«Unter Tischen versteckt»: So hat der Schweizer US-Botschafter den Dinner-Angriff erlebt
Herr Botschafter, Sie waren am Samstag an der Journalistengala in Washington, an der Schüsse fielen. Wie geht es Ihnen?
Ralf Heckner: Ich bin erleichtert darüber, dass wir alle wohlauf sind nach dem gestrigen Attentat. Und froh, dass Präsident Trump und seiner Frau, den Kabinettsmitgliedern und sämtlichen übrigen Gästen nichts passiert ist.
Das war das zweite Mal, dass Sie am Gala-Abend der White House Correspondents' Association teilgenommen haben. Können Sie uns beschreiben, wie der Abend verlief?
Der Festsaal war voll, die Stimmung war gut. Präsident Trump befand sich bereits im Raum. Die Leute waren gespannt auf den Abend. Dann habe ich einen dumpfen Ton gehört. Ich konnte aber nicht sagen, woher dieser Lärm stammt. Anschliessend fiel irgendetwas auf den Boden und überall im Saal sprangen die Sicherheitsleute auf, rannten über die Tische und brachten zuerst den Präsidenten, den Vizepräsidenten und die Kabinettsmitglieder aus dem Saal. Das lief alles unglaublich schnell ab.
Was Sie hörten, war der Attentäter, der eine Etage höher vom Secret Service überwältigt wurde. Sie befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Festsaal. Wo genau sassen Sie in diesem riesigen Raum?
Sehr nahe beim Podium, also etwa 10 Meter von Präsident Trump entfernt.
Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf? Dachten Sie, ein Attentäter befände sich im Festaal?
Ich bin ruhig geblieben. Ich war ja schon einmal Botschafter in Kenia, und habe mir dort angewöhnt, dass ich an Anlässen mit vielen Menschen immer schaue, wo sich die Notausgänge befinden. Ich war gut positioniert, gleich neben einer wichtigen Türe, hinter welcher auch der Präsident aus dem Raum gebracht wurde. Ich kannte meinen Fluchtweg also. Dann haben wir uns unter den Tischen versteckt und ich habe einen Sicherheitsbeamten gefragt, ob er die Ursache des Zwischenfalls kenne. Er hat mir gesagt: Ja. Und dann habe ich gefragt, ob er das Gefühl habe, dass wir nun in Sicherheit seien. Auch diese Frage hat er mit Ja beantwortet. Dann wusste ich eigentlich, dass wir nun einfach abwarten müssen.
Die Lage hat sich ja dann entspannt, weil der mutmassliche Attentäter bereits überwältigt war. Wann hatten Sie das Gefühl, dass die Gefahr gebannt ist?
Ich hatte das Gefühl, dass die Lage sehr schnell unter Kontrolle war. Aber viele Leute waren sehr beunruhigt. Es gab auch viele Medienschaffende im Saal, die live aus dem Saal berichteten.
Nach der Gala fand in der Residenz des Schweizer Botschafters eine «After-Party» statt, organisiert von der Zeitschrift «Time». Können Sie uns ein bisschen beschreiben, wie die Stimmung an dieser Party war?
Washington ist die Stadt der Gala-Dinners und Partys. Die Veranstalter der vier grossen After-Partys haben sich nach dem Abbruch der Veranstaltung koordiniert und gesagt: Entweder machen wir alle weiter oder wir sagen unsere Events alle ab. Gemeinsam kamen wir zum Schluss, dass wir weitermachen wollen. Wir schraubten dann die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal hoch, nach Absprache mit der entsprechenden Bundesbehörde. Ich hatte das Gefühl, dass viele Leute, die am späten Samstagabend die Residenz besuchten, die Party genossen. Es war aber kein Fest in einem überschwänglichen Rahmen.
Konnten Sie sich ein wenig entspannen?
Jeder reagiert in einer Krise anders. Ich war ja auch einmal Krisenmanager und bin es mir gewohnt, dass etwas passieren kann. In Krisen bin ich sehr ruhig und das war am Samstag eigentlich gut so, denn viele Leute in meinem Umfeld waren unruhig.
Kann ich mir gut vorstellen. Eine letzte Frage: Mir fiel auf, dass Präsident Trump am Samstag in seiner Stellungnahme recht versöhnliche Töne anstimmte. So sprach er sich deutlich gegen politische Gewalt aus. Stimmt Sie eine solche Stellungnahme positiv, angesichts der grossen Gräben im Land?
Das war die richtige Message, die Präsident Trump da ausgesandt hat. Und es war auch gut, dass er direkt im Anschluss an das Attentat vor die Medien getreten ist. (aargauerzeitung.ch)
