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Taliban erobern innert kürzester Zeit sechs Städte – was das bedeutet

Der Eroberungszug der Taliban nimmt kein Ende: Über Nacht haben sie unter anderem die zweitgrösste Stadt des Landes eingenommen. Heute Mittag wurde die Eroberung drei weiterer Städte bekannt. Ein Überblick.
13.08.2021, 06:2313.08.2021, 14:26

Tirinkot und Kalat

Mit Tirinkot in der Provinz Urusgan und Kalat in der Provinz Sabul haben die militant-islamistischen Taliban zwei weitere Provinzhauptstädte im Süden des Landes übernommen. Das bestätigten lokale Behördenvertreter der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Demnach sind beide Städte friedlich an die Islamisten übergeben worden. Damit haben die Taliban binnen einer Woche 18 der 34 Provinzhauptstädte eingenommen. In Tirinkot mit geschätzt 116'000 Einwohnern hätten sich alle Sicherheitskräfte den Taliban ergeben, sagte ein Parlamentarier. Sie hätten ohnehin nirgendwohin fliehen können, weil alle Strassen aus der Stadt von den Islamisten blockiert worden seien.

Die Hauptstadt der Nachbarprovinz Sabul, Kalat mit geschätzt 44'000 Einwohnern, sei ebenso kampflos an die Islamisten übergeben worden, hiess es weiter. In den vergangenen Wochen noch hatten die Sicherheitskräfte sich immer wieder Gefechte mit den Taliban am äusseren Ring der Stadt geliefert.

Pul-i Alam

Mit Pul-i Alam haben die militant-islamistischen Taliban eine Provinzhauptstadt nur rund 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt Kabul erobert.

Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt übernommen und den Provinzgouverneur sowie den Geheimdienstchef gefangen genommen, sagten ein Provinzrat und ein Parlamentarier der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Pul-i Alam mit seinen geschätzt 120'000 Einwohnern ist die Hauptstadt der Provinz Logar im Osten des Landes. Aus Sicherheitskreisen heisst es seit längerem, dass in der Provinz Logar Taliban-Kämpfer für einen Angriff auf Kabul versammelt werden. Die Taliban kontrollieren fünf der sieben Bezirke, die zwei näher zur Provinz Kabul liegenden – Choschai und Mohammed Agha – sind umkämpft. Von Pul-i Alam sind es nur rund eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Kabul.

Kandahar

Am Freitagmorgen bestätigten Parlamentarier die Einnahme der zweitgrössten Stadt des Landes, Kandahar, durch die Taliban, ihre bislang wichtigste Eroberung. Kandahar mit seinen mehr als 650'000 Einwohner ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und das wirtschaftliche Zentrum des Südens. Kandahar war der Geburtsort der Taliban-Bewegung in den 1990er Jahren. Die Stadt diente zudem als Hauptstadt der Islamisten während ihrer Herrschaft zwischen 1996 und 2001.

Mehr als drei Wochen lang kam es innerhalb der Stadt zu schweren Zusammenstössen zwischen der Regierung und den Taliban in Kandahar, bevor die Sicherheitskräfte die Stadt räumten, sagte der Parlamentarier Gul Ahmad Kamin, der die Provinz im Parlament vertritt. Die Regierungstruppen hätten schliesslich die wichtigsten Behörden verlassen und im 205. Armeekorps der Provinz Zuflucht gesucht.

Bewaffnete Konflikte: Der Markt in Kandahar ist geschlossen.
Bewaffnete Konflikte: Der Markt in Kandahar ist geschlossen.
Bild: keystone

Laschkaragh

In der Nacht auf den Freitag haben die Taliban auch die wichtige Stadt Laschkargah im Süden Afghanistans eingenommen. Das bestätigten zwei Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Laschkargah in der Provinz Helmand war seit Wochen schwer umkämpft. Viele Afghanen gingen aufgrund der heftigen Angriffe davon aus, dass sie die erste wichtige Stadt sein werde, die an die Islamisten fällt. Als die Regierung Ende Juli nur mehr zwei der zehn Polizeibezirke in der Stadt mit geschätzt 200'000 Einwohnern hielt, wurden aus Kabul noch einmal Spezialkräfte entsandt. Diese schafften es mit Unterstützung durch viele Luftangriffe der afghanischen und der US-Streitkräfte zunächst, die Lage zu stabilisieren, wobei aber auch ein Krankenhaus und eine Universität getroffen wurden.

Nach anhaltenden schweren Angriffen und dem Einsatz auch von Autobomben gegen das noch von der Regierung gehaltene Polizeihauptquartier allerdings wendete sich die Situation in der Nacht zu Freitag zugunsten der Taliban. Der Provinzrat Abdul Madschid Achundsada sagte am Freitagmorgen (Ortszeit), die Taliban hätten die gesamte Stadt eingenommen.

Firus Koh

Mit Firus Koh ist eine weitere Provinzhauptstadt an die Taliban gefallen. Firus Koh in der Provinz Ghor im Westen des Landes sei von den Islamisten übernommen worden, bestätigten ein Provinzrat und eine Parlamentarierin der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Die Stadt mit geschätzt 130'000 Einwohnern sei ohne jeglichen Widerstand von den Islamisten übernommen worden, sagte der Provinzrat Fasel-ul Hak Ehsan. Die Sicherheitskräfte und mehrere Regierungsvertreter hätten sich in eine Militärbasis in der Stadt zurückgezogen.

