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Satellitenbilder von Maxar Technologies zeigen die Schlangeninsel nach der Rückeroberung durch die ukrainischen Streitkräfte.
Satellitenbilder von Maxar Technologies zeigen die Schlangeninsel nach der Rückeroberung durch die ukrainischen Streitkräfte.Bild: keystone

Warum die Rückeroberung der Schlangeninsel das weltweite Hungerproblem nicht lösen wird

Durch die Rückeroberung der Schlangeninsel werden Hoffnungen geweckt, wieder Getreide aus der Ukraine schiffen zu können. Doch die strategische Bedeutung der Insel wird überschätzt, sagen Experten.
02.07.2022, 10:0103.07.2022, 07:27

Der Jubel auf ukrainischer Seite war gross, als man am Donnerstag verkündete, die Schlangeninsel nach vier Monaten russischer Besetzung zurückerobert zu haben.

Das ukrainische Verteidigungsministerium schrieb fast schon hämisch auf Twitter: «Das operative Kommando Süd bestätigt, dass die russischen Besatzer die Schlangeninsel verlassen haben. Sie konnten das Wetter nicht ertragen – der Boden brannte unter ihren Füssen, das Meer kochte, die Luft war zu heiss. P.S.: ‹russian warships go f…ck yourselves!›»

Das russische Verteidigungsministerium zeichnete ein ganz anderes Bild des Rückzugs. Er sei freiwillig erfolgt. Russland wolle damit zeigen, dass es den Export von Getreide und landwirtschaftlichen Produkten aus der Ukraine nicht behindere. Es sei ein Zeichen des guten Willens, sagte Sprecher Igor Konaschenkow.

Welche Seite nun die Wahrheit sagt, sei dahingestellt. Klar ist, dass mit der Rückeroberung der Schlangeninsel Hoffnungen geweckt wurden, den Hafen von Odessa bald wieder betreiben zu können. Und somit dringend benötigtes Getreide in von Hungersnot geplagte Länder zu exportieren.

«Dies könnte die Tür für ukrainische Getreideexporte aus Odessa öffnen, die für die ukrainische Wirtschaft und die weltweite Lebensmittelversorgung von entscheidender Bedeutung sind», sagte zum Beispiel Rob Lee vom Foreign Policy Research Institute in den USA.

«Wenn Russland die Getreideschiffe passieren lassen wollte, müssten sie nur eines tun: nicht schiessen.»
H.I. Sutton, Experte für maritime Verteidigung

Zahlreiche Experten warnen jedoch, die strategische Bedeutung der Schlangeninsel nicht zu überschätzen.

Ein wichtiger Felsen

Vorweg: Die Rückeroberung der berühmt gewordenen Schlangeninsel ist ein grosser symbolischer Sieg für die Ukraine. Und «für Russland ist es ein Rückschlag und eine peinliche Niederlage», schreibt etwa die BBC.

Die Schlangeninsel – ein kleiner, flacher Felsen, rund 600 Meter lang und breit, 50 Kilometer vor der ukrainischen Küste gelegen – ist auch durchaus strategisch bedeutsam. Russland kontrolliert bereits einen grossen Teil der ukrainischen Schwarzmeerküste sowie die Halbinsel Krim und das gesamte Asowsche Meer. Die Einnahme der Schlangeninsel am 24. Februar vervollständigte eine wirksame Blockade des Hafens von Odessa.

Der Chef des ukrainischen Verteidigungsnachrichtendienstes, Kyrylo Budanow, sagte im Mai, dass derjenige, der die Schlangeninsel kontrolliere, «die Boden- und bis zu einem gewissen Grad auch die Luftsituation in der Südukraine» kontrolliere.

Der Felsen ist auch ein gutes Druckmittel hinsichtlich territorialer Ansprüche, sollte es zu einer diplomatischen Lösung des Krieges kommen.

Die Seeblockade ist nicht beendet

Die Schlangeninsel liegt also in einem strategisch wichtigen Teil des Schwarzen Meeres und dementsprechend an einem idealen Ort für die Installation hoch entwickelter Radar- und Raketensysteme. Letztlich ist sie aber doch nur ein winziger Felsen. Ob die Getreideexporte wieder aufgenommen werden können, liegt zudem nach wie vor in der Hand Russlands.

Das russische Verteidigungsministerium betonte zwar wiederholt, dass der Getreideexport nicht aufgehalten werde. Die Seeblockade wurde allerdings noch nicht beendet. Und die Schlangeninsel hat wenig mit dieser Seeblockade zu tun, denn sie wird hauptsächlich von Kriegsschiffen durchgesetzt.

Dies stellte auch H. I. Sutton, Experte für maritime Verteidigung, pointiert fest: «Die Blockade ist überhaupt nicht von der Schlangeninsel abhängig. Wenn Russland die Getreideschiffe passieren lassen wollte, müssten sie nur eines tun: nicht schiessen.»

Ins gleiche Horn bläst der Cybersecurity-Experte Dmitri Alperowitsch: «Die Blockade kann immer noch mit [der russischen] Hochwasser- und U-Boot-Flotte sowie mit den auf der Krim stationierten Raketen und Flugzeugen durchgesetzt werden.»

Andri Jermak, der ukrainische Präsidialamtschef, liess am Donnerstagmorgen auf Telegram verlauten, dass russische Streitkräfte nach wie vor Getreidesilos attackieren würden. «Am Morgen wurde ein Lagerhaus in der Region Dnjepropetrowsk beschossen», schrieb er.

Ein symbolischer Sieg

Für die Ukraine bleibt der russische Rückzug von der Schlangeninsel trotz strategischen Vorteilen also eher ein symbolischer Sieg. Ob die ukrainischen Streitkräfte zudem überhaupt Personal auf der Insel stationieren werden, bleibt unklar. Denn egal, wer die Insel für sich beansprucht: Sie bleibt anfällig für Angriffe.

Um die Getreideexporte wieder anlaufen zu lassen, braucht es mehr: Die Türkei bemüht sich aktiv um eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine, aber die Aussichten auf ein solches Abkommen scheinen derzeit gering.

Dabei drängt die Zeit: Im Juli werden die nächsten Ernten eingefahren.

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