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Zu ihrem hundertsten Geburtstag wird Sophie Scholl aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt geholt und bekommt einen eigenen Instagram-Account.
Zu ihrem hundertsten Geburtstag wird Sophie Scholl aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt geholt und bekommt einen eigenen Instagram-Account.
Bild: AP

Sophie Scholl auf Instagram: «Man lebt mit ihr wie mit einer Freundin»

Fast eine Million Menschen schauen zu, wie Sophie Scholl auf Instagram gegen den Nationalsozialismus mobil macht. Susanne Gebhardt, die Macherin von @ichbinsophiescholl sagt im Interview, warum dieses Projekt so wichtig ist.
30.05.2021, 10:56

Frau Gebhardt, dem Instagram-Account von @ichbinsophiescholl folgen inzwischen über 900'000 Personen und täglich werden es mehr. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Nein. Mit unserem Projekt betraten wir Neuland. Wir wussten nicht, was auf uns zukommen wird, weil auf dem deutschsprachigen Markt bisher nicht viel Vergleichbares gemacht wurde. Diese überwältigende Menge an Follower und die positiven Kommentare freuen uns enorm.

Erzählen Sie uns, wie alles begann: Wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte von Sophie Scholl für Instagram aufzubereiten?
Wie alle Medienhäuser beschäftigt sich auch der SWR mit der Frage, wie wir unsere Inhalte digital aufbereiten können. So dass auch tiefgängige Inhalte einem jüngeren Publikum zugänglich gemacht werden. Wir kannten das Projekt «Eva Stories», eine israelische Instagram-Serie über den Holocaust. Es war wie ein Spielfilm konzipiert, der in kleine Teile zerlegt und regelmässig ausgespielt wurde. Mir gefiel die Erzählweise, doch ich dachte, dass man da noch einen Schritt weiter gehen könnte. Dann sah ich, dass Sophie Scholl am 9. Mai 2021 hundert Jahre alt geworden wäre. So kam die Idee eines fiktionalen Instagram-Accounts.

Luna Wedler und Max Hubacher als Sophie und Hans Scholl auf Instagram.

Warum ist Ihnen wichtig, dass insbesondere einem jüngeren Publikum die Geschichte von Sophie Scholl nähergebracht wird?
Während der Entwicklung des Projekts haben wir junge Leute befragt, was sie über Sophie Scholl wissen. Erschreckend viele kannten sie nicht oder nur oberflächlich. Als öffentlich-rechtlicher Sender ist es auch unser Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Gerade bei jungen Menschen, die kein Fernsehen mehr schauen, sondern sich hauptsächlich über Social Media informieren. Die Geschichte des Widerstands interessiert im Moment viele. Vielleicht liegt das an den Strömungen, die aktuell in der politischen Landschaft an Einfluss gewinnen. Ich finde es wichtig, immer wieder in die eigene Geschichte zu schauen, damit ähnliche Fehler nie wieder passieren.

Sophie Scholl auf Instagram
Das Projekt @ichbinsophiescholl ist eine gemeinsame Produktion des Südwestrundfunks SWR und Bayerischen Rundfunks BR. Anlässlich des 100. Geburtstag von Sophie Scholl wird die Widerstandskämpferin aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt geholt. Im Instagram Kanal @ichbinsophiescholl lässt die 21-jährige Sophie Scholl ihre Userinnen und User in Echtzeit an den letzten Monaten ihres Lebens teilhaben. Gespielt wird sie von der Schweizerin Luna Wedler. Der Bruder Hans Scholl wird von Max Hubacher verkörpert, ebenfalls ein Schweizer. Konzipiert wurde die Idee von Susanne Gebhardt, Redaktionsleiterin «Zeitgeschehen und Geschichte» beim SWR.

Wollten Sie die Geschichte der Sophie Scholl auch deshalb erzählen, weil im letzten Pandemiejahr immer wieder Vergleiche zu der Widerstandskämpferin gezogen wurden?
Uns fielen diese Vergleiche natürlich auf. Sie zeigten uns, dass Sophie Scholl nach wie vor eine präsente Figur in der gesellschaftlichen Debatte ist. Doch ihre Geschichte darf nicht verwässert werden. Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und heute zu ziehen, ist hochproblematisch und Geschichtsklitterung.

«Was früher handschriftlich in ein Tagebuch geschrieben wurde, posten junge Leute heute in ihren Stories auf Instagram. Auf Social Media halten sie ihr tagtägliches Leben fest.»

Welche neuen Möglichkeiten boten sich, Sophie Scholls Geschichte auf Instagram zu erzählen?
Nebst dem jüngeren Zielpublikum, ist es vor allem die andere Erzählweise. Auf Instagram können wir radikal subjektiv erzählen. Das heisst unsere Hauptfigur spricht aus der eigenen Perspektive. Und das in Echtzeit. Wir sind live mit dabei, wenn Sophie zum ersten Mal an die Uni geht oder wenn sie die Weisse Rose entdeckt. Wir sind viel näher dran und haben sie zehn Monate lang im eigenen Handy in der Hosentasche tagtäglich dabei. Man lebt mit ihr wie mit einer Freundin. Das ist neuartig und etwas, dass das Fernsehen nicht kann.

