Alex Honnold bezwingt Taipeh-Wolkenkratzer – in nicht einmal 92 Minuten
«Ich bin total gehypt, unglaublich!», sagte Honnold, nachdem er es schliesslich geschafft hatte. Auf der Spitze des Gebäudes schoss der Extremsportler zunächst ein Selfie, ehe er der jubelnden Menge am Boden zuwinkte. Honnold, der als einer der besten Freikletterer der Welt gilt, benötigte für seinen Aufstieg an der Fassade des pagodenartig gebauten Hochhauses entlang eine Stunde und knapp 32 Minuten.
Die Aktion, die live auf Netflix übertragen wurde, hatte im Vorfeld für Kritik gesorgt – wegen der Kommerzialisierung eines potenziell lebensgefährlichen Unterfangens, aber auch wegen Honnolds Umgang mit dem Risiko. Der US-Amerikaner ist Vater von zwei kleinen Kindern. Mehr zur Einordnung gibt es hier:
Erster Versuch wurde verschoben
Wegen Regens war ein erster Kletter-Versuch am Samstagmorgen in Taipeh abgesagt und auf Sonntag verschoben worden. Sie seien auf die Gnade der Natur angewiesen, betonte der Star-Kletter, der in den Tagen vorher mit Seil am Taipeh 101 geübt hatte. Rund zweieinhalb Monate bereitete sich Honnold speziell auf den Wolkenkratzer vor.
Honnold wurde fürs Freeclimbing, also Klettern ohne künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung, bekannt. In vielen Fällen verzichtet er dabei auch auf Absicherung. Vor seinen Projekten übt er aber mit gewöhnlichen Sicherungsmethoden – so auch im Vorfeld des Live-Spektakels in Taipeh, das Netflix «Skyscraper live» nannte.
Während des Aufstiegs wurde Honnold immer wieder von Schaulustigen hinter den Fensterscheiben der Büroetagen fotografiert und lautstark angefeuert. Davon liess er sich jedoch nicht beirren: Es sei cool, die Erfahrung mit all den Leuten zu teilen, sagte Honnold.
Verständnis für Kritik
Für die Aktion soll Honnold von Netflix einen mittleren sechsstelligen Dollar-Betrag ausgezahlt bekommen, wie die «New York Times» unter Berufung auf anonyme Quellen berichtete. Er selbst sagte der US-Tageszeitung lediglich, dass es sich zwar um einen «peinlich hohen Betrag» handeln würde, er den Wolkenkratzer aber auch umsonst besteigen würde.
«Wenn du fällst, stirbst du», hatte er vor der Kletteraktion gesagt.
Kritik an seinem Wolkenkratzer-Projekt könne er «total verstehen». Aber wenn andere Freeclimber die Möglichkeit bekämen, das zu klettern, würden sie es auch tun. «Die Leute schauen auf das Projekt und sagen: Das ist riskant oder gefährlich. Aber für mich ist es nicht so viel anders als das, was ich sonst mache», sagte er.
Honnold erlangte über die Freikletter-Szene hinaus grosse Bekanntheit durch den Film «Free Solo». Die Produktion gewann 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Gezeigt wird, wie Honnold die 915-Meter-Wand des El Capitan im Yosemite Nationalpark bezwingt. Insgesamt klettert der Extremsportler bereits seit rund 30 Jahren.
Anerkennung für die waghalsige Aktion kam auch von politisch höchster Ebene. «Glückwunsch an den furchtlosen Alex zur erfolgreichen Bewältigung dieser Herausforderung, und vielen Dank an alle Heldinnen und Helden hinter den Kulissen, die dies möglich gemacht und dazu beigetragen haben, Taiwan auf die internationale Bühne zu bringen!», schrieb Taiwans Präsident Lai Ching-te auf Facebook. (con/sda/dpa)