Die Abgeordnete Fatima Kohistani, die die Provinz im Parlament vertritt, machte dem Gouverneur von Ghor Vorwürfe. Dieser habe fliehen wollen, aber als ihm das nicht gelungen sei, habe er die Stadt an die Islamisten praktisch übergeben. Die Sicherheitskräfte und Offiziellen in der Militärbasis würden nun darauf warten, dass die Taliban ihnen Autos geben würden, damit sie die Stadt verlassen könnten. Es seien praktisch keine Menschen geflohen, sagte die Parlamentarierin weiter. Viele hätten die gleichen Einstellungen wie die Taliban.

Gasni, Herat und Kala-e Nau

Am Donnerstag alleine konnten die Islamisten drei Provinzhauptstädte einnehmen, davon zwei mit grosser Bedeutung. Zunächst eroberten sie das nur 150 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernte Gasni im Südosten. Gasni hat etwa 180'000 Einwohner und liegt an der wichtigen Ringstrasse, die die grössten Städte des Landes verbindet.

Dann übernahmen die Taliban im Westen des Landes mit Herat die drittgrösste Stadt, von der es nur rund 130 Kilometer bis zur iranischen Grenze sind. Dort leben geschätzt 600'000 Menschen. Letztlich übernahmen die Islamisten noch die kleine Provinzhauptstadt Kala-e Nau in der Provinz Badghis im Nordwesten. Vertreter der afghanischen Regierung haben die sich überschlagenden Ereignisse noch nicht kommentiert.

Kabul, Masar-i-Scharif und Dschalalabad

Von den wichtigen Städten hält die Regierung nur noch die Hauptstadt Kabul, Masar-i-Scharif im Norden und Dschalalabad im Osten.

Seit dem Beginn des US- und Nato-Truppenabzugs der USA Anfang Mai haben die Taliban massive Gebietsgewinne verzeichnet. Die Islamisten hatten von 1996 bis zur US-geführten Intervention 2001 weite Teile Afghanistans unter ihrer Kontrolle. Inzwischen ist der Abzug zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Auch die deutsche Bundeswehr und die Soldaten anderer Nato-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Angesichts dieses rasanten Eroberungszuges rechnen US-Geheimdienste einem Medienbericht zufolge damit, dass die Hauptstadt Kabul in 30 bis 90 Tagen in die Hände der Islamisten fallen könnte, berichtete die «Washington Post» diese Woche unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten.

So reagieren die USA

Mehrere Staaten bereiten sich mittlerweile auf die Evakuierung ihrer Botschaftsmitarbeiter und anderer Staatsbürger vor. Die US-Streitkräfte verlegen sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul. Damit solle eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals unterstützt werden, hiess es von einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar – für den Fall, dass Verstärkung gebraucht wird.

Die USA wollen angesichts des Vormarsches der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan ihr Botschaftspersonal in den kommenden Wochen deutlich reduzieren. «Wir gehen davon aus, dass wir unsere diplomatische Präsenz in Afghanistan in den kommenden Wochen auf ein Minimum reduzieren werden», sagte der Sprecher des Aussenministeriums, Ned Price, am Donnerstag.

Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber bis 31. August abgeschlossen werden. Auch Grossbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um die Rückführung von Briten aus Afghanistan zu sichern.

So reagiert die internationale Gemeinschaft

Die Internationale Gemeinschaft wird nach Angaben der US-Regierung keine neue afghanische Regierung anerkennen, falls diese die Macht mit Gewalt an sich gerissen haben sollte. Das sagte der Sprecher des Aussenministeriums, Ned Price, am Donnerstag mit Blick auf den jüngsten Vormarsch der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan. Diese «Botschaft an die Taliban» werde später auch in einer gemeinsamen Stellungnahme mit mehreren internationalen Partnern ausgedrückt werden, sagte Price.

Sprecher des Aussenministeriums, Ned Price.
Sprecher des Aussenministeriums, Ned Price.
Bild: keystone

Auch der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell drohte den Taliban mit Isolation, falls sie die Macht in Afghanistan mit Gewalt an sich reissen sollten. Der deutsche Aussenminister Heiko Maas (SPD) hatte die Taliban am Donnerstag ebenfalls davor gewarnt, ein Kalifat in dem Land zu errichten. Dann werde es «keinen Cent» an deutscher Entwicklungshilfe mehr geben, die derzeit bei rund 430 Millionen Euro pro Jahr liege, sagte Maas. Die US-Regierung hat im Haushaltsentwurf 2022 Hilfen für Afghanistan in Höhe von 3,3 Milliarden US-Dollar vorgesehen.

Die Botschaft in Kabul bleibe aber an ihrem derzeitigen Standort geöffnet. «Wir haben vor, unsere diplomatische Arbeit fortzusetzen», so Price. Das US-Militär werde helfen, einen geordneten und sicheren Abbau unseres Personals zu ermöglichen. (saw/sda/dpa)

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Amerikaner machen den Afghanen

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quelle: u.s. army / sgt. giancarlo casem
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