DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Eine Taliban-Delegation reiste im Juli nach Moskau. Die Islamisten geben sich geläutert, doch vor Ort sieht die Lage ganz anders aus.
Eine Taliban-Delegation reiste im Juli nach Moskau. Die Islamisten geben sich geläutert, doch vor Ort sieht die Lage ganz anders aus.
Bild: keystone

Der Vormarsch der Taliban und das Scheitern des Westens in Afghanistan

Mit der Eroberung der Stadt Kundus ist den Taliban ein symbolträchtiger Erfolg gelungen. Er illustriert, wie wenig es in den letzten 20 Jahren gelungen ist, das Land zu stabilisieren.
09.08.2021, 17:1009.08.2021, 18:12

«Totales Chaos»: Mit diesen Worten beschrieb ein Einwohner von Kundus gegenüber der Nachrichtenagentur dpa die Lage nach der Eroberung durch die Taliban am Sonntag. Es gebe weder Wasser noch Strom, Teile der Stadt seien in Brand geraten. Für die militanten Islamisten ist die Einnahme von Kundus ein besonders gewichtiger Erfolg.

In der Nähe der Stadt unterhielt die deutsche Bundeswehr ein Feldlager. Nun hat sich die afghanische Armee dorthin zurückgezogen. Wie lange sie sich halten kann, ist unklar, denn der Vormarsch der militanten Islamisten scheint unaufhaltsam zu sein. In den letzten Monaten haben die Taliban grosse Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht.

20 Jahre nach ihrer Vertreibung durch eine westliche Allianz mit Unterstützung einheimischer Warlords scheint kaum jemand die Taliban an der Rückeroberung der Macht hindern zu können. Die USA haben fast alle Truppen abgezogen und die Luftwaffenbasis Bagram, einst das «Nervenzentrum» ihrer militärischen Operationen, der afghanischen Armee übergeben.

Biden bleibt auf Kurs

Offiziell soll der US-Einsatz am 11. September enden, auf den Tag genau 20 Jahre nach den Anschlägen, die vom Terrornetz Al Kaida unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan geplant und ausgeführt wurden. Präsident Joe Biden will diesen Entscheid bis zum bitteren Ende durchziehen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für das afghanische Volk.

«Der Präsident hat es klargemacht: Nach 20 Jahren ist es Zeit, dass die amerikanischen Soldaten nach Hause kommen», sagte Pressesprecherin Jen Psaki am letzten Freitag. Schon als Vizepräsident in der Regierung Obama hatte sich Joe Biden für eine starke Reduzierung der Truppenpräsenz ausgesprochen, doch er konnte sich nicht durchsetzen.

Nun gibt es kaum Widerstand gegen seine Entscheidung, obwohl Verteidigungsminister Lloyd Austin und Generalstabschef Mark Milley sich gemäss «New York Times» gegen den Totalabzug ausgesprochen hatten, mit Verweis auf den Aufstieg des «IS» im Irak. Doch eine grosse Mehrheit der Amerikaner hat genug vom Endlos-Krieg in einem fernen Land.

Die Amerikaner haben die Luftwaffenbasis Bagram den Afghanen übergeben.
Die Amerikaner haben die Luftwaffenbasis Bagram den Afghanen übergeben.
Bild: keystone

In gewisser Weise war dieses Scheitern programmiert. «Afghanistan war und ist ein Mosaik von Ethnien, Sprachen, Kulturen und Stämmen. Deshalb war eine permanente Eroberung dieses Landes so schwierig», schreibt der «Independent»-Kolumnist Patrick Cockburn. Schon das britische Empire und die Sowjetunion waren gedemütigt abgezogen.

Schwache Zentralregierung

Der Versuch, «eine zutiefst konservative Gesellschaft in eine westliche Demokratie umzubauen, war beschämend, hat das Land korrumpiert, manchmal mehr geschadet als genutzt», klagt «Die Zeit». Die mit Milliarden gestützte Zentralregierung in Kabul verstrickte sich in Machtkämpfe und schaffte es nie, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Ein Teil des Problems waren die Warlords, die nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder die Macht in ihren Hochburgen übernommen hatten. Sie waren vor allem an der Sicherung ihrer Vorherrschaft und ihrer Pfründe interessiert und trugen dazu bei, dass in Afghanistan kein starker, demokratischer Nationalstaat entstehen konnte.

Soldaten rennen statt zu kämpfen

Die grassierende Korruption beschädigte auch die mit riesigem Aufwand ausgebildete afghanische Armee. Manche Soldaten verkauften ihre Ausrüstung den Taliban, weil sie damit mehr verdienten als mit ihrem Sold, der erst noch unregelmässig ausbezahlt wurde. Auch jetzt gibt es Berichte, wonach die Soldaten wegrennen statt zu kämpfen.

