Innerhalb von nur zwölf Tagen hat Abu Mohammed al-Dschulani das geschafft, was andere vor ihm in über einem Jahrzehnt vergeblich versuchten: das Regime von Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. Der Anführer der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) gab sich vor und während seines Triumphs gemässigt und besonnen.
Laut Dschulani wird das Rebellenbündnis die Macht friedlich übernehmen, wie der HTS-Kommandeur in den sozialen Medien mitteilte. Auch aus Sicht des Nahost-Experten Fawaz Gerges, Professor für internationale Beziehungen an der London School of Economics, hätten Dschulani und seine HTS bislang in Syrien «Reife» gezeigt.
In einem CNN-Interview kündigte er «Ordnung in zivilen, sozialen und militärischen Belangen» an. Syrien verdiene eine «institutionelle Regierung», welche die Rechte und Sicherheit aller garantiere, auch von Minderheiten. Dabei haben die USA schon vor Jahren ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar für den einstigen Extremisten ausgeschrieben. Doch in den letzten Jahren hat der erst 42-jährige Islamistenanführer gewissenhaft an einem persönlichen Imagewechsel gearbeitet.
Heute präsentiert er sich als moderater Anführer. Internationale Beobachter sehen in ihm einen vermeintlichen «Sicherheitsgaranten». Trotz früherer Rufe nach seinem Sturz hat Dschulani auch innerhalb der syrischen Bevölkerung in den vergangenen Tagen enorm an Ansehen gewonnen.
2003 schloss sich der Syrer Dschulani, der mit bürgerlichem Namen Ahmed Hussein al-Scharaa heisst, extremistischen Gruppen im Irak an, um gegen US-Truppen zu kämpfen. Aus den Ursprüngen des Terrornetzwerks Al-Kaida formte sich dort die Terrorgruppe Islamischer Staat. Zu CNN sagte er, er habe «damals für das irakische Volk kämpfen» wollen.
Mit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 bekam auch Dschulani mehr Verantwortung. IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi schickte ihn zurück in sein Heimatland, um dort die sogenannte Al-Nusra-Front – einen einstigen Ableger Al-Kaidas in Syrien – zu führen. Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte sie zunächst unter anderem gegen Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad sowie kurdische Milizen.
Später kam es zum Bruch sowohl mit dem sogenannten Islamischen Staat als auch mit Al-Kaida, die 2014 selbst zu gegenseitigen Rivalen wurden. Dschulani wollte sich von den transnationalen Ambitionen seiner einstigen Verbündeten lossagen und sich stattdessen auf den Kampf in Syrien selbst konzentrieren. Mit dem Bruch gingen Dschulanis Kämpfer hart gegen jegliche extremistische Gruppen im Nordwesten Syriens vor.
Die Al-Nusra-Front hat seitdem mehrere Wandlungen vollzogen und ihre Ideologien immer wieder angepasst. Heute ist sie bekannt als HTS, die Organisation zur Befreiung (Gross-)Syriens.
«Der Mann ist sehr daran interessiert zu herrschen», sagt Analyst Orwa Ajjoub. Ajjoub forscht seit Jahren zum syrischen Konflikt und Dschihadismus. HTS habe unter Führung Dschulanis relativ erfolgreich eine Art Alternativregierung der syrischen Opposition im Nordwesten des Bürgerkriegslands aufgebaut, was die Grundlage für die erfolgreiche Offensive bildete.
Aktuell stufen sowohl die USA als auch die Europäische Union Dschulanis Gruppe HTS noch immer als Terrororganisation ein. Den Islamisten wurden in den vergangenen Jahren unter anderem Folter, andere Formen der Gewalt und Vertreibung von Minderheiten vorgeworfen.
Analyst Ajjoub glaubt trotzdem, dass Dschulani momentan für den Westen kein Risiko darstelle. Über die Jahre sei es dem HTS-Anführer gelungen, gute Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft aufzubauen. «Aber natürlich nicht öffentlich», so Ajjoub.
Riad Kahwadschi, Gründer des Militärinstituts Inegma in Dubai, sieht in Dschulanis Transformation vor allem auch Opportunismus. Er inszeniere sich heute als «nationalistische Figur», die keine extremistischen Ansichten mehr vertritt und zur Einheit und Koexistenz mit anderen Minderheiten aufrufe. Er sehe sich als Politiker, der eine Miliz anführt. Das diene vor allem seinen weiteren persönlichen Zielen in Syrien. Ob er selbst das Präsidentenamt anstrebt, hat er bisher noch nicht verraten. (aargauerzeitung.ch)