Sie haben ein Jahr an den Vorbereitungen gearbeitet. Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben uns genau angeschaut wie Instagram funktioniert und wie die Menschen dort unterwegs sind. Daneben haben wir uns intensiv mit der Geschichte von Sophie Scholl beschäftigt. Ihr Leben ist sehr gut dokumentiert. Sie hat viele Briefe geschrieben und Tagebuch geführt. Diese Dokumente bilden die Basis unserer Erzählung, da wir möglichst nah an der Wahrheit bleiben wollen. Gleichzeitig ist die Geschichte fiktional, weil es Instagram damals ja noch nicht gab.

Stellten Sie sich dir Frage: Sophie Scholl als Videobloggerin, darf man das überhaupt?
Mit dieser Frage haben wir uns sehr viel beschäftigt. Das Projekt ist ein Experiment, das einen Kunstgriff anwendet, um Geschichte lebendig zu machen und sie einem jungen Zielpublikum zu erzählen. Ausserdem sehe ich Parallelen bei der Kommunikation von früher und heute. Was früher handschriftlich in ein Tagebuch geschrieben wurde, posten junge Leute heute in ihren Stories auf Instagram. Auf Social Media halten sie ihr tagtägliches Leben fest. Von dem her bin ich der Meinung, dass es legitim ist, die Geschichte der Sophie Scholl auf diese Art und Weise ins heute zu übersetzen. Anders war damals natürlich, dass die Tagebucheinträge nie einer so breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden, wie ein Online-Post.

Seit dem 4. Mai und noch bis zum 18. Februar, also zehn Monate lang, können wir Sophie Scholl jeden Tag durch ihr Leben begleiten. Warum haben Sie diesen Zeitausschnitt gewählt?
Wir wollten die Coming-of-Age-Geschichte von Sophie Scholl erzählen. Wie wurde sie zu dem Menschen, den wir aus den Geschichtsbüchern kennen? Wir merkten, dass ihre Entwicklung an rasanter Dynamik annahm, als sie zum Studieren nach München fährt. Das ist der Zeitraum, in dem sie sich zur Widerstandskämpferin entwickelt. Da wir unbedingt in Echtzeit erzählen wollten, schien uns der 4. Mai mit der Abfahrt von Ulm nach München bis zum 18. Februar, dem Tag, an dem sie verhaftet wurde, sehr passend.

Was war bei der Entwicklung des Projekts schwierig?
Die Logik mit dem Handy. Damals gab es ja keine Handys. Und doch sehen wir, dass Sophie eine Kamera einschaltet, da hineinspricht oder sie irgendwo hinstellt. Wir haben das Problem so gelöst, dass auf dem Account nie Handys zu sehen sind. Und die Aufnahmen von Sophie eher als Videotagebuch-Einträge von heute zu verstehen sind.

Was war Ihnen bei der Entwicklung der Geschichte besonders wichtig?
Die subjektive Erzählweise. Es war eine wahnsinnige Arbeit, herauszufinden, was Sophie an welchem Tag gemacht und gesagt hat. Dann mussten wir in dieses Material eine Dramaturgie reinbringen und die zehn Monate genau durchplanen.

Worauf mussten Sie beim Drehen achten?
Es war eine Herausforderung für Luna Wedler, die Darstellerin von Sophie Scholl, selber Kamera zu führen. Immer unter der Anleitung und Unterstützung der Regie und eines Kameramanns. Gefilmt haben wir mit einer kleinen, handlichen Kamera, die wir auf einen Stock montiert haben. So konnte Luna die Kamera vor sich hertragen.

«Ich habe darum durchaus das Gefühl, dass man auf Instagram auch schwerere Geschichten erzählen kann. Es ist eine spannende Erzählweise, die es möglich macht, viel näher mit den Userinnen zu kommunizieren.»

Die Hauptrollen spielen mit Luna Wedler und Max Hubacher als Hans Scholl zwei Schweizer Schauspieler. Hatten die beiden ein genug grosses Wissen und Gespür für die Geschichte der Geschwister Scholl?
Absolut. Luna und Max sind zwei junge aber sehr professionelle Schauspielerinnen. Beide haben sich sehr intensiv mit ihren Rollen auseinandergesetzt. Es ist für Schauspieler eine Gratwanderung, solche Personen darzustellen. Aber sie haben das sehr ernst genommen und sich gewissenhaft vorbereitet.

Diese neue Art von Storytelling wird bisher vor allem genutzt, um düstere Kapitel der Geschichte zu erzählen. Wollen junge Instagram-User überhaupt mit solchen Dingen konfrontiert werden?
Das finde ich sehr erstaunlich. Man denkt immer, Instagram sei eine Seite, bei der es um Eskapismus, gute Laune, Mode, Fashion, um das Seichte und Unterhaltsame geht. Aber wir machen die Erfahrung, wie sehr die User in den Kommentaren auf den Inhalt eingehen und sich für die Geschichte interessieren. Ich habe darum durchaus das Gefühl, dass man auf Instagram auch schwerere Geschichten erzählen kann. Es ist eine spannende Erzählweise, die es möglich macht, viel näher mit den Userinnen zu kommunizieren.

Hugo Stamm kommentiert:

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