft in Weissrussland hat er ein 20kg-Paket mit Schuhen, einem Regenmantel und Waschpulver an Natallia schicken können. Wie lange Kasjan seiner Schwester noch als freier Mann helfen kann, weiss er nicht. Diese Woche hat die Polizei seine Wohnung durchsucht und ihm sein Smartphone weggenommen. Er wird verdächtigt, ein Haus versprayt zu haben. In Lukaschenkos System reicht das aus, um als Staatsfeind hinter Gittern zu landen.

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quelle: keystone / dmitri lovetsky
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