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Er ist der neue starke Mann in Syrien: Ist Dschulani wirklich gemässigt?

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Er ist der neue starke Mann in Syrien: Ist Mohammed al-Dschulani wirklich so gemässigt?

Der 42-jährige Abu Mohammed al-Dschulani könnte der neue starke Mann Syriens werden. Doch wie sehr kann man dem Kommandeur der jetzt erfolgreichen Rebellengruppe HTS trauen?
08.12.2024, 16:0908.12.2024, 16:33
Bojan Stula und Amira Rajab / ch media
2003 schloss sich Mohammed al-Dschulani extremistischen Gruppen im Irak an, um gegen US-Truppen zu kämpfen.
2003 schloss sich Mohammed al-Dschulani extremistischen Gruppen im Irak an, um gegen US-Truppen zu kämpfen.Screenshot/x_CNN

Innerhalb von nur zwölf Tagen hat Abu Mohammed al-Dschulani das geschafft, was andere vor ihm in über einem Jahrzehnt vergeblich versuchten: das Regime von Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. Der Anführer der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) gab sich vor und während seines Triumphs gemässigt und besonnen.

Laut Dschulani wird das Rebellenbündnis die Macht friedlich übernehmen, wie der HTS-Kommandeur in den sozialen Medien mitteilte. Auch aus Sicht des Nahost-Experten Fawaz Gerges, Professor für internationale Beziehungen an der London School of Economics, hätten Dschulani und seine HTS bislang in Syrien «Reife» gezeigt.

Im Interview mit CNN gab sich Dschulani gemässigt. Video: YouTube/CNN

In einem CNN-Interview kündigte er «Ordnung in zivilen, sozialen und militärischen Belangen» an. Syrien verdiene eine «institutionelle Regierung», welche die Rechte und Sicherheit aller garantiere, auch von Minderheiten. Dabei haben die USA schon vor Jahren ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar für den einstigen Extremisten ausgeschrieben. Doch in den letzten Jahren hat der erst 42-jährige Islamistenanführer gewissenhaft an einem persönlichen Imagewechsel gearbeitet.

Heute präsentiert er sich als moderater Anführer. Internationale Beobachter sehen in ihm einen vermeintlichen «Sicherheitsgaranten». Trotz früherer Rufe nach seinem Sturz hat Dschulani auch innerhalb der syrischen Bevölkerung in den vergangenen Tagen enorm an Ansehen gewonnen.

Im Irak kämpfte er gegen US-Truppen

2003 schloss sich der Syrer Dschulani, der mit bürgerlichem Namen Ahmed Hussein al-Scharaa heisst, extremistischen Gruppen im Irak an, um gegen US-Truppen zu kämpfen. Aus den Ursprüngen des Terrornetzwerks Al-Kaida formte sich dort die Terrorgruppe Islamischer Staat. Zu CNN sagte er, er habe «damals für das irakische Volk kämpfen» wollen.

Mit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 bekam auch Dschulani mehr Verantwortung. IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi schickte ihn zurück in sein Heimatland, um dort die sogenannte Al-Nusra-Front – einen einstigen Ableger Al-Kaidas in Syrien – zu führen. Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte sie zunächst unter anderem gegen Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad sowie kurdische Milizen.

Bruch mit IS und Al-Kaida

Später kam es zum Bruch sowohl mit dem sogenannten Islamischen Staat als auch mit Al-Kaida, die 2014 selbst zu gegenseitigen Rivalen wurden. Dschulani wollte sich von den transnationalen Ambitionen seiner einstigen Verbündeten lossagen und sich stattdessen auf den Kampf in Syrien selbst konzentrieren. Mit dem Bruch gingen Dschulanis Kämpfer hart gegen jegliche extremistische Gruppen im Nordwesten Syriens vor.

Die Al-Nusra-Front hat seitdem mehrere Wandlungen vollzogen und ihre Ideologien immer wieder angepasst. Heute ist sie bekannt als HTS, die Organisation zur Befreiung (Gross-)Syriens.

«Der Mann ist sehr daran interessiert zu herrschen», sagt Analyst Orwa Ajjoub. Ajjoub forscht seit Jahren zum syrischen Konflikt und Dschihadismus. HTS habe unter Führung Dschulanis relativ erfolgreich eine Art Alternativregierung der syrischen Opposition im Nordwesten des Bürgerkriegslands aufgebaut, was die Grundlage für die erfolgreiche Offensive bildete.

Imagewechsel im Bürgerkrieg

Aktuell stufen sowohl die USA als auch die Europäische Union Dschulanis Gruppe HTS noch immer als Terrororganisation ein. Den Islamisten wurden in den vergangenen Jahren unter anderem Folter, andere Formen der Gewalt und Vertreibung von Minderheiten vorgeworfen.

Analyst Ajjoub glaubt trotzdem, dass Dschulani momentan für den Westen kein Risiko darstelle. Über die Jahre sei es dem HTS-Anführer gelungen, gute Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft aufzubauen. «Aber natürlich nicht öffentlich», so Ajjoub.

Riad Kahwadschi, Gründer des Militärinstituts Inegma in Dubai, sieht in Dschulanis Transformation vor allem auch Opportunismus. Er inszeniere sich heute als «nationalistische Figur», die keine extremistischen Ansichten mehr vertritt und zur Einheit und Koexistenz mit anderen Minderheiten aufrufe. Er sehe sich als Politiker, der eine Miliz anführt. Das diene vor allem seinen weiteren persönlichen Zielen in Syrien. Ob er selbst das Präsidentenamt anstrebt, hat er bisher noch nicht verraten. (aargauerzeitung.ch)

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81 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kanzo
08.12.2024 15:23registriert Mai 2022
Ich urteile nach 1-2 Jahren. Jedoch gehe ich vom schlimmsten aus da alles andere eh zu begrüßen wäre.
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DerRealist
08.12.2024 15:45registriert September 2022
Wie war das nochmal in Afghanistan?
Die Taliban gaben sich am Anfang auch als gemässigt und dann kam es doch anders.
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Thomas Melone
08.12.2024 15:15registriert Mai 2014
Irgendwie sieht er nicht unbedingt aus, wie ein weltoffenen, moderner und liberaler Demokrat. Aber das Äusserlich kann ja täuschen.
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