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Köppel Stammgast: So mischt der neue Sender «Bild-TV» den deutschen Wahlkampf auf

Seit August trommelt Europas grösste Zeitung «Bild» mit einem eigenen Sender gegen den Linksrutsch. Ein «deutsches Fox» will man aber nicht sein. Dem Schweizer Pendant vom «Blick» hat das TV-Format des Springer-Verlags einiges voraus.
15.09.2021, 16:47
Christoph Reichmuth, Berlin / ch media
Viel Präsenz: Roger Köppel
Viel Präsenz: Roger Köppel
Screenshot bildtv

Deutschland knapp zehn Tage vor den Bundestagswahlen. Im Live-Talk von «Bild» debattieren Chefredaktor Julian Reichelt, Programmchef Claus Strunz und geladene Gäste wie zuletzt Weltwoche-Verleger Roger Köppel – der zwei bis drei Mal pro Woche Live im Studio Talkgast ist – oder Ex-Showmaster Thomas Gottschalk über aktuelle Ereignisse oder die Chancen Armin Laschets (CDU), Olaf Scholz (SPD) und der grünen Annalena Baerbock auf den Einzug ins Kanzleramt.

«Damit bewirbt man sich als Betriebsrat bei Rewe», moserte der 71-jährige Gottschalk am späten Sonntagabend live im Studio über den Auftritt des SPD-Kandidaten im «Kanzler-Triell».

Die bürgerlich-konservative Ausrichtung der «Bild» ist spürbar. In den Wochen vor den Wahlen warnt der Verlag vor einem drohenden Linksrutsch mit der Linkspartei in einer SPD-geführten Regierung. Auch in der Corona-Pandemie schlug sich Springer zuletzt auf die Seite der Massnahmen-Kritiker, allerdings mit Abgrenzung zu Corona-Leugnern und Extremisten. SVP-Nationalrat und Verleger Roger Köppel hat es mit einer «Weltwoche»-Geschichte über eine angeordnete Zwangsquarantäne für ein dreijähriges Kind in Deutschland kürzlich gar auf die Titelseite der gedruckten «Bild» geschafft.

Im täglichen Live-Talk durfte der 56-Jährige im Berliner Studio die Geschichte ausführlich mit Moderatoren und Gästen besprechen. Wortgewandt zog er über den «Stechschritt-Sound» deutscher Behörden her und geisselte den «bürokratischen Terror, der da über die Eltern hinweggeschüttet wird».

Bild: Keystone

Seit dem 22. August bietet Europas grösste Zeitung ein 24-stündiges TV-Vollprogramm – frei empfänglich im Netz, über Satellit oder Kabel – mit Polit-Talks, Reportagen, Dokus, Life-Style-Formaten und Sport-Sendungen mit Fokus auf die Fussball-Bundesliga. Immer wieder nehmen Politiker, Promis aus der Showbranche oder hohe Sport-Funktionäre in den Sendungen Stellung, Ministerinnen und Minister stehen im Studio den giftig nachfragenden Moderatoren Red und Antwort.

Den Vorwurf, «Bild» wolle ein deutsches Fox-News aufbauen – der konservative Sender in den USA galt als Lieblingssender von EX-Präsident Donald Trump – wies Programmchef Strunz in einem Interview zurück: «Wir sind kein deutsches Fox News», sagte er. Und fügte hinzu:

«Wir verstehen uns als ein eigenes Genre - als Geschichten-Sender.»

«Bild» fährt gross auf: Der Verlag lotste erfahrene TV-Journalisten zum Springer-Hauptsitz, Programmdirektor ist der mit 54 Jahren erfahrene TV-Journalist Claus Strunz. In den ersten drei Wochen schwankte der Marktanteil des neuen Senders zwischen 0.2 bis 2.5 Prozent, je nach Alterskategorie (zum Vergleich: auf Platz eins landet das ZDF mit einem Marktanteil von 16.2 Prozent).

Springer erreicht nun monatlich 40 Millionen Menschen

Springer investiert bis 2022 mehr als 100 Millionen Euro in die Live-Video-Strategie, der Konzern stellte für das Projekt 70 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Axel Springer will mit dem TV-Format dem Trend einer rückläufigen Auflage der mit täglich 1.2 Millionen verkauften Exemplaren noch immer deutschlandweit auflagenstärksten «Bild» entgegenwirken. Laut dem Unternehmen selbst erreicht die Marke «Bild» mit Zeitung, Online-Angebot und dem TV nun mehr als 40 Millionen Menschen im Monat.

Laschet und Scholz bei Bild-TV
Laschet und Scholz bei Bild-TV
Bild: Keystone

Der neue Konkurrent für Privatsender und die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten stösst auch in der Schweizer Medienbranche auf Interesse. «Bild-TV»-Dauergast Roger Köppel bezeichnet das tägliche Polit-Format um 20.15 Uhr gegenüber unserer Zeitung als «die beste Talkshow Deutschlands», da dort «frisch von der Leber einfach drauflos» debattiert werde. Der Verleger sähe auch für den Schweizer Ringier-Verlag das Potenzial, das eigene «Blick-TV»-Format dynamischer zu präsentieren: «Der Blick hätte doch die besten Voraussetzungen, interessante Gäste aus Politik und Gesellschaft in Live-Sendungen zu holen.»

Ein neues Konkurrenzprodukt im TV-Markt täte der Schweiz ohnehin gut, meint Köppel und verweist mit einem Seitenhieb auf das Schweizer Fernsehen:

«Unsere Öffentlich-Rechtlichen sind doch mit sehr engen Unterhosen unterwegs».

Auch Radio-Pionier Roger Schawinski spricht von «gewaltigen Unterschieden» zwischen «Bild-TV» und «Blick-TV». «Im Gegensatz zu Blick, das mit seinen jungen Moderatoren und den Influencern fast wie ein Welpen-Fernsehen daherkommt, setzt Bild auf erfahrene Journalisten, die hohe Glaubwürdigkeit ausstrahlen», sagt er auf Anfrage. Anders als bei «Blick» sei bei «Bild» «die ganze Power des Springer-Konzerns hinter dem neuen Sender» spürbar.

«Bei Blick wirkt das TV-Format eher wie das ungeliebte Kind, das eigentlich gar nie gewollt war. Man hat nicht das Gefühl, dass Ringier für das Projekt wirklich brennt.»

Dabei, so Schawinski, hätte der Zürcher Verlag ähnlich gute Voraussetzungen wie «Springer» in Deutschland.

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