Wo das Kerosin bereits jetzt knapp wird – und wie die Schweiz gewappnet ist
Was, wenn die Zapfsäule plötzlich leer ist? Diese Frage treibt derzeit internationale Fluggesellschaften um. So auch die Muttergesellschaft der Swiss, die Lufthansa. Der Kranich-Konzern befürchtet, dass es zu Engpässen bei der Kerosin-Versorgung kommen könnte, sollte der Krieg in Nahost anhalten. «Die Frage der Verfügbarkeit von Flugkraftstoff ist an einigen asiatischen Flughäfen bereits jetzt schwierig», sagt Grazia Vittadini, Vorständin für Technik, IT und Innovation der «Welt am Sonntag».
«Je länger die Strasse von Hormus blockiert bleibt, desto kritischer kann die Versorgungssicherheit mit Kerosin werden», sagt Vittadini. Für die Passagiere der Lufthansa-Airlines, zu denen auch die Edelweiss oder Austrian gehören, wird der Ölpreisanstieg laut Vittadini durch eine Absicherungsquote von 80 Prozent des Treibstoffbedarfs im laufenden Jahr noch weitgehend abgepuffert. «Aber natürlich treffen auch uns die steigenden Kerosinpreise.» Tatsächlich hat die Lufthansa-Gruppe zuletzt die Treibstoffzuschläge erhöht, so wie auch andere Airlines. Wie Zahlen des Airline-Verbandes Iata zeigen, hat sich der Kerosinpreis seit Kriegsausbruch im Iran mehr als verdoppelt.
Auch Michael O'Leary, Chef der irischen Billigairline Ryanair, warnt vor Engpässen. Er erwarte keine grösseren Probleme vor Anfang Mai, sagt O'Leary gegenüber Sky News. Aber falls der Krieg andauere, seien Disruptionen in der Lieferkette im Mai und Juni an europäischen Flughäfen durchaus möglich. Bis zu 25 Prozent des europäischen Bedarfs sei diesem Risiko ausgesetzt. Sollte die Strasse von Hormus vor Ende Mai wieder geöffnet werden, sehe er hingegen keine Probleme.
Italienische Flughäfen betroffen
An manchen italienischen Flughäfen wurde der Flugzeug-Sprit derweil bereits rationiert. So musste die Aviatik-Sparte von BP die Lieferungen an Flughäfen wie Mailand-Linate, Venedig, Treviso und Bologna gemäss Medienberichten temporär beschränken. Grund dafür war auch der überdurchschnittliche Bedarf während Ostern.
In einem italienischen Branchenpapier hiess es gar, dass die begrenzten Mengen am Flughafen in Brindisi ausschliesslich für staatliche Flüge und Rettungsflüge reserviert seien. Allerdings heisst es bei der italienischen Luftfahrtbehörde Enac, dass die Treibstoffknappheit nichts mit der Strasse von Hormus zu tun habe, sondern nur mit dem erhöhten Reiseaufkommen. Andere Airlines wie United oder Scandinavian haben bereits Flugstreichungen angekündigt, wohl – so vermuten Branchenkenner – weil sie nicht glauben, die teurer gewordenen Tickets verkaufen zu können.
Und wie sieht die Situation hierzulande aus? «Die Versorgung der Schweiz mit allen Mineralölprodukten ist derzeit weiterhin gewährleistet», sagt Thomas Grünwald, Sprecher des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Dies gelte auch für das Kerosin. «Unter der Annahme, dass die bestellten Mengen eintreffen, ist die Versorgung der Schweiz voraussichtlich bis Ende April gesichert.» Allerdings dürfte dies für Passagiere aus der Schweiz kaum besänftigen, wenn sie plötzlich aus Asien wegen Kerosinmangel nicht zurückfliegen können.
Ab Mai drohen Lieferstopps
Grünwald betont jedoch, dass sich diese Lagebeurteilung ändern kann. «Grund dafür sind die anhaltenden Kriegshandlungen im Nahen Osten, die Blockade der Strasse von Hormus und Schäden an der Erdöl-Infrastruktur, die zu ausbleibenden Lieferungen auf dem Weltmarkt führen.» Ab Mai dürften die ausbleibenden Lieferungen voraussichtlich auch in Europa spürbar werden.
Die Akteure der wirtschaftlichen Landesversorgung, namentlich der Bund und Akteure der Mineralölbranche, würden die Situation genau beobachten, sagt Grünwald. «Für den Fall eines Versorgungsengpasses sind entsprechende Massnahmen vorbereitet.» So könne der Bund, falls nötig, Pflichtlager freigeben. Diese befinden sich im Besitz der Unternehmen. Allerdings: Die Pflichtlager decken den Kerosin-Bedarf der Airlines nur für 3 Monate. (aargauerzeitung.ch)

