Eine Frame-für-Frame-Analyse der zweiten Tötung in Minneapolis
Zwei tote US-Bürger seit Jahresbeginn – erschossen von maskierten Bundesagenten auf offener Strasse. Das ist die Bilanz der aktuellen grossangelegten ICE-Operation in Minnesota. Alex Pretti, ein 37-jähriger Krankenpfleger für Veteranen, wurde am Samstag in der Grossstadt Minneapolis von mehreren Bundesbeamten niedergerungen und dann erschossen.
Hier ist der Moment im Video:
Dieses Mal gehörten die Agenten nicht zur berüchtigten US-Immigrations- und Zollbehörde ICE, die in letzter Zeit für viele Schlagzeilen gesorgt hat, sondern zur «Border Patrol». Die beiden Behörden führen ihre Operationen oft gemeinsam durch.
Eine offizielle Darstellung des Vorfalls folgte prompt. So schilderte das US-Heimatschutzministeriums, dem sowohl die Border Patrol als auch ICE angehören, das Geschehen:
At 9:05 AM CT, as DHS law enforcement officers were conducting a targeted operation in Minneapolis against an illegal alien wanted for violent assault, an individual approached US Border Patrol officers with a 9 mm semi-automatic handgun, seen here.
— Homeland Security (@DHSgov) January 24, 2026
The officers attempted to… pic.twitter.com/5Y50mYONGH
Wie bereits am 7. Januar, als der dreifachen Mutter Renee Nicole Good in ihrem Auto aus nächster Nähe dreimal ins Gesicht geschossen wurde, stellte sich die Behörde hinter die beteiligten Agenten und stellte die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen – ohne die Ergebnisse einer Untersuchung abzuwarten.
Behörden bezeichnen Opfer als Terroristen
Das Narrativ: Alex Pretti habe die Bundesagenten bei ihrer Tätigkeit behindert und sich ihnen bewaffnet genähert. Als man ihn habe entwaffnen wollen, habe er sich gewaltsam gewehrt, woraufhin ihn ein Agent aus Angst um sein Leben und das Leben seiner Kollegen erschossen habe.
Weiter wollen die Behörden Pretti nun als Terroristen framen, der geplant habe, «maximalen Schaden» anzurichten und «Strafverfolger zu töten». Zu diesem Schluss kommen sie, weil bei ihm zwei volle Magazine und keine ID gefunden worden seien. Auch Kristi Noem, Ministerin für Innere Sicherheit und damit die Vorsteherin von «Homeland Security», wählte exakt diese Darstellung der Ereignisse bei einer Pressekonferenz.
Pretti war ein registrierter Waffenbesitzer und durfte seine Waffe gemäss den Regeln des Bundesstaates verdeckt tragen.
Das zeigen die Videos des Vorfalls
Es existieren mehrere Handyvideos, die den Moment von Prettis Tötung aus verschiedenen Perspektiven aufzeichneten. Aus ihnen wird klar ersichtlich, dass der Mann erstens keinen Widerstand leistete und zweitens bereits entwaffnet war, bevor die tödlichen Schüsse fielen.
Mehrere Medien, darunter etwa das Investigativportal «Bellingcat», haben die Videos Frame für Frame analysiert, um zu diesem Schluss zu kommen. Achtung: Wir zeigen jetzt Screenshots dieser Videos und damit die letzten Augenblicke des Lebens von Alex Pretti.
Am Anfang der Videos ist zu sehen, wie Pretti (mittig im Bild) offenbar einer Frau in brauner Jacke (links) zu Hilfe eilen will, die von den «Border Patrol»-Agenten mit Pfefferspray attackiert wird. Wie aus verschiedenen Perspektiven zu sehen ist, nähert er sich dem Beamten mit erhobenen Händen – nicht wie von offizieller Seite beschrieben «aggressiv».
Pretti wird in der Folge von einem halben Dutzend Bundesagenten zu Boden gerungen und bekommt selbst aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht. Er kniet am Boden und auch seine Handflächen sind gegen den Boden gepresst.
An dieser Stelle tritt ein Bundesagent in grauer Jacke ins Geschehen. Er betritt das Gerangel unbewaffnet, beugt sich über den niedergehaltenen Pretti.
In den Videos ist zu hören, wie jemand «Gun!» – also «Waffe» – schreit. Dann entfernt sich der Agent in der grauen Jacke. In der Hand hält er nun eine Pistole – wie Bilder zeigen genau diejenige, von der «Homeland Security» später ein Foto veröffentlichte.
Erst als der Mann einige Schritte entfernt war, fielen mehrere Schüsse. Pretti bäumte sich noch kurz auf und brach dann zusammen. Er starb noch vor Ort. Wer die ganze Analyse in Bewegtbild sehen will, findet hier das Video von «Bellingcat».
Fazit: Die Darstellung, dass Pretti sich beim Versuch, ihn zu entwaffnen, aggressiv verhalten hat und deshalb aus Notwehr erschossen werden musste, hält den Tatsachen nicht stand.
Darstellung der Regierung verfängt
Trotz der eigentlich eindeutigen Beweislage und mehrerer Videos, die das Geschehen klar aufgezeichnet haben, ist es den Behörden gelungen, Skepsis in der Bevölkerung zu säen. Auf der Plattform X werden aktuell etwa Bilder veröffentlicht, die zeigen sollen, dass Pretti seine Waffe eigentlich gezogen haben soll.
Close up of Alex pulling his firearm.
— American Values 🇺🇸 (@AVGirl4Life) January 26, 2026
Why are democratic politicians pushing propaganda that he was murdered? pic.twitter.com/hTcOVvqspJ
Wenn man sich das ganze Bild anschaut, wird schnell klar, dass es sich um einen Fake handelt.
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