In der afghanischen Armee kämpfen auch Frauen. Sie wissen, was sie zu verlieren haben.
In der afghanischen Armee kämpfen auch Frauen. Sie wissen, was sie zu verlieren haben.
Bild: keystone

In China, Iran oder Russland müsste das Scheitern der USA für hämische Kommentare sorgen. Doch den Vormarsch der Taliban verfolgt man mit Sorge. Der Iran, welcher mit Afghanistan eine fast 1000 Kilometer lange Grenze teilt, fürchtet eine Flüchtlingswelle. Der russische Aussenminister Sergej Lawrow kritisierte den «überstürzten» Abzug der westlichen Truppen.

Das wahre Gesicht der Taliban

Um die Befürchtungen zu zerstreuen, besuchte eine hochrangige Delegation der Taliban in den letzten Wochen Moskau und Peking. Überwinden konnte sie das Misstrauen nicht, mit gutem Grund. Auf internationalem Parkett geben sich die Taliban gerne geläutert. Man wolle Mädchen die Schulbildung erlauben und keine Terroristen mehr unterstützen, heisst es.

Berichte aus den eroberten Gebieten zeigen ein ganz anderes Bild. Frauen werden eingesperrt und zwangsverheiratet, Mädchenschulen geschlossen und Mitarbeiter der Regierung oder der westlichen Truppen hingerichtet. Es ist der gleiche üble Steinzeit-Islamismus wie während der Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001.

Widerstand formiert sich

Genau das aber könnte den Widerstand zumindest in Teilen des Vielvölkerstaates mobilisieren. Das betrifft etwa die schiitische Minderheit der Hazara, die von den sunnitischen Taliban einst brutal unterdrückt wurden. Auch die Nordallianz, die den Westen beim Sturz der Taliban unterstützt hatte, könnte eine Wiederbelebung erfahren.

In Paris wurde im März eine Allee nach dem ermordeten Ahmed Schah Massud benannt. Sein gleichnamiger Sohn will den Kampf fortsetzen.
In Paris wurde im März eine Allee nach dem ermordeten Ahmed Schah Massud benannt. Sein gleichnamiger Sohn will den Kampf fortsetzen.
Bild: keystone

Eines ihrer Zentren ist das fruchtbare, von hohen Bergen umgebene Pandschir-Tal. Am Widerstandswillen der dortigen Bevölkerung hatten sich die Taliban schon während ihrer damaligen Herrschaft die Zähne ausgebissen. Verkörpert wurde er vom tadschikischen Warlord Ahmed Schah Massud, der auch «Löwe von Pandschir» genannt wurde.

Die Jungen haben viel zu verlieren

Massud wurde von zwei Al-Kaida-Attentätern, die sich als belgisches Fernsehteam getarnt hatten, mit einer präparierten Kamera in die Luft gesprengt. Das war am 9. September 2001, zwei Tage vor 9/11. In Afghanistan wird er als Nationalheld verehrt. Heute scheinen seine Anhänger im Pandschir-Tal gewillt, erneut gegen die Taliban zu kämpfen.

Und schliesslich sind da jene jungen Afghanen und vor allem Afghaninnen, die sich mit den westlichen Werten identifizieren und zumindest ansatzweise eine funktionierende Zivilgesellschaft aufgebaut haben. Sie haben besonders viel zu verlieren. Deshalb besteht die Hoffnung, dass zumindest die Hauptstadt Kabul dem Ansturm standhalten kann.

Es droht das Schlimmste

Die türkische Armee soll die Verteidigung des strategisch wichtigen Flughafens übernehmen. Joe Biden hat zudem Tausenden Hilfskräften, die von den Taliban das Schlimmste zu befürchten haben, Asyl versprochen. Militärisch aber will sich der US-Präsident laut «New York Times» mit beschränkten Luftangriffen begnügen.

Ob das reicht, um die Taliban zu stoppen? Die Islamisten scheinen wild entschlossen, ihre vor 20 Jahren verlorene Macht zurückzuerobern und einen symbolträchtigen Sieg über den Westen zu feiern. In diesem Fall befürchten Beobachter das Schlimmste, in Form von Massakern an der Zivilbevölkerung und einer gigantischen Flüchtlingswelle.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Autobombe explodiert in Kabul

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Für die Taliban steht die Scharia über allem – das Problem ist deren Interpretation

Der Islamwissenschafter Amir Dziri ist pessimistisch, was die Auslegung der Scharia durch die Taliban betrifft.

Mit ihrer Machtübernahme haben die Taliban in Afghanistan erklärt, dass die Scharia, das Islamische Recht, nun über allem steht. Die Scharia ist für viele ein Reizbegriff, auch weil nicht verstanden wird, was er eigentlich bedeutet. Da es die Scharia zudem auch zuvor schon gab, stellt sich die Frage, welche Scharia die Taliban denn eigentlich meinen.

Um das zu verstehen, muss man wissen, was die Grundbedeutung der Scharia ist. «Sie ist ein Normenkodex oder eine normative Orientierung, die …

Artikel lesen
Link zum Artikel