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Islamisten oder Rassisten? Amerika fürchtet sich vor den falschen Terroristen

30.06.2015, 12:2430.06.2015, 12:49

Charleston, Saint-Quentin-Fallavier, Sousse: drei Terroranschläge gegen westliche Ziele innerhalb von wenigen Tagen. In die Trauer über die Opfer mischt sich einmal mehr Wut darüber, wie die Medien über diese Ereignisse berichten. Dazu dieser Kommentar unter dem watson-Liveticker zu den Anschlägen vom vergangenen Freitag:

Das meint watson-User kowalski
Die Berichterstattung ist wirklich zum Kotzen. Beim Charleston-Fall letze Woche war praktisch nichts in den Medien zu lesen. Die meisten Normalbürger haben davon nicht einmal etwas mitbekommen.

Aber schon klar, es waren ja nur ein paar Schwarze die dort niedergeschossen worden sind und der Täter hatte keinen muslimischen Hintergrund, dann ist sowas ja nicht spannend.

Heute dann diese Tat und siehe da: Die gesamte Medienlandschaft berichtet über den Fall, Liveticker werden gestartet usw.

Die Hetze, die gegen Muslime betrieben wird, ist einfach nur zum Kotzen und traurig.
User kowalski.quelle: kommentarspalte watson

Ähnliche Kritik war in den USA nach dem Anschlag auf die Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston zu hören, wo der Rassist Dylann Roof neun Schwarze erschossen hatte. Dass konservative Medien wie Fox News von einer «Tragödie» sprachen, stiess vielen sauer auf. Unter dem Hashtag #CallItTerrorism («Nenn es Terrorismus») verwiesen sie auf einen verbreiteten Reflex, nur bei Attentätern muslimischen Glaubens von Terrorismus zu sprechen. Weisse Verbrecher hingegen würden als geisteskrank bezeichnet. 

Kritiker erkennen in diesem Gebrauch des Terrorismus-Begriffs die Tendenz, Muslime pauschal als Massenmörder zu verunglimpfen und gleichzeitig Attentäter mit anderem Hintergrund zu verharmlosen. 

Die Realität sieht tatsächlich anders aus, wie eine Langzeit-Statistik des Thinktanks New America Foundation zeigt: Demnach wurden in den USA seit 9/11 fast doppelt so viele Menschen bei rassistisch-anarchistisch motivierten Anschlägen (48) getötet wie bei solchen mit islamistischem Hintergrund (26). 

Die Öffentlichkeit mag dieser Befund überraschen, amerikanische Polizisten nicht: Laut einer aktuellen Befragung halten drei Viertel von ihnen rechtsgerichtete Extremisten als die grösste Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Keinen Eingang in diese Statistik finden Massaker wie der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School, da bei ihnen kein ideologisches Motiv – eine Voraussetzung für den Terrorismus-Begriff – vermutet wird. Allerdings fordern sie mehr Todesopfer als rassistische und islamistische Verbrechen zusammen.

Anders gesagt: Die amerikanische Öffentlichkeit fürchtet sich vor islamistisch motivierten Terroranschlägen, obwohl wesentlich mehr Menschen durch weisse Extremisten (und Amokläufer) sterben. Wie kommt es zu dieser Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität?

Die Antwort könnte banaler nicht sein. Es ist die grosse Angst vor dem Unbekannten: «Wir wissen, wie weisse Rassisten ticken», sagt der Terrorismus-Experte William Braniff in der New York Times. «Aber Al Kaida verstehen wir nicht, zu komplex und zu fremdartig.»

Überzeichnen Medien die islamistische Terrorgefahr und verharmlosen gleichzeitig jene von rechts?

Terror in Charleston

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Amoklauf in Schwarzen-Kirche in Charleston
quelle: ap/ap / david goldman
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Terror in Frankreich

1 / 15
Terror-Anschlag in Frankreich
quelle: x02976 / emmanuel foudrot
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Terror in Tunesien

1 / 11
Anschlag in Sousse, Tunesien
quelle: amine ben aziza
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53 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Philipp Burri
30.06.2015 13:18registriert März 2015
Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch. Aber mich stört das halt einfach mehr, wenn Djihadisten europäische Touristen am Mittelmeer neidermetzeln, als wenn sich die Amis wegen ihrer ewig gestrigen Rassenprobleme an den Kragen gehen. Beides ist tragisch - eines betrifft mich aber einfach nicht. Die beiden Sachen aber gegeneinander ausspielen zu wollen, wie das aus gewissen Kreisen jetzt versucht wird, ist einfach nur erbärmlich. Nur weil es weisse Amirassistenspinner gibt, ist der Djihadist kein bisschen weniger ein Problem oder umgekehrt.
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saukaibli
30.06.2015 13:09registriert Februar 2014
Schlussendlich sind doch beide Lager geisteskrank. Also Dr. Prof. Saukaibli erkennt sowohl Rassismus wie auch religiöser Fanatismus als geistige Krankheiten an. Man sollte weder die einen noch die anderen frei rumlaufen lassen.
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blueberry muffin
30.06.2015 13:05registriert August 2014
Ist es nicht eher: "Weisse haben weniger Angst vor weissen Rassisten (da man selbst dann offensichtlich kein Primaerziel ist) als vor Islamisten."
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