Der Name Kursk wird für Russland immer mehr zu einem Synonym für militärisches Versagen. Nach zwei Explosionen, mutmasslich verursacht durch Torpedo-Übungsmunition, sank im Jahr 2000 ein russisches U-Boot mit diesem Namen während einer Militärübung. Dabei kam die gesamte 118-köpfige Besatzung ums Leben. Ähnlich wie beim Reaktorunglück von Tschernobyl wurde der Vorfall zuerst tagelang vertuscht und die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt.
24 Jahre später trägt sich Kursk erneut negativ in die russischen Geschichtsbücher ein. Ukrainische Truppen passierten in der Nacht vom 6. August «einfach, und ohne grossen Widerstand» 30 Kilometer nordöstlich von Sumy die Grenze und marschierten in die russische Oblast Kursk ein.
Offiziell kommunizierte die Ukraine bisher nur, dass sie über 70 «Siedlungen» in der Oblast Kursk kontrolliere. Russland kennt keine administrative Einheit mit der Bezeichnung «Siedlung». Deshalb bleibt unklar, was die Ukraine damit genau meint. Das Institute for the Study of war (ISW) hat aufgrund von Geolokalisation etwas mehr als 40 Dörfer ausgemacht, welche unter ukrainischer Kontrolle sind. Weil sich in der Region aber auch zahlreiche kleinere Häusergruppen befinden, die nicht als Dorf deklariert werden, kommt das ISW zum Schluss, dass die ukrainischen Angaben nicht übertrieben sein dürften.
Aufgrund der ukrainischen Kommunikationssperre stammen die meisten Informationen zum ukrainischen Überfall von russischen Militärbloggern und Telegram-Seiten. Wie glaubwürdig solche Quellen sind, verrät ein Blick auf die verschiedenen öffentlich zugängigen Karten. Dort wird das von der Ukraine kontrollierte Gebiet sehr unterschiedlich dargestellt.
Trotz der unterschiedlichen Darstellungen verdeutlichen die unterschiedlichen Frontverläufe verschiedene Dinge: Das Dorf Sudscha (normalerweise 1500 Einwohner) wird von ukrainischen Truppen kontrolliert. Videomaterial mit ukrainischen Verbänden im Zentrum des Dorfs untermauern diese Vermutung. Zweitens: Die Kleinstadt Korenewo (normalerweise gut 6000 Einwohner) ist (noch) nicht unter Kontrolle ukrainischer Truppen.
In Sudscha befindet sich eine wichtige Gasübergabestation. Hier wird gemessen und geplant, wie viel russisches Gas durch die Ukraine nach Europa kommt. Trotz Krieg stammen 15 Prozent der europäischen Gasimporte noch immer aus Russland. Über den Umweg Türkei (Turkstream) kann dieses auch in die EU gelangen, sollte die Ukraine in Sudscha den Hahn zudrehen.
Die Ukraine proklamiert, bisher 1000 Quadratkilometer russischen Boden besetzt zu haben – etwas mehr als der Kanton Glarus. Die Fläche ist etwas grösser als die Gewinne, welche Russland seit Jahresbeginn an verschiedenen Fronten verzeichnen konnte. Im Gegensatz zu Russland sei es aber nicht das Ziel, die Gebiete zu annektieren, erklärte Heorhii Tykhyi, Sprecher des ukrainischen Aussenministeriums. Ziel sei es, die Bevölkerung vor Angriffen zu schützen. Laut Tykhyi erfolgten aus Kursk in diesem Sommer über 2000 Attacken mit MLRS, Gleitbomben und Drohnen: «Um den russischen Terror zu beenden, ist es nötig, diese Region von russischen Truppen zu befreien.»
Der ukrainische Einmarsch dauert nun bereits neun Tage. Laut russischen Angaben wurde er gestoppt – die Ukraine berichtet hingegen, die Operation verlaufe weiterhin planmässig. Sämtliche Angaben können nicht unabhängig verifiziert werden.
Offizielle Berichte, dass Russland zur Verstärkung seiner Grenzen Truppen von der Front innerhalb der Ukraine abzieht, gibt es bisher nicht. Derweil hat der Gouverneur von Belgorod, wenige Kilometer südöstlich des besetzten Gebietes, den Ausnahmezustand ausgerufen, nachdem die Ukraine auch hier Ziele mit Artillerie und Drohnen attackiert hatte.
Südlich von Schebekino befindet sich die umkämpfte und mittlerweile komplett zerstörte Frontstadt Wowtschansk. Beide Kriegsparteien haben dort massive Verluste eingefahren. Die Lage bleibt weiterhin unübersichtlich.
Wenn es die Ukraine hoffentlich schafft bis zu Stadt Kursk vorzudringen, dann besetzen sie gleich zwei wichtige Nachschubwege der Russen. Das wäre ein Gamechanger.