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Plötzlich taucht Prigoschin wieder auf – und klingt stark verändert

Plötzlich taucht Prigoschin wieder auf – und klingt stark verändert

Jewgeni Prigoschin lässt sich blicken. Er ist ganz offensichtlich nicht mehr in Belarus. Was er zu sagen hat, erstaunt. Zumindest, was seinen neuen Ton betrifft.
22.08.2023, 06:20
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Ein Artikel von
t-online

Jewgeni Progoschin war verschwunden, abgetaucht. Fast einen Monat lang hatte der sonst so zeigefreudige Oligarch und Söldner-Boss kein öffentliches Lebenszeichen von sich gegeben. Zum letzten Mal in Erscheinung getreten war er Ende Juli beim Afrika-Gipfel in St. Petersburg, wo er sich mit dem Botschafter der zentralafrikanischen Republik zeigte.

«Afrika Glück bringen»: Wagner-Chef Prigoschin zeigt sich nach langer Abstinenz in sozialen Medien.
«Afrika Glück bringen»: Wagner-Chef Prigoschin zeigt sich nach langer Abstinenz in sozialen Medien.Bild: Screenshot/Grey Zone/Telegram

Nun gibt es ein neues Video von Prigoschin. Veröffentlicht wurde es am Montagabend auf dem der Wagner-Gruppe nahestehenden Telegram-Kanal «Grey Zone». Der 62-Jährige zeigt sich darin in Tarnkleidung, in der Hand hält er ein Gewehr, um ihn herum ist karge Steppenlandschaft zu sehen, ein Jeep mit Militärpersonal im Hintergrund. Offenbar befindet sich Prigoschin in einem afrikanischen Land. Darauf lassen zumindest seine Aussagen schliessen, die er in dem Video macht.

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«PMC Wagner führt Aufklärungseinsätze durch, um Russland auf allen Kontinenten noch grösser zu machen, um Afrika freier zu machen und den Afrikanern Gerechtigkeit und Glück zu bringen», sagt der Wagner-Boss. Prigoschin ist also in Afrika, um die Menschen auf dem Kontinent zu beglücken. Mit der Waffe in der Hand.

Das mag reichlich zynisch klingen, und ist es vermutlich auch. Denn das Hauptinteresse der Wagner-Gruppe besteht nach Meinung vieler Experten darin, autoritäre Regime in Afrika an der Macht zu halten und mit ihrer Hilfe die Bodenschätze ihrer Länder zu plündern. Russlands Autokrat Wladimir Putin profitiert von Wagner, nicht nur in der Ukraine, auch in Afrika. Es geht um Milliarden Rubel.

«Wir werden hier zum Alptraum»

So etwa in der Zentralafrikanischen Republik, wo Wagner-Söldner das Regime des mit harter Hand regierenden Präsidenten Faustin-Archange Touadéra stützen. Es mag also kein Zufall sein, dass Prigoschin sich beim Afrika-Gipfel in Russland just mit dem Botschafter des Landes getroffen hatte. Nun ist er also selber vor Ort, nachdem er sich nach dem gescheiterten Putschversuch zunächst eine Weile in Belarus aufgehalten hatte.

Und noch etwas ist auffällig an dem Video: Prigoschins Ton. Hatte er vor dem gescheiterten Aufstand von Ende Juni, als er mit einem gewalttätigen «Marsch auf Moskau» Wladimir Putin wohl dazu bringen wollte, die russische Militärführung abzusetzen, noch geflucht, gejammert und beleidigt, gibt er sich nun fast demütig. «Wir arbeiten. Die Temperatur ist 50+. Genauso wie wir es mögen», sagt der Wagner-Boss in dem neuerlichen Videoclip. «Wir werden hier zum Alptraum für Al-Kaida, ISIS und andere Gangs».

Die Formulierung ist aufschlussreich, schliesslich begründet das Russland unter Putin seit jeher militärische Einsätze gern mit dem Kampf gegen den Terror. Das war schon zu Beginn von Putins Amtszeit im Kreml so, als er Ende der 90er-Jahre den brutalen Krieg in Tschetschenien rechtfertigen musste. Der blutige Krieg im Kaukasus schärfte sein bis dato blasses Bürokraten-Image und half ihm entschieden dabei, in seine zweite Amtszeit als Präsident gewählt zu werden.

Als Anti-Terror-Mission wurde auch der Einsatz der russischen Truppen und der Wagner-Söldner in Syrien verbrämt, wo russische Soldaten dem Unrechtsregime von Baschir al-Assad dabei halfen, hunderttausende Menschen zu ermorden und ganze Städte wie Aleppo auszulöschen.

So sieht Putin seinen «Koch» wohl am liebsten

Nun also Afrika. Der Kontinent gilt längst als wichtiger Einflussbereich des Kreml. Offenbar versucht Putin hier den Boden gutzumachen, den er in Europa mit dem Krieg in der Ukraine gerade zu verlieren droht. Wichtigstes Instrument dabei: die Söldner der Wagner-Gruppe. Im sogenannten Globalen Süden ist Russland nach wie vor hoch angesehen. Nicht nur in Mali, im Sudan oder in der Zentralafrikanischen Republik.

Erst kürzlich liefen die Menschen in Nigers Hauptstadt Niamey jubelnd durch die Stadt, nachdem hochrangige Militärs den demokratischen Präsidenten festgesetzt und die Macht in dem Land übernommen hatten. In der Hand hielten die Menschen im Niger dabei russische Fahnen. Auch dort ist die Wagner-Gruppe bereits seit längerer Zeit aktiv.

Es ist also vornehmlich ein Kampf gegen den Einfluss des Westens und gegen die Demokratie, weniger ein Kampf gegen den islamischen Extremismus, der den Kreml in Afrika vorantreibt. Jewgeni Prigoschin ist dafür extrem nützlich. Viele Beobachter waren verwundert darüber, dass der schwerreiche Oligarch nach der tödlichen Meuterei von Ende Juni überhaupt noch am Leben geblieben ist. Putin braucht ihn offenbar als willfährigen Warlord am Äquator.

Dazu passt Prigoschins neuer Ton in dem Video. Er gibt sich demütig, pflichtbewusst, einzig im Auftrag und zum Wohl Russlands handelnd. «Wir stellen echte Krieger ein», sagt er noch, «und wir fahren fort damit, die versprochenen Ziele zu erreichen». So sieht der Diktator im Kreml seinen einstigen «Koch» wohl am liebsten. (t-online, cc)

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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G. Samsa
22.08.2023 07:10registriert März 2017
Ein gutes Beispiel für ein Oxymoron; Russland und Frei und Glücklich.
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wurzeli
22.08.2023 07:48registriert April 2020
Für 50 Grad ist er reichlich warm angezogen.
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RugelChund
22.08.2023 07:17registriert Juli 2021
Mag die Alpen ja auch, aber Albtraum wird mit B geschrieben :)
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