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Prozess gegen Donald Trump wird am Montag fortgesetzt

Wie Richter Juan Merchan Trump und seine Provokationen ins Leere laufen lässt

Juan Merchan leitet in New York den ersten Strafprozess gegen den rechten Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Der Richter musste bereits in der ersten Woche herausfinden: Das ist harte Arbeit.
22.04.2024, 05:30
Renzo Ruf, Washington / ch media
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Sein erstes Ziel hat Richter Juan Merchan bereits erreicht. Die Auswahl der Geschworenen, die in New York in den nächsten Wochen über Ex-Präsident Donald Trump zu Gericht sitzen werden, ist nicht zu einem Spektakel verkommen.

FILE - Judge Juan M. Merchan poses in his chambers in New York, March 14, 2024. Merchan is the judge presiding over Donald Trump's hush money trial. He was also the judge in the Trump Organizatio ...
Juan Merchan liess sich bisher auf keinerlei Provokationen Trumps ein. Bild: keystone

Entgegen den Prognosen ging die Prozedur vielmehr schnell vorwärts. Bereits am Donnerstag waren alle zwölf Geschworenen ausgewählt, die über Trump Gericht sitzen werden. Am Freitag muss nun nur noch die Suche nach Ersatz-Geschworenen abgeschlossen werden.

Anscheinend gibt es auch in New York City, einer Hochburg der Demokratischen Partei, ausreichend Menschen, die sagen: Ich kann unparteiisch beurteilen, ob eine der kontroversesten Figuren der zeitgenössischen Geschichte die Gesetze des Bundesstaates New York gebrochen hat. Trump wird beschuldigt, im Zusammenhang mit einer Schweigegeldzahlung an eine Porno-Schauspielerin im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gegen lokale Vorschriften verstossen zu haben.

Richter zu Trump: «Ich werde das nicht tolerieren!»

Etwas weniger erfolgreich war Merchan hingegen bei seiner anderen Hauptaufgabe: der Zähmung des Angeklagten. Immer wieder fiel Trump in den ersten Prozesstagen im Raum 1530 des trutzigen Gerichtsgebäudes an der Südspitze von Manhattan mit seinem Verhalten auf. Der Richter musste ihn sogar scharf ermahnen, er solle es unterlassen, einschüchternde Kommentare über potenzielle Geschworene abzugeben. «Ich werde das nicht tolerieren», sagte der Richter an die Adresse von Trumps Anwälten.

New York Supreme Court Judge Juan Merchan listens as Emil Bove, a member of former President Donald Trump's legal team, argues for his client during Sandoval's hearing, amid his criminal tri ...
Trump mit seinem Anwalt Emil Bove, im Hintergrund Richter Juan Merchan.Bild: keystone

Ausserhalb des Gerichtssaals, im farblosen Korridor des New York County Supreme Courts, kann Trump hingegen sagen, was er will. Vor und nach den Verhandlungen gibt er jeweils Stellungnahmen ab, die an seine Wahlkampfauftritte erinnern. Immer wieder fällt dabei auch der Name von Juan Merchan.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat behauptet, der Richter sei Teil einer politischen Verschwörung, habe es auf ihn abgesehen und wolle ihm den Mund verbieten. Zuletzt beklagte er sich auch darüber, dass der Richter es ihm angeblich verboten habe, Mitte Mai an einer Schulfeier seines jüngsten Sohnes Barron teilzunehmen – obwohl der Richter in dieser Frage noch gar nicht entschieden hatte.

Merchan entschied sich bisher, diese Provokationen weitgehend zu ignorieren. Er weiss, dass er auf einem schmalen Grat wandert. Einerseits kann es kein amerikanischer Richter tolerieren, wenn ein Angeklagter ihn derart aggressiv attackiert, immer und immer wieder.

Andererseits ist Trump kein gewöhnlicher Angeklagter. Als Präsidentschaftskandidat einer Grosspartei, der mitten im Wahlkampf steht, hat er einen grösseren Spielraum – auch weil er sich auf seine in der Verfassung verbriefte Redefreiheit berufen kann.

Und natürlich verfolgt Trump mit seinen Sticheleien gegen den angeblich parteiischen Richter auch seine eigene Strategie. Er und seine Anwälte sammeln bereits jetzt Material für eine allfällige Berufung – sollte der Angeklagte tatsächlich von den Geschworenen für «schuldig» gesprochen werden. Merchan ist sich dessen bewusst, weil er Erfahrung mit dieser Taktik hat.

2022 leitete er einen Strafprozess gegen das Familienunternehmen des Ex-Präsidenten; und 2023 schickte der Richter den langjährigen Finanzchef der Trump Organization hinter Gitter. Beide Verfahren gaben Merchan Einblick in die Strategie, mit der Trump die Arbeit der Ermittlungsbehörden zu sabotieren versucht.

Richter steht den Demokraten nahe

Merchan amtiert seit 2006 als Richter, ernannt vom damaligen (parteiunabhängigen) Stadtpräsidenten Michael Bloomberg. Der gebürtige Kolumbianer steht den Demokraten nahe; im Präsidentschaftswahlkampf 2020 spendete er unter anderem 15 Dollar für Präsident Joe Biden.

Mehr zu Juan Merchan:

Unter New Yorker Juristen geniesst der Lokalrichter grosses Ansehen. Selbst Anwälte von Angeklagten lobten ihn in der Vergangenheit für seine faire Verhandlungsführung und dafür, dass er stets ausgesprochen gut vorbereitet gewesen sei.

Schwer vorstellbar, dass sich auch Donald John Trump, die Hauptfigur im aktuellen Prozess, bald anerkennend über Juan Merchan äussern wird. (aargauerzeitung.ch)

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75 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tanuki
22.04.2024 07:48registriert März 2014
Für Trump spielt es keine Rolle ob der Richter fair ist oder nicht. Für ihn ist das Wahlkampf. Seine Opferhaltung ist zum k*tzen.
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das hani ghört
22.04.2024 08:02registriert Oktober 2019
Richter Merchan zeigt inmitten von Trumps Provokationen bemerkenswerte Standhaftigkeit und Professionalität. Seine Fähigkeit, die Rechtsstaatlichkeit zu wahren und dabei fair zu bleiben, verdient Anerkennung. Seine Erfahrung und sein Ruf als fairer Richter stärken das Vertrauen in die Justiz.
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closer2edit
22.04.2024 07:30registriert September 2023
15 Dollar. 15 fricking Dollar. Das dies überhaupt erwähnt wird. Wie weit haben wir es als Menschheit gebracht? Es ist nicht zu glauben, wie tief die Messlatte bereits hängt.
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