Netflix zeigt live, wie ein Mensch sein Leben riskiert – Expertin erklärt das Phänomen
Schon seit Jahrhunderten fühlen sich Menschen von Ereignissen angezogen, bei denen sie zusehen können, wie andere Menschen sich in Lebensgefahr begeben. So kämpften bereits Gladiatoren bei den Römern zur Unterhaltung der Menschen in Arenen, oft bis zum Tod. Und auch in unserer Zeit werden in vielen Zirkusaufführungen halsbrecherische Kunststücke aufgeführt, die bei nur einem Fehltritt tödlich enden könnten.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Januar (Schweizer Zeit) besteigt nun der Extremsportler Alex Honnold den 508 Meter hohen Wolkenkratzer Taipei 101 – und zwar ohne Seil. Der Aufstieg des 40-Jährigen wird dabei live auf Netflix gestreamt und die ganze Welt kann zusehen. Die Meinungen dazu sind gespalten.
Darum haben wir mit der Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Janine Blessing über die Aktion von Alex Honnold gesprochen und nachgefragt, wieso Menschen dabei zusehen.
Heute Nacht besteigt Alex Honnold ungesichert den Taipei 101. Warum macht man so etwas?
Dr. Janine Blessing: Das kann letztlich nur er selbst beantworten. Aber aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht lässt sich sagen: Solche Aktionen verbinden persönliche Grenzerfahrungen mit öffentlicher Sichtbarkeit. Vermutlich spielt aber auch ein gewisser finanzieller Anreiz eine Rolle.
Wieso will man sich bei einer solch lebensbedrohlichen Situation auch noch den Medien aussetzen?
Vermutlich geht es weniger nur um das Erlebnis selbst, sondern auch um das Erzählen und Teilen dieser Erfahrung. Das kennen wir auch aus dem Alltag: Menschen posten ihr Essen auf Instagram oder teilen kurze Videos von ihrem Arbeitsweg auf TikTok. Selbst auf Konzerten filmen viele lieber, als den Moment wirklich zu erleben. Dieses Bedürfnis, Erlebnisse festzuhalten, zu teilen und sich darüber auszutauschen, ist zu einem festen Bestandteil unserer Medienkultur geworden, auch in Extremsituationen.
Wo geht so eine «Adrenalin-Sucht» zu weit?
Das ist letztlich eine Frage, die wir als Gesellschaft diskutieren müssen: Wo ziehen wir die Grenze? Was gilt für uns noch als Unterhaltung? Die Faszination für Gefahr und Risiko scheint ein uraltes menschliches Bedürfnis zu sein. Man denke an die Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Es hat offenbar einen Reiz, wenn die Möglichkeit des Scheiterns oder gar des Todes mitschwingt. Heute kommt jedoch eine mediale Dimension hinzu: Solche Ereignisse werden nicht nur vor Ort erlebt, sondern auch medial inszeniert, verbreitet und vermarktet. Damit verschiebt sich die Grenze zwischen individueller Herausforderung, öffentlicher Unterhaltung und kommerzieller Verwertung und genau diese Grenze gilt es gesellschaftlich auszuhandeln.
Alex Honnold ist Vater, was kann diese Aktion mit der Familie machen? Gerade wenn die ganze Welt zuschaut?
Wenn die ganze Welt zuschaut, kann das emotional belastend für die Familie sein. Wie genau Alex Honnold das handhabt, wissen wir nicht, aber in Extremsportarten ist die Absprache mit Angehörigen üblich. Man kann hoffen, dass er auch diese Aktion im Voraus mit seiner Familie besprochen hat, um die möglichen Folgen zu klären.
Spielt Netflix Ihrer Meinung nach in diesem Fall mit dem Tod?
Wie bereits erwähnt, liegt in der Möglichkeit des Scheiterns oder gar des Todes eine gewisse Faszination. Ob und wie weit das ethisch vertretbar ist, muss gesellschaftlich diskutiert werden. Aus Unternehmenssicht dürfte für Netflix jedoch primär die mediale Aufmerksamkeit und kommerzielle Verwertbarkeit im Vordergrund stehen.
Ist das Streamen dieser Aktion medienethisch vertretbar?
Das hängt stark vom jeweiligen Kulturkreis ab. Welche Grenzen eine Gesellschaft zieht, wie sie mit dem Thema Tod umgeht und was als unterhaltsam oder vertretbar gilt, variiert stark.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ein anschauliches Beispiel sind Stierkämpfe: In manchen Ländern sind sie längst verboten, sei es aus Tierschutzgründen oder wegen der Gefährdung der Beteiligten, während sie an anderen Orten als kulturelles Gut gelten. Auch bei Filmen gibt es Unterschiede: Ein Film, der in Deutschland nicht für Kinder freigegeben wird, kann in den USA problemlos gezeigt werden. Solche Beispiele zeigen, dass mediale Entscheidungen immer im kulturellen Kontext betrachtet werden müssen und dass Anbieter sich der Verantwortung bewusst sein sollten, wie sie riskante oder sensible Inhalte präsentieren.
Ist die Faszination hinter einer solchen Kletter-Aktion, die gleiche, wie wenn man einen True-Crime-Podcast hört?
Die Faszination ist ähnlich, aber nicht identisch. In beiden Fällen spielt Spannung und Nervenkitzel eine Rolle: Wir erleben Gefahr aus sicherer Distanz. Bei True Crime kommen jedoch oft noch weitere Einzelmotive hinzu, zum Beispiel Rätselraten, Interesse an Polizeiarbeit oder das Bedürfnis, sich mit möglichen Gefahren auseinanderzusetzen, ein Konzept, das Psycholog:innen als «defensive Vigilanz» bezeichnen und das auch in der Kommunikationswissenschaft diskutiert wird.
Was ist Defensive Vigilanz?
Defensive Vigilanz bezeichnet eine psychologische Bewältigungsstrategie, bei der die Aufmerksamkeit gezielt auf potenziell bedrohliche Reize gerichtet wird, um Unsicherheiten zu reduzieren. Dieses Phänomen könnte unter anderem auch erklären, warum True Crime insbesondere bei Frauen besonders beliebt ist.
Was ist bei der Kletter-Aktion denn anders als bei True Crime?
Beim Klettern von Alex Honnold ohne Sicherung steht vor allem die klassische Spannungssuche im Vordergrund: das unmittelbare Erleben von Risiko und Nervenkitzel, möglicherweise kombiniert mit Bewunderung oder Faszination für seine Leistung. Insgesamt ist Faszination eine sehr starke Emotion. Im Rahmen meiner Dissertation konnte ich zeigen, dass sie Menschen motivieren kann, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen und sich darüber auszutauschen. Ähnlich erklärt dies, warum Zuschauer:innen dem TV-Event beiwohnen: Sie möchten das faszinierende Erlebnis teilen und darüber sprechen.
Was empfehlen Sie Menschen, die vorhaben, den Livestream zu schauen?
Bei all der Faszination darf die moralische Dimension nicht vergessen werden: Unterhaltung und Bewunderung geschehen auf Kosten realer Risiken für die Beteiligten. Wer den Livestream sehen möchte, sollte sich bewusst machen, dass hier eine reale Person ihr Leben riskiert. Es ist wichtig, die damit verbundenen Risiken zu bedenken und zu reflektieren, ob das Anschauen mit den eigenen ethischen Vorstellungen übereinstimmt – solche Inhalte werden schliesslich nur produziert, weil genügend Menschen sie konsumieren.
