«Die Iraner sehen sich in einer Position der Stärke und werden nicht klein beigeben»
Im amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran droht eine weitere Eskalation. Sollte das Regime in Teheran bis Dienstagmorgen die Strasse von Hormus nicht öffnen, werde das Land «die Hölle erleben», drohte Donald Trump in einem Social Media Post, der viele vulgäre Schimpfworte enthielt. Im Gespräch mit CH Media ordnet HSG-Professor Andreas Böhm die neuesten Handlungen des US-Präsidenten ein.
Trump will Iran in die «Steinzeit» zurückbomben, das Land «in die Luft jagen», sagte er dem Fernsehsender CNN. Was ist von den jüngsten Ausführungen des US-Präsidenten zu halten?
Andreas Böhm: Trump hat mit seinem Angriffskrieg der seit dem 2. Weltkrieg geltenden liberalen Weltordnung den endgültigen Todesstoss versetzt. Deren Pfeiler waren Souveränität und Gewaltverbot gemäss der UN-Charta. Dass diese tragenden Prinzipien nun willentlich verletzt werden, scheint Trump und seine Claqueure nicht zu interessieren. Es stört sie auch nicht, dass Angriffe auf Schulen, Universitäten oder auf die zivile Infrastruktur Kriegsverbrechen darstellen.
Welche militärischen Optionen haben die Amerikaner in diesem Krieg? Werden Sie mit einer angedrohten Eskalation ihren Zielen näherkommen?
Das grosse Problem von Beginn weg war das Fehlen eines klar definierten Ziels und daraus folgend einer Strategie. Taktisch haben die Amerikaner viel erreicht, den Iran massiv geschwächt, aber strategisch betrachtet sind sie in einer viel schlechteren Lage. Jetzt schauen sie verzweifelt, wie die Strasse von Hormus zu öffnen ist, was militärisch kaum möglich ist.
Gibt es in diesem Krieg eine «Wunderwaffe», mit der das Regime in Teheran zum Einlenken gezwungen werden kann?
Die Iraner sehen sich in einer Position der Stärke und werden nicht klein beigeben, sondern auf jede Eskalation von Trump entsprechend reagieren. Ihr Ziel ist es, den USA und ihren Partnern prohibitive Kosten aufzubürden und damit eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Auch dieser Krieg wird mit Verhandlungen enden, nicht mit einer Kapitulation Teherans.
Etwas mehr als einen Monat nach Kriegsbeginn stellt sich die Frage, was die Kriegsziele der Israelis und Amerikaner waren und sind.
Geblendet vom 12-Tage-Krieg 2025 und der Gefangennahme Maduros, dachte Trump, er könne mit der Ermordung Khameneis das Regime stürzen – was völlig illusorisch war. Netanyahus Ziele gingen noch weiter. Wer auch immer im Iran die Macht hatte, sollte nicht in der Lage sein, Israel anzugreifen. Trumps Grössenwahn wurde mit der Vorstellung genährt, er könne als der grösste Präsident der neueren Zeit in die Geschichte eingehen, wenn er nach Venezuela mit dem Iran und Kuba die drei offenen Widersacher erledigt. In seinem Umkreis gibt Trump niemand Contra.
Die Iraner haben trotz massiver Angriffe bisher nicht kapituliert. Es gibt sogar Stimmen, die erwarten, dass das iranische Regime aus diesem Krieg gestärkt hervorgehen könnte.
Es wird wohl überleben, aber sicher nicht gestärkt. Das Regime ist vom eigenen Volk verhasst, es war bereits vor dem Krieg weder willens noch fähig, wesentliche Staatsfunktionen ausreichend zu erfüllen.
Neben dem Iran leiden die arabischen Golfstaaten am meisten in diesem Krieg. Wie wird sich das iranisch-arabische Verhältnis nach einem möglichen Kriegsende entwickeln?
Die Golfstaaten wollten diesen Krieg vermeiden. Ihr Horrorszenario wäre eine stetige Disruption durch ein Machtvakuum im Iran mit Überlauf in die Region. Deswegen werden sie sich letztendlich mit jedem Regime in Teheran arrangieren, das Stabilität verspricht und sie in Ruhe lässt. Durch den Krieg mit Iran sind die Fundamente der Geschäftsmodelle von Dubai oder Bahrain massiv ins Schwanken geraten. Weitere Instabilität in der Region können sie sich nicht leisten.
Europa sitzt in diesem Krieg wieder einmal auf der Zuschauerbank. Was könnte Europa tun, um diesen Krieg zu beenden?
Europa kann den Krieg nicht beenden, aber es kann für sich den Schluss ziehen, die eigenen Interessen zu priorisieren und die eigene Verteidigungsfähigkeit herzustellen. Die «regelbasierte Weltordnung» war ohnehin nur eine Schimäre und ist nun vorüber. Europa muss versuchen, so viel davon als möglich in eine neue Ordnung hinüberzuretten. (bzbasel.ch